zu Siegbert gewandt , der nachdenklich das Haupt stützte : Sie werden gestehen , daß mich diese kleine Emanzipirte sehr falsch beurtheilt , wenn sie glaubt , daß ich nur gemeiner Empfindungen fähig bin ! Gibt es etwas Heroischeres , als den Reiz , den mir dieser allerliebste Flüchtling verursacht , unterdrücken und dem Manne , dem sie ihr Herz so offen und frei anträgt , den ganzen Einblick in ihr Inneres zu gönnen , ja dasselbe ihm darzubieten ? Ich bitte mir aus , daß Sie einen Dichter für diesen Gegenstand interessiren ! Herr Baron , sagte Siegbert und drückte dem wirklich trotz der Ironie bewegten Dystra die Hand , ich selbst werde volle Kraft besitzen , diese Neigung in mir zu ersticken . Wenn Olga unter allen Schmeicheleien , denen sie sich durch ihren gewagten Schritt ausgesetzt hat , die Ägide einer ihr heiligen Neigung durch mich sich schmiedete , so ist Das auf dem gefährlichen Boden , Heinrichson gegenüber und in der Umgebung der excentrischen Helene , vorläufig vortheilhaft . Ich bin der Stab , an dem das Pflänzchen aufwachsen mag . Ist es erstarkt , so wird es Ihnen ohne mich blühen . Warum sollten Sie nicht der Gatte Olga ' s werden ? Es wird so kommen , nicht anders und seien Sie versichert , Ihre Güte , Ihr Vertrauen ist an keinen Unwürdigen verschwendet ... Dystra schien nicht ohne Trauer . Offenbar waren seine Scherze über dies Verhältniß nur Deckmäntel seiner wahren Gesinnung , die in der That in alle Dem , was der dem Sonderbaren geneigte Mann von Olga erfuhr , einen lebhaften Stachel seines Interesses fühlte . Er hörte aber darum nicht auf , den Brüdern Wildungen mit voller Seele anzugehören und wurde nicht nur ihr » Freund « , wie der oberflächliche Ausdruck der großen Welt wohl lautet , sondern ihr geheimster Vertrauter und ihnen auch der Gesinnung nach wenigstens gleichgestimmt , wenn auch sein Skepticismus keine politische Schwärmerei aufkommen ließ . Schwieriger war Siegbert ' s Begegnung mit der Fürstin . Die mußte doch endlich auch stattfinden . Die mußte doch irgendwie eingeleitet werden . Rudhard fühlte dies selbst , obgleich er inständigst bat , das Wiedersehen nicht zu übereilen und Siegbert ' s Rückkehr so lange geheim zu halten als nur möglich . Der rationalistische Kopf , der in seinem Priesteramte nur im Grunde einen Beruf sah , die Menschen aus unklaren religiösen Stimmungen aufzustören und Das für Religion gelten zu lassen , was Begriff , logische Thatsache war ... ihm geschah die wunderliche Nothwendigkeit , Siegberten zu rathen , am zweiten Adventssonntage in die Stadtkirche zu gehen und dort nicht weit von dem Stuhle , der Anna von Harder gehörte , die Fürstin zuerst flüchtig und vorläufig zu begrüßen . So vertraute er schon dem mildernden Gegendruck der religiösen Stimmung . Siegbert war nicht abgeneigt , die Fürstin auf diese Art zuerst zu sehen . Propst Gelbsattel predigte und diesem hatte er ohnehin der Schönau ' schen Empfehlung wegen zu danken . Anna von Harder und die Fürstin , in Pelze gehüllt , waren unter dem immer gefüllten Auditorium , das der gefeierte Kanzelredner trotz seiner Opposition gegen die Zeit und ihre Strebungen versammelte . Siegbert grüßte sie , als die wie immer geistreiche , aber innerlichst unwahre Predigt vorüber war . Die Fürstin erblaßte und wartete den Segen nicht ab , ohne den Anna von Harder nicht gehen wollte . Auch Anna erkannte Siegbert und grüßte mit der ganzen Huld , die ihr immer in jeder Lage eigen war ... Nun sah Rudhard freilich mit Schrecken , daß die Fürstin , kaum nach Hause gefahren - - die Livrée Grün mit Gold trug noch immer Peters - in einen heftigen Weinkrampf ausbrach , nicht zu Tisch kam , die Kinder von sich wies , sich einschloß und mit allen Leidenschaften ihrer aufgeregten Brust kämpfte ; allein es war doch , als Siegbert dann einige Tage später wirklich kam und nun vor ihr saß , der erste Sturm glücklich vorüber und gefaßter und würdiger konnte ihm Adele Wäsämskoi die Hand reichen und mit ihm über ihr Leben , ihren mannichfach veränderten Umgang , über seine inzwischen erfahrenen Schicksale sprechen ... Dann kam Weihnachten heran ... Die Kinder schmiegten sich wieder dem alten Freunde an ... Rudhard zwar zuckte die Achseln und die Fürstin nahm Siegberten wie früher als ein Element , das zu ihrem Leben gehörte , wenn auch ohne Leidenschaft , ohne irgend eine Zumuthung ihrer schlummernden Gefühle . Doch von Olga durfte nicht gesprochen werden , auch von Dystra nicht viel , der ihr , wie sie sich auch schon ausdrückte , nicht » sympathisch « war . Rudhard blinkte Siegberten bei diesem Worte zu und sagte ihm später im Vertrauen , daß dies eines jener Wörter wäre , die Adele hier nun auch schon aufgriffe und gegen die er vergebens den Don Quixote , den Gil Blas , Tausend und eine Nacht und ähnliche , wenn auch altbackne , doch bewährte Lectüre empföhle , deren Wirkung sich bei Peters noch immer sichtbar zeige , denn Der ließe seine Frau ruhig schalten und walten in dem Etablissement der Herren Hitzreuter und Niemand ertappe ihn mehr auf melancholischen Scheidungsgedanken , im Gegentheil spekulire er , wenn seine Katherine einige Tausend Thaler zusammengebracht hätte , sich irgendwo auf eine solide Ökonomie zurückzuziehen ... Von Dankmar berichten wir noch , daß er gegen Weihnachten mit Siegbert eine jener Ausstellungen , die um diese Zeit die vornehme Welt zur Unterstützung wohlthätiger Zwecke veranstaltete , besuchte und dort auch Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz wiedersah . In einem großen Saale , wo Gräfinnen und Baronessen vor zierlichen kleinen Boutiken die eingelieferten Gegenstände verkauften , behauptete sie einen Stand , der dicht an einer großen Blumendecoration errichtet war , die dem Gipsbrustbilde des Königs galt . Dankmar , der sich dieser Begegnung nicht versah , grüßte lächelnd . Das Fräulein erwiderte hocherröthend . Der Saal war nicht übermäßig gefüllt , doch auch