des Gemüths , ja wie er sich gestand , auch mit dem Vorurtheile eines gewissen Gelehrtenstolzes bekämpft hatte . Während Dankmar ungetheilt strebsam arbeitete , wollte Siegbert auch wieder bei Professor Berg seinen alten Platz im Atelier einnehmen , wurde aber freilich durch die Beziehung zu Otto von Dystra , zu Rudhard und vor Allem zur Fürstin Wäsämskoi in seinem Schaffen oft gestört ... Die Fürstin Adele Wäsämskoi hatte in der That mehr durch den Gegendruck ihres Kindes , das ihr plötzlich unter der Hand so jungfräulich sich entwickelte , als durch eigne bewußte Gefühlswärme für Siegbert Wildungen eine leidenschaftliche Neigung gefaßt . Im ersten Augenblick der Abreise Siegbert ' s gerieth sie in Verzweiflung . Sie glaubte , diese Abreise stünde im Zusammenhange mit Olga ' s Flucht . Als sie aber gewiß war , daß Olga bei ihrer Schwester , Siegbert auf dem Lande war , kämpfte sie mit dem Plan , ihn zu überraschen . Ihre Briefe , in denen freilich ihr Stolz und ihr Schicklichkeitsgefühl sich nichts vergab , waren voll Neckereien , sie werde ihm folgen , sein Treiben untersuchen , seine neuen Bekanntschaften prüfen . Dann aber zerstreute sie Otto von Dystra ' s Ankunft und das Studium dieses sonderbaren Charakters . Das innerste Wesen dieses Mannes war , schien es , die Universalität . Ein echter Sohn des neunzehnten Jahrhunderts begrüßte er jede nur irgendwie über das Gewöhnliche hervorragende Lebensäußerung wie ein Phänomen , das sein ganzes Interesse in Anspruch nahm . Mit Leidenfrost , den er einst aus Polen als Bedienten entführt hatte und den er als so vielseitig gebildeten Geist wiederfand , konnte er die bizarrsten Ideensprünge versuchen , mit Rudhard philosophiren , mit Dankmar über Rechtsfragen , mit Louis Armand über die Gewerbe reden , er war die verkörperte geistige Gourmandise dieser Zeit . Er schlürfte Alles ein , was die Zeit an seltsamen Gestaltungen bot . Er sammelte Kupferstiche mit Gelbsattel , Autographen mit Voland , Münzen , phrenologische Abgüsse , Alterthümer mit einer Menge von alten und neuen Bekanntschaften , die ihm alle selbst wieder von psychologischem Werthe waren . Sein Ideal waren Kongresse , große Industrieausstellungen , gemeinschaftliche Reisen , Vereinswirksamkeiten aller Art , wobei ihm selbst der Sozialismus Bedeutung gewann und überhaupt die Ideen der Neuerung nichts Schreckhaftes boten . Sein Tisch war von Prospekten , Aktien , Cirkulären zu Unterschriften nie leer . Jede angekündigte Schaustellung mußte er sehen , jede berühmte Persönlichkeit sprechen und sollte er sie mit seinem verwachsenen , aber behenden Körper erst unter einem Dache aufsuchen . Dystra war ein liebenswürdiger Mensch , voll Gemüth und Verstand , duldsam , theilnehmend an jedem Schmerz , hülfreich , wo er konnte . Für jeden Angriff hatte er eine Vertheidigung , für jeden Irrthum eine Entschuldigung . Die Frauen stritten um ihn , weil er witzig , voll treffender und doch Niemanden verwundender Einfälle war . Man machte ihm Geschenke , neidete sich um seine kleinen Billets , die immer einen witzigen Einfall brachten , und dennoch versank er nicht in Egoismus , sondern gehörte dem Allgemeinen . Auch gegen die Fürstin war der Freund ihres verstorbenen Gatten voller Aufmerksamkeit und ließ sie nicht im Mindesten fühlen , daß Rudhard , im Drange der Aufrichtigkeit , ihn , als einen edlen Menschen , den man nicht täuschen durfte , über den Stand der ganzen Familie au fait gesetzt hatte . Auch Anna von Harder , die den Winter in der Stadt wohnte , lernte Dystra kennen , obgleich die Musik das Einzige war , dessen Organ ihm zu fehlen schien . Dennoch trug er viel dazu bei , daß die Fürstin sich Anna immer inniger anschloß . Anna weckte wieder die musikalischen Talente der jungen Frau , die eingeschlummert waren . Sie gab ihr Anknüpfungen für das Bedürfniß , aus einer gewissen geistigen Ohnmacht herauszukommen und sich in klaren Empfindungen zu stärken ... Anna von Harder hatte nichts , was im Mindesten an das Bestreben erinnerte , für ihre , allerdings mehr religiöse , als poetische Weltauffassung Proselyten zu machen , aber diese Proselyten kamen von selbst . Ihre Ruhe , ihre erprobte Kraft im Dulden , ihre heitre Gottergebenheit und das emsige Walten um den weltscheuen , nur seinem Berufe und seinen Liebhabereien lebenden uralten Greis , ihren Schwiegervater , den wir bald näher kennen lernen werden , gaben ihr das Wesen eines so festen Mittelpunktes , daß sie unwillkürlich magnetisch anzog und sich eine Menge kleinerer , schwächerer Naturen an sie ansetzten . Die Fürstin Wäsämskoi gefiel sich alle Mal darin , von ihr wie ein Kind behandelt und wie neu erzogen zu werden und Rudhard , so sehr er der Geistesrichtung Anna von Harder ' s abgeneigt war , ließ Das gehen . Er störte sie nicht . Sah er doch , wie beruhigend dieser Umgang wirkte , wie der aufgeregte Vulkan ihrer Gefühle nachließ zu kochen und zu drohen . Er sah , wenn er an die Verirrung von diesem Herbste dachte , schon nur noch die Asche davon . Nun kam freilich Siegbert zurück ! Er war durch den Trauerfall , durch den Aufenthalt unter bedeutenden Menschen und die Abwechselungen der Reise männlicher , gereifter geworden . Er hatte immer etwas von jenen sanften , bestrickenden Männernaturen , die man mit den Christusköpfen vergleicht und sah dem Heilande , wo er mit blondem Haar dargestellt wird , in der That so ähnlich , daß ihn jede am Manne Gemüth und Nachgiebigkeit , nicht Witz und Thatkraft allein schätzende Frau hochverehren und lieben mußte . Aber nun war er männlicher denn je . Otto von Dystra erkannte seine siegende Wirkung auch sogleich und machte sich ihrer in Siegbert ' s Gegenwart kein Hehl ... O mein Himmel , sagte er ihm mit der größten Aufrichtigkeit , als er neben ihm im Hotel de Rome um einen Kopf niedriger auf dem Sopha saß ( Dankmar ' n , der ihn einführte , gegenüber ) , o mein Himmel , was