“ Ach so — natürlich ! Ich vergaß — junge Damen reisen ja nicht allein . ” Er sah sie schalkhaft von der Seite an . Die Stelle seiner früheren Herbheit nahm nun eine lächelnde Ironie ein , welche Agathe sehr gut gefiel . “ Ja — also , denke Dir : Ich komme von meinem Spaziergang zurück , da sagt mir die Kellnerin , eine Gesellschaft warte auf mich , und eine junge Dame wäre mir entgegen gegangen ! ” “ Aber — keine Rede . . . . Ich bin Dir nicht entgegen gegangen , ” rief Agathe . “ Was — keine Rede . . . . Und ich stehe hier und vergehe vor Neugierde , wer die schöne junge Dame sein kann , die mich suchen will ! — Da mögt ihr am Ende gar nichts von mir wissen ? ” “ O doch — vorhin haben uns ein paar Herren gesagt , Du hättest so ein bedeutendes Buch geschrieben ? ” Martin Greffinger lachte hell auf . “ Und Ihr dachtet , ich säße irgendwo im Zuchthaus ? Das ist ja ausgezeichnet ! — Wer waren die Herren ? ” “ Professor Bürkner aus Zürich . ” “ So — ja ! Der hat mein “ Buch der Freiheit ” besprochen . — Ist er noch hier ? ” “ Ja — er hat sich mit Papa angefreundet . Sage nur , Martin — bleibst Du heut Abend ? ” “ Heut Abend ? ” rief Greffinger vergnügt , “ ich habe mich vorhin für eine Woche hier in Pension gegeben . ” “ Ach , das ist hübsch ! ” “ Ihr wohnt auch hier im Haus ? ” “ Ja . ” Ein Schatten ging über Greffingers charaktervolles Gesicht . Seine Augen blickten nachdenklich zu Boden . Und als sie dann wieder auf seiner Cousine weilten , war die Freude und der Glanz aus ihnen verschwunden . Das Urteil des schweizer Professors über Greffinger blieb nicht ohne Einfluß auf den Ton , in dem der Regierungsrat Heidling seinen Neffen begrüßte . Martin schien sich ja doch aus seinen früheren Verirrungen herausgearbeitet zu haben ! Man befand sich zudem im Ausland , und an der Carriere war nichts mehr zu verderben . Der Regierungsrat unternahm es , die Herren mit Greffinger bekannt zu machen . Bei dem schwankenden Schein der Windlichter verlebte man einen vergnügten Abend unter der Edelkastanie des Hotelgartens . Goldenen Asti im Glase , stieß Greffinger mit Agathe an , auf ihr Wiedersehen in der freien Schweiz . Eine Fülle von Kindheitserinnerungen überkamen den Heimatlosen — ein Gedenken an die ersten beklemmenden süßen Gefühle , an den ersten Sinnenrausch , den das Mädchen da neben ihm geweckt . . . . Was hatte er empfunden , als sie miteinander den Herwegh deklamierten im sommerheißen Parke von Bornau ! Er fand plötzlich wieder Interesse für alle die Menschen , an die er jahrelang nicht gedacht . “ Wie geht es Eugenie ? ” “ Drei Kinder — und Walter wird demnächst Hauptmann . ” “ Mimi ? — Diakonissin ? Wenn es sie glücklich macht . Der Geschmack ist verschieden ! ” “ Und Du , Agathe , wie lebst Du ? ” “ Wie ' s so geht . . . . Onkel Gustav war krank , ein halbes Jahr , dann Mama ein Vierteljahr . ” “ Du hast es schwer gehabt . ” Es antwortete ihm kein Blick . Ihre Augen senkten sich , und ihr verblühtes Antlitz wurde noch dürftiger und spitzer . “ Agathe , soll ich Dich morgen auf dem See rudern ? ” “ Ach Martin , willst Du wirklich ? ” Sie fuhren auf dem Wasser , oder sie saßen in der Veranda der kleinen Wirtschaft unten am See und sprachen mancherlei . Agathe war dem Professor Bürkner unendlich dankbar , daß er ihren Vater zu weiten Ausflügen beredete , an welchen Damen nicht teilnehmen konnten . Auch Martin hielt sich zurück . Er hatte zu arbeiten . Dann kam er später und holte Agathe ab . Der Gerichtsrätin ältliche Tochter sah ihnen neidisch nach . Greffinger behandelte Agathe wie eine alte Freundin , der man Vertrauen schenken konnte . Und sie war nicht verliebt in ihn — Gott sei Dank ! Aber was er ihr von seinem Leben , seinem Streben und Denken sagte , interessierte sie brennend und regte sie beinahe ebenso auf , als machte er ihr den Hof . Es war ihr alles so neu , so überraschend , so ganz verschieden von dem , was sie sich vorgestellt hatte . Die Parteibande der Sozialdemokratie hatte er schon längst durchbrochen . “ Das ist auch ein Wahn und eine Form der Tyrannei , die die arme Menschheit erst gründlich durchkosten und dann überwinden muß . . . ” — Warum er Agathe so tief in sein absonderliches Grübeln hineinsehen ließ ? Das fragte sie sich mit Verwunderung . Sie konnte ihm selten antworten , sie redete nicht seine Sprache . Sie verstand seine Ausdrücke oft nicht einmal und stellte sich etwas anderes unter seinen Worten vor , als er meinte . Und doch erfüllte seine Freundschaft sie mit tiefer , heißer Befriedigung . . . . . Nein , sie liebte Martin nicht , Gott sei Dank . Darum konnte sie ihm auch viel von dem sagen , was sie bedrückte . Nicht alles . Aber von dem Verhältnis zu ihrem Vater sprach sie , und er hörte den angesammelten Zorn in ihrer Stimme klingen . “ Der alte Mann wird Dich stets an allem hindern , womit Du Dir helfen willst . Wenn er seinen Bücherschrank vor Dir abschließt , und wenn er Dir das Leben abschließt . . . . Du mußt Dich von ihm frei machen ! Geh ' von ihm fort und suche Dir Arbeit und Freude , die Dich befriedigt . ” “ O Martin ! Das ist ganz unmöglich . ” “ Ja —