alledem und alledem ihm noch angehörte , und wenn er das Recht auf ihren Besitz verwirkt hatte , so durfte ihr wenigstens kein Anderer nahen . Und nun mußte er hören , daß ein Anderer bereits die Hand nach dem Preise ausstreckte und Alles daran setzte , ihn zu erringen . Die Worte des Bruders deckten ihm schonungslos den Beweggrund auf , dem allein er es verdankte , daß Ella auf seine Flucht nicht mit dem Scheidungsantrage geantwortet hatte . Nur um des Kindes willen hieß sie noch seine Gattin , nicht weil noch eine Spur von Neigung für ihn in ihrem Inneren lebte . Und wenn sie nun endlich dennoch den einst vermiedenen Schritt that , wenn sie auch ihrerseits die Kette abstreifte , jetzt wo ein Cesario ihr die Hand bot , wer konnte sie hindern , wer durfte die Frau tadeln , [ WS 3 ] die nach Jahren endlich in einer besseren , reineren Liebe Ersatz suchte für den Verrath , den der Gatte an ihr geübt ? Die Gefahr lag nicht darin , daß Marchese Tortoni , der schön , reich und aus einem der edelsten Geschlechter das Ziel so mancher Bestrebungen war , seine Gemahlin zu einer glänzenden Stellung erheben konnte ; das konnte höchstens bei Erlau in Betracht kommen , aber Reinhold wußte , daß Cesario mit seinem edlen und durchaus reinen Charakter , mit seinem glühenden Enthusiasmus für alles Schöne und Ideale , wohl auch das Herz einer Eleonore gewinnen konnte , ja gewinnen mußte , wenn dieses Herz noch frei war , und diese Ueberzeugung raubte ihm jede Fassung . Es hatte einst eine Stunde gegeben , wo die junge Frau verzweiflungsvoll an der Wiege ihres Kindes auf den Knieen lag , mit dem vernichtenden Bewußtsein , daß ihr Gatte in diesem Augenblicke sie , das Kind und die Heimath verließ , um einer Anderen willen – die Stunde rächte sich jetzt an dem , der sie verschuldet , rächte sich in den Worten , die wie mit Flammenschrift vor seiner Seele standen : „ Du hast damit auch sie frei gemacht – vielleicht für einen Anderen . “ [ 571 ] Im Opernhause donnerte der Beifallssturm , und der Vorhang hatte sich noch nicht einmal gehoben . Es galt der Ouverture , deren letzte Töne soeben verhallten . Das Theater war überfüllt in all ’ seinen Plätzen mit alleiniger Ausnahme einer der kleinen Prosceniumslogen zunächst der Bühne ; dort befand sich nur ein einziger älterer Herr , vermuthlich irgend ein reicher Sonderling , dem es Vergnügen machte , den Alleinbesitz einer Loge an solchem Abende mit Gold aufzuwiegen , denn anders würde er schwerlich dazu gelangt sein . Im Uebrigen boten die blendend erhellten Räume und die Logenreihen mit ihrem reichen Damenflore ein glänzendes und vielgestaltiges Bild dar . Die Künstlerwelt wie die Aristokratie war vollständig vertreten . Alles , was die Stadt nur an Schönheiten , Berühmtheiten und Personen von Stand aufzuweisen hatte , war erschienen , um dem gefeierten Lieblinge der Gesellschaft einen erneuten Triumph zu bereiten , denn nur um einen solchen handelte es sich . Hier gab kein junger Künstler zaghaft sein Werk dem Beifalle oder dem Mißfallen des Publicums preis ; eine anerkannte und unbestrittene Größe im Reiche der Musik trat mit einer neuen Offenbarung ihres Talents vor die Welt hin , um damit einen neuen Sieg zu erringen . Diese Gewißheit lag sehr deutlich , wenn auch in ziemlich mißgünstiger Form , auf dem Gesichte des Maestro Gianelli ausgeprägt , der das Orchester leitete . Gleichwohl wagte er nicht , es an Eifer oder Aufmerksamkeit fehlen zu lassen . Er wußte zu gut , daß , wenn er versuchte , hier , wo doch immerhin ein Theil des Gelingens in seine Hand gelegt war , gegen den allmächtigen Rinaldo zu intriguiren , dies ihn seine Stellung , vielleicht seine ganze Zukunft kosten konnte , denn die Ungnade des Publicums war ihm in diesem Falle gewiß . So that er denn im vollsten Maße seine Schuldigkeit , und die Ouverture ging in vorzüglicher Ausführung zu Ende . Der Vorhang rauschte auf , und man huldigte bereits im Voraus dem Componisten durch ein erwartungsvolles Stillschweigen . Noch war der erste Act nicht zur Hälfte vorüber – und es war nicht Einer unter den Zuhörern , der Rinaldo nicht bereits die Tyrannei verziehen , mit der dieser über alle ihm zu Gebote stehenden Mittel verfügt und rücksichtslos seinen Ansichten Geltung verschafft hatte . Die Darstellung war eine in jeder Hinsicht vollendete , die Scenirung eine meisterhafte . Man fühlte es , daß eine andere Hand als die des gewöhnlichen Regisseurs hier gewaltet und den bloßen Theatereffect überall zu künstlerischer Schönheit veredelt hatte ; aber all ’ diese äußerlichen Vorzüge verschwanden vor der Gewalt , mit der das Werk an sich zu fesseln wußte . Es war vielleicht das Vollendetste , was Rinaldo in der ihm nun einmal eigenthümlichen Richtung je geschaffen hatte , einer Richtung , die von so Vielen bewundert und vergöttert und von so Manchem beklagt ward . Jedenfalls hatte er diesmal das Höchste geleistet auf jener Bahn , auf die ihn der Einfluß Beatricens gerissen ; ob es das Höchste war , was er überhaupt leisten konnte – diese Frage ging vorläufig noch unter in dem jubelnden Beifalle , mit dem das Publicum diese neue Schöpfung seines Lieblings begrüßte . War es doch auch hier wieder Rinaldo mit dem ganzen Feuergeiste seines Genies , von dem man nie recht wußte , ob es droben auf der Höhe des Ideals oder drunten in der Tiefe der Leidenschaft heimisch war , und der wieder alle Empfindungen des Menschenherzens aufwühlte , die zwischen diesen beiden Polen lagen . Der Sturm brauste über die nordischen Haiden hin , und die Brandung donnerte gegen die Küste . Wie die Nebel an den Uferhöhen hinziehen , so wogten und wallten die Töne chaotisch durcheinander , bis endlich aus ihnen eine traumhaft schöne Melodie emportauchte . Aber sie schwebte nur wie