Ich werde ! “ „ Ich danke Ihnen ! “ Sie wandte sich um und wollte gehen , aber es war jetzt zu Ende mit ihrer Kraft . Die Last war auch zu schwer für das junge Wesen , das bis vor wenig Tagen noch kaum gewußt hatte , was Schmerz sei , sie schwankte und war im Begriff zu sinken , doch in demselben Moment war Benedict auch schon an ihrer Seite und fing sie in seinen Armen auf . „ Lucie ! “ Sie zuckte zusammen bei der Berührung seiner Hand , als habe die Spitze eines Messers sie getroffen ; ihre ganze Gestalt bebte krampfhaft in seinen Armen und doch entzog sie sich ihnen nicht . „ Lucie , verdammst Du mein Schweigen ? Es war das letzte Opfer , das ich Jenen brachte ! Der Orden befahl und ich gehorchte , aber jetzt werde ich reden , und brächte das Wort mir auch zehnfaches Verderben . Ich habe den Muth , die ganze Wuth des Klosters herauszufordern , aber ich ertrage es nicht , daß Du , Du Dich so von mir wendest ! “ Mitten durch die starre Härte seines Wesens brach wieder der Ton der alten Weichheit , brach ein Strahl heißer , leidenschaftlicher Zärtlichkeit , und der Ton , der Blick , sie scheuchten Alles weg , was so drohend zwischen ihnen stand ; stumm , bebend noch , aber mit dem Ausdruck unendlicher Hingebung legte Lucie das Haupt an seine Schulter und sah zu ihm auf – er las es jetzt auch in diesen Augen , daß er nicht mehr gehaßt wurde . Er hatte nichts von dem berauschenden Glück der Liebe , dieser Augenblick , wo sich zwei Herzen endlich fanden . Wohl wollte es aufglühen in den Zügen des jungen Priesters , aber eine Eiseshand schien dort Alles niederzuhalten und das liebliche Antlitz , das zu ihm emporblickte , war bleich wie der Tod . Und dennoch , für den Moment versank alles Andere um sie her , selbst die düstere Felsenkluft mit den unheimlich zischenden Wellen und ihrem gespenstigen Drohen . Fern und ferner verklang jenes Zischen und Tosen und endlich löste es sich auf in das leise melodische Rieseln einer Quelle . Die starren Felsen wichen zurück und statt ihrer umrauschte sie wieder der sonnige Wald , umdufteten sie die weißen Blüthen . Der Waldeszauber von damals hatte doch Recht behalten , die unsichtbaren Fäden , welche er gesponnen , hielten fest für alle Ewigkeit , selbst diese furchtbare Stunde hatte nicht vermocht , sie zu zerreißen . Langsam ließ Benedict das junge Mädchen aus den Armen , nur ihre Hand behielt er noch fest in der seinigen . Der Moment des Traumes war vorüber und der drohende Ernst der Gegenwart forderte gebieterisch sein Recht . „ Ich kann Sie nicht sofort begleiten , ich muß zurück zum Pfarrer Clemens , aber heute Abend noch bin ich in E. und morgen ist Ihr Bruder frei . Fürchten Sie nicht , daß mich etwas zurückhalten könnte , ich weiß jetzt , wo allein meine Pflicht liegt . “ Lucie erwiderte nichts , es giebt Minuten wo selbst die Kraft zum Leiden fehlt , und die ihrige hatte sich in dieser letzten Viertelstunde erschöpft , sie folgte ihm willenlos , als er , ihre Hand noch immer festhaltend , sie zu dem Gehöfte hinunterführte , wo der Bauer ihnen bereits entgegentrat . „ Ambros , ich kann mich darauf verlassen , daß Du die Dame sicher bis zu ihrem Wagen zurückbringst ? “ „ Keine Sorge , Hochwürden , ich stehe ein für das junge Fräulein . “ Benedict ließ ihre Hand fahren . „ So leben Sie wohl ! “ Die Gegenwart des fremden Mannes verbot jedes fernere Abschiedswort , gleich darauf befand sich Lucie an seiner Seite und trat mit ihm den Rückweg an . Nach einer Weile wandte der Bauer sich um . „ Der Herr Caplan scheint große Sorge zu haben , wie wir hinabkommen , “ sagte er gutmüthig , „ er steht noch immer und schaut uns nach ! “ Lucie blieb gleichfalls stehen und folgte der Richtung seines Armes . Da stand die hohe Gestalt noch immer auf der Höhe , neben dem zerschmetterten Heiligenbilde , ihr unverwandt nachschauend , und von den Schultern flatterte der verhängnißvolle dunkle Mantel , dessen Falten jetzt dem Winde preisgegeben waren . Morgen war Bernhard frei , er hatte es ihr versprochen – aber um welchen Preis ! Am nächsten Morgen erschien ein junger Geistlicher , der schon am Abend vorher spät in E. angelangt war , vor dem dortigen Gefängnisse und verlangte den in Untersuchungshaft befindlichen Gutsherrn von Dobra zu sprechen . Das Benedictinergewand und die Abzeichen des hochverehrten Stiftes , welche er trug , öffneten ihm sofort alle Thüren . Man befürchtete nur , daß sich Günther schwerlich bereit finden lassen werde , einen katholischen Priester zu empfangen ; wider Erwarten aber willigte er sofort ein , als ihm Pater Benedict genannt ward , und diesem , der , wie man glaubte , im Auftrage des Prälaten kam , gelang es auch , ein ungestörtes Alleinsein mit dem Gefangenen durchzusetzen . Die Unterredung war lang und inhaltvoll gewesen , man sah es an dem Gesicht Günther ’ s , das seinen sonst so ruhigen gleichgültigen Charakter völlig verleugnete , es sprach ein unverhülltes Grauen , zugleich aber auch eine tiefe Bewegung daraus , als er dem jungen Priester die Hand reichte und einfach sagte : „ Ich danke Ihnen ! “ Benedict ’ s Züge waren unbewegt geblieben , stumm und düster nahm er den Dank in Empfang und wandte sich dann zum Gehen , Bernhard hielt ihn zurück . „ Sie wollen nach dem Stifte ? “ [ 233 ] „ Zum Prälaten ! Er vertraut bei alledem noch meinem Schweigen , ich mag es nicht heimlich , nicht hinterrücks brechen , er soll wissen , was er von mir zu erwarten hat .