nach ihrer Statur und Bewaffnung zu urteilen , in den nach Süden abfallenden Tälern Graubündens geworben haben . Nur einen in der Rotte sicherlich nicht . Es war ein wahrer Riese , derb von Gliedern und rot von Gesichtsfarbe , in dem Lucretia einen wegen seiner sprichwörtlichen Körperstärke weithin gefürchteten Raufbold , den Wirtssohn von Splügen , erkannte . Er hatte sich gegen den Regen eine Bärenhaut wie einen Haubenmantel übergehängt und blickte unter der Schnauze und den Ohren des erlegten Ungetüms wie ein tierischer Waldmensch hervor . Lucretia ließ das wilde Gesinde , das seine Ankunft mit Musketenschüssen kundtat , durch ihren Kastellan in einem Nebengebäude unterbringen und bewirten . Den unwillkommenen Vetter empfing sie erst am Abendtische , an welchem ihre Dienerschaft teilzunehmen pflegte und Lucas das Amt des Hausmeisters versah . Nachdem die Tischgenossen sich entfernt hatten , begehrte Rudolf eine Unterredung mit seiner Base und blieb ungebeten im Gemache zurück , wo Lucas auf einen Wink des Fräuleins das Abräumen des Tafelgerätes nur langsam und zögernd besorgte . Die Gegenwart des alten Knechtes hielt ihn nicht ab , vor sie hinzutreten und ihr mit leiser Stimme Drohungen zuzuflüstern . Er warf ihr ins Gesicht , daß er wohl wisse , wer für den neuen Despoten Bündens , der morgen in Chur seinen prunkenden Einzug halten werde , in Mailand die ersten Botendienste getan . » Der Verschwender ist mir mit seinem fürstlichen Gefolge und seinen kostbaren Berberhengsten über den ganzen Berg auf den Fersen gewesen « , sagte er neidisch . » In Splügen mußte ich ihm die Straße freigeben , wenn ich nicht immerfort seine Knaben hinter mir über die Armut des Planta wollte spotten hören ! « Lucretia gab den Zweck ihrer Reise nach Mailand ruhig und stolz zu . Da warf der Freche jede Scheu von sich und bezichtigte sie vertraulicher Abhänglichkeit von dem Obersten . » Es ist Zeit mit ihm ein Ende zu machen « , schrie er ihr zu . » An Betrogenen und Beschimpften , die wie ich nach diesem gemeinen Blute dürsten , ist heute Überfluß , seiner Feinde sind in Spanien so viel wie in Frankreich ! Du aber , Lucretia , hast die heilige Pflicht der Rache schmählich vergessen und bist deines Vaters ganz unwürdig geworden ! – Weg mit ihm , lieber heute als morgen ! Der Mörder des Pompejus Planta soll sich der Gunst seiner Tochter nicht berühmen ! Mir fällt es zu , die Ehre des Hauses wiederherzustellen . Sobald der Verräter auf dem Rücken liegt , werde ich dich als mein Weib heimführen . Ich lasse die Güter der Planta nicht von unberechtigten Händen verzetteln . « Das Fräulein antwortete nicht . Aber Lucas , dem das Herz vor Ingrimm schwoll , als er seine Herrin so unwürdig behandelt sah trat , die Fäuste ballend , neben sie . Aufrecht und bleich mit geschlossenen Lippen stand Lucretia vor ihrem Beleidiger . » O wie gut weißt du , daß jedes deiner Worte eine Lüge ist « , stöhnte sie endlich aus gepreßtem Herzen und verließ das Gemach . Ehe sie die Tür ihres Turmzimmers hinter sich verschloß , hatte sie ein Knechtlein nach Cazis hinübergeschickt , um den Pater Pancraz auf den Riedberg zu holen . Aber der Pater war nach Almens berufen wor den , und es war nicht denkbar , daß man ihn von dort in der schlimmen Sturmnacht zurückkehren ließ . Er werde morgen in der Frühe hinüberkommen , ließ Schwester Perpetua berichten . Jetzt war Lucretia allein . Sie trat ans Fenster und schaute in das nächtliche Land hinaus . Der Sturm schwieg , aber kein Stern stand am Himmel . Schwere niedere Dunstgebilde verdeckten den Mond und ließen kaum auf ihren zerrissenen Säumen einen schwachen Widerschein seines Lichtes ahnen . Überall schwarze drückende Massen des Gebirgs und der Wolken . Mitternacht ging vorüber und immer noch saß Lucretia am Turmfenster und horte ratlos und ohne klare Gedanken dem dumpfen Rauschen des Rheines zu . Wie ein riesenhaftes dunkles Unheil stand vor ihr was aus ihrem Leben geworden . Aber das Leid um ihren Vater , eine vertrauerte Jugend , ihre jetzige Verlassenheit und die Schrecken der Zukunft sanken in ein unbestimmtes , dumpfes Schmerzgefühl zurück , aus dem ein einziger , stärker und stärker ertönender Vorwurf emporstieg und ihr ans Herz griff : Sie war ihres Vaters nicht würdig . Sie hatte ihre Rache versäumt . Konnte sie nicht jetzt noch von dieser Last sich befreien ? Nicht jetzt noch einem Feigling das Recht nehmen , sie im Einklange mit ihrem eigenen Herzen einer leichtfertig vergessenen Kindespflicht anzuklagen ? Nein ! Sie war zu schwach dazu ! – Nein , sie wollte nicht stark genug sein . Ihr allein gehörte das Recht der Rache und sie übte es nicht aus ; aber sie erbebte vor Zorn , als sie sich es möglich dachte , daß ein anderer es ihr entreißen könnte ... Freilich daß Rudolf dies gelinge , das war ihr auch jetzt , da sie ihn im höchsten , widerwärtigsten Wutaufwande seiner feigen Natur gesehn , durchaus unglaublich . Wie sollte diese Viper ihren stolzen Adler erreichen ! Aber sie erschrak vor dem Zwiespalte ihrer eigenen Seele , vor ihrer Ohnmacht die alte Rache zu hegen und vor ihrer verzehrenden Eifersucht auf jeden , der in ihr Amt eintreten konnte . So beschloß sie ein Ende zu machen und der Welt abzusagen . Jenseits der Klosterschwelle war sie sicher . Sie verzichtete ja dort auf all ihren Besitz , opferte ihre stolze , immer bekämpfte Liebe , verzichtete auf die zu lange wie ein Heiligtum bewahrte Rache . – Jenseits der Klosterschwelle konnte weder Jürgs frevelhafte Werbung , noch Rudolfs ekler Eigennutz sie mehr erreichen . Im Schlosse war es ruhig geworden . In den Dörfern brannte kein Licht ; nur von Cazis drang ein matter Schimmer über den Rhein . Er kam aus der Klosterkirche , wo die Schwestern schon Frühmette sangen . Dort war