Wut an , wenn ihr ein solch kleines Ding unversehens über den Weg läuft – « » Ja , weil ihr der liebe Gott keine eigenen beschert , « fiel Mamsell Birkner ein und schob und ordnete an dem Gebäck auf dem Teller , den sie in der Hand hielt . » Na , vielleicht betet sie deshalb in Rom , « lachte der Bediente . » In Rom ist sie ja gar nicht mehr , « flüsterte der Gärtner . » Sie ist zu Besuch in einem Kloster – « er verstummte plötzlich verlegen , und auf die erstaunten Fragen der anderen hin sagte er ausweichend , er habe » ein Vögelchen davon singen hören – « daß er bei Ausübung seiner Obliegenheiten im Wintergarten und Atelier in einen offen daliegenden Brief der Gnädigen geschielt hatte , konnte er freilich nicht sagen . – » Ich glaube , sie kommt bald wieder , « meinte er mit verständnisvollem Augenzwinkern , – » nachher sollt ihr aber sehen , was geschieht ! Die amerikanische Gesellschaft fliegt aus der Türe , daß es eine Art hat – denkt an mich ! « – » Das leidet der Herr nicht , « sagte die Hausmamsell ganz erregt . » Ich bitte Sie , reden Sie doch kein dummes Zeug , Mamsell Birkner ! « versetzte der Bediente grob . » Wem gehört denn der Schillingshof ? « » Uns ! « platzte sie erbittert heraus . » Uns gehört er , und nicht den Steinbrücks ... Wie wir noch zusammen waren , der alte Freiherr und der Arnold – der gnädige Herr wollt ' ich sagen – und ich , da gab es keine Gnädige bei uns , und wir haben auch gelebt und sind in unserem Gott vergnügt gewesen . Aber das Haus hier hatte der alte Herr allein zu befehlen , da ist er geboren und gestorben ... Und gut und kreuzfidel waren alle , und die Kellerschlüssel sind auch nie auf die Reise mitgenommen worden , als wäre das Haus voll Spitzbuben – « sie hielt plötzlich inne und trat respektvoll zur Seite ... Die schöne , stolze Frau kam mit der kleinen Paula von Luciles Gemächern her . Wie ein breiter , schwarzer Schatten lagen die Wimpern tief auf ihren Wangen ; sie schritt vorbei , als seien die Leute an der Türe von Stein , wie die Statuen in den Nischen , und der lose herabhängende Spitzenbesatz ihres Kleides rieselte auf den Mamorfliesen nach wie zerflatternder Schnee ... » Bettelprinzeß ! « murmelte der Bediente Robert grimmig zwischen den Zähnen , während sie in der Türe nächst der Laokoongruppe verschwand . 20. Lucile hatte sich nach der stürmischen Szene wie ein erbostes , trotziges Kind in ihre Zimmer eingeschlossen und war auch nicht zum Tee im Salon erschienen . Die Kammerjungfer hatte eine Platte voll Erfrischungen aus der Küche holen und ihrer Herrin für den Rest des Abends Gesellschaft leisten müssen – auch sie war nicht wieder zum Vorschein gekommen . So hatte die kleine Frau nicht erfahren , daß der Hausarzt auf Baron Schillings Wunsch noch spät am Abend dagewesen war , um José ein beruhigendes Mittel zu verschreiben , weil sich die fieberhafte Aufregung des Knaben eher steigerte , als verminderte . Donna Mercedes hatte sein kleines Bett in ihr Schlafzimmer tragen lassen , um ihn selbst zu überwachen . Er war auch unter der Wirkung der Medizin eingeschlafen , zur Beruhigung aller . – Aber nun , gegen Mitternacht , wachte er plötzlich auf . Er glühte , als schlügen Flammen aus dem Bettzeug über ihn hin , und sein heftig schmerzender Kopf lag mit hämmernden Schläfen schwer wie Blei auf dem Kissen . Mühsam hob er die Lider und sah sich fremd um – er hatte ja noch nie hier geschlafen . Dort an der gegenüberliegenden Wand stand Tante Mercedes ' Bett – sie lag unausgekleidet auf der weißatlassenen Steppdecke und schlummerte . Das ganze Zimmer schwamm in einem sanften Rosaschein , den die Glasampel an der Decke verbreitete . – Er färbte die weiße Spitzenwolke , die vom Betthimmel herab das Lager der schlafenden Frau umfloß , er weckte ein seines Sprühen aus dem steinfunkelnden Gerät des Toilettentisches , quoll durch die offene Türe schräg über das blanke Parkett des anstoßenden großen , unbeleuchteten Salons und ließ drüben den breiten Pfeilerspiegel zwischen den Fenstern wie einen bleichen Silberstreifen aus der Dunkelheit dämmern . Auch die Pflanzengruppe , die , hart neben diesem Spiegel , in dem Fensterbogen Tante Mercedes ' Schreibtisch flankierte , reckte ihre langen Wedel und Schwertblätter in das blaßrote Licht hinein – dem fieberumflorten Blick des kranken Kindes erschienen sie wie riesige , krallenhaft gekrümmte Finger , die zusehends wuchsen , um nach dem Bett herüber zu greifen . Der Knabe schloß die Augen vor Furcht – in der entsetzlichen Dachkammer war ja auch alles lebendig geworden , was er angesehen . Und jetzt knisterte es auch drüben in der stillen , dunklen Fensterecke , als werde im Vorüberstreifen ein bewegliches Stück Papier berührt – war das die große Maus wieder ? – Er hob den Kopf vom Kissen und starrte auf den Fußboden jenseits der Türe , über den das gefürchtete Tier hinlaufen mußte – da trat ein langer , hellbekleideter Menschenfuß auf einen der Parkettwürfel , die der rote Lichtfleck spiegelnd hervorhob – dieser Fuß ging lautlos auf den Zehen ... Instinktmäßig sah das Kind empor und suchte den Kopf des Menschen , der da aus der Fensterecke kam – und es sah in ein bärtiges , ihm flüchtig zugewendetes Gesicht auf schattenhafter Männergestalt , es sah den kurzgeschnittenen , starren Haarschopf , der hartlinig tief in die Stirne ging , und drunter die herabhängenden , buschigen Brauen , unter denen so grimme Augen funkelten – und entsetzt fuhr der Kleine mit dem Kopf unter die Bettdecke , jeden Augenblick fürchtend , die große , braune Hand des Mannes falle auf ihn nieder , um ihn zu