, es waren ja die Einzigen , die ihr im Leben nahe gestanden , denn seit jener Zeit war sie mit keiner Seele mehr in engere Beziehungen getreten . Den Menschen hatte sie studiert — die Menschen waren ihr fremd geblieben . Und wie sie dachte und sann , da wünschte sie wieder das Kind zu sein , das mit der Windsbraut um die Wette rannte und sich auf sturmgepeitschen Wipfeln wiegte . O , noch einen Atemzug aus jener jugendlich hoffenden Brust , noch einen Schlag jenes liebebereiten Herzens , noch eine Träne jenes ringenden Glaubens ! Tot und stumm Alles — erstorben jede Blüte der Kindheit und Jugend , eine Greisin mit zweiundzwanzig Jahren , die von der Warte leidenschaftsloser Betrachtung herabsieht auf ein Leben , das hinter ihr liegt , ohne daß sie es ge ­ nossen , auf eine Zeit , die ihr vergangen , ohne daß sie dieselbe gelebt . Sie wandte mit einem tiefen Seufzer das Auge von dem sonnigen Bild ab . „ Unser Leben währt an die siebenzig und , wenn es hoch kommt , an die achtzig Jahre “ , sprach sie vor sich hin , „ und ist es köstlich gewesen , so ist es Mühe und Arbeit gewesen ! “ 27 Dieses goldene Wort der Schrift , das sie zum Wahl ­ spruch erkoren , seit ein großer Philosoph der Neuzeit es sie verstehen gelehrt , übte auch jetzt wieder seinen Zauber auf sie aus.28 Was wollte sie Köstlicheres vom Leben als Mühe und Arbeit ? Was brauchte sie mehr , ob in der Jugend oder im Alter , als diese ? — Sie trat vom Fenster weg und wand ihr aufgelöstes Haar , das sie wie ein schwarzer Schleier umfloß , rasch in einfachen Flechten um den Kopf . Ihre Blicke fielen dabei nur flüchtig und gleichgültig in den Spie ­ gel , sie sah es selbst nicht , welch ein Antlitz ihr daraus entgegenschaute , so vollendet schön , wie sich eines Künstlers Phantasie die düstere Gestalt einer Mariken von Nymwegen nur denken kann.29 — Dann warf sie ein einfaches weißes Gewand über und ließ ermüdet die Arme sinken . Der Ausdruck von Tatkraft , der so eben mit dem Worte Arbeit ihr Gesicht belebt hatte , wich einer tiefen Traurigkeit , fast Hoffnungslosigkeit , und sie sank erschöpft in den Stuhl . Eine Minute saß sie so mit eingefallener Brust und vorgebogenem Kopfe , dann quollen ein paar große Tränen über ihre Wangen . „ Arbeit ist ein köstlich Ding , wenn man die Kraft dazu hat — aber ich habe sie nicht mehr ! “ sagte sie und ihre durchsichtigen schmalen Hände um ­ klammerten ihre Knie , während ihre Augen verzweif ­ lungsvoll ins Weite starrten.30 Die Wirtschafterin , Frau Willmers , trat ein . „ Es ist ein Fremder draußen , Fräulein , der mir diese Karte gab ; der Herr , dessen Name auf der Karte steht , schicke ihn . “ Ernestine las den Namen : „ Professor Dr. Heim “ und darunter mit Heims Hand : „ empfiehlt den Überbringer dieser Karte dringend . “ „ Er ist willkommen ! “ rief sie wie neubelebt . „ Führen Sie ihn in die Bibliothek . “ „ Wollen das Fräulein ohne Wissen des Herrn Onkels ? — “ fragte die Frau zögernd und sehr erstaunt . „ Ich will es ! “ erwiederte Ernestine fest . „ Nun Gott sei Dank “ , murmelte die Alte , „ daß Sie endlich einmal einen Menschen sehen mögen — und der Herr draußen ist schon der Mühe wert , daß man ihn anschaut . Aber nicht wahr , Sie über ­ nehmen die Verantwortlichkeit bei dem gestrengen Vormund , damit ich ’ s nicht büßen muß ? “ „ Ich werde es verantworten ! “ Frau Willmers eilte hinaus und geleitete den Ankömmling in Ernestinens Bibliothek . Eine angenehme bläuliche Dämmerung umfing ihn beim Eintreten , verursacht durch die schweren blauseidenen Gardinen , mit denen die hohen Bogen ­ fenster verhangen waren . Es war ein großes acht ­ eckiges Gemach , im Stil der mittelalterlichen Turmstuben , mit einem offenen Erker , der gleichfalls durch blauseidene Vorhänge von dem Zimmer getrennt war . Inmitten des Erkers hing die Äolsharfe , von der jener Bauer erzählt hatte , und lose Ranken wilden Weines , der sich außen empor schlang , peitschten , vom Winde bewegt , die Saiten und entlockten ihnen abge ­ brochene , wirre Klänge , die ein starker Luftzug immer wieder in Eins verwob ; wie ein Kind , die Hand vom Lehrer geführt , ein Instrument spielt , bis die geübten Finger des Meisters dazwischen greifen und einen vollen , reinen Akkord ertönen lassen . In den dunklen Baumwipfeln , die den Erker beschatteten , flöteten Singvögel und kamen zutraulich dann und wann in die Rosenbüsche geflogen , mit denen er geschmückt war . „ Sie hat Poesie “ , dachte Johannes und blickte wohlgefällig in dem kühlen , stillen Gemache umher , welches nur Ruhe und tiefsten Frieden atmete . Und ein schöner Geistesfriede mußte es sein , der sich auf den hier Weilenden niedersenkte ; wo der Blick hinfiel , traf er auf die unsterblichen Werke aller großen Den ­ ker der Neuzeit , eine kostbare Bibliothek türmte sich auf prachtvollen Gestellen von geschnitztem Eichenholz empor . Johannes las die Titel , aber je mehr er las , desto bedenklicher wurde er : wenn der Inhalt dieser Bücher in ein einziges Frauengehirn gepreßt war , oder werden sollte , dann konnte hier kein Friede , son ­ dern nur der rastloseste , aufreibendste Kampf herr ­ schen . — Sein Blick fiel endlich auf einen Schreib ­ tisch , der wie alle Möbel des Zimmers reich mit dunklem Schnitzwerk versehen war . Er las die am obersten Aufsatz des Tisches in erhabenen Buchstaben eingeschnittene Schrift : „ Unser Leben währet an die siebenzig und , wenn es