ich nicht mehr . In mir war alles tot , einzig und allein die Sorge um die Kranke hielt mich aufrecht . » Ein paar Nächte kamen , da mußten wir glauben , sie werde uns genommen . Doktor Bodenstedt saß unermüdlich in dieser Zeit am Bett meiner Mutter , ich zu Füßen , er zu Häupten , gemeinsam betteten und beruhigten wir die Kranke , wir flüsterten uns unsere Wahrnehmungen zu , und wenn die Kompressen gewechselt wurden , berührten sich unsere Hände . Ich hatte alles dessen nicht acht , ich sah nicht seine langen teilnehmenden Blicke , nicht , daß er viel mehr opferte an Zeit und Muße , als er nötig gehabt hätte , wenn er als Arzt , nur als Arzt bei uns gewesen wäre , ich sah nicht , wie er erregt wurde , als ich wie von Sinnen schluchzte , bis er dann endlich freudestrahlend meine Mutter für gerettet erklärte . Ich stürzte vielmehr vollkommen aus den Wolken , als gegen Weihnachten zu – ein verschneiter Dezembertag war es und Mutter ging zum ersten Male mit matten Schritten , das Schlüsselkörbchen am Arm , durch die Zimmer – mein Vater zu mir an den Nähtisch trat und mir sagte : › Doktor Bodenstedt hat bei mir um deine Hand angehalten . Überlege es dir , du hast 286 Zeit bis morgen , liebes Kind . Zieh in Erwägung , wie viel Dank wir ihm schulden , und auch das , daß zum Frühjahr deine Eltern , wiederum dem Zufall preisgegeben , eine Stellung suchen müssen , und daß es ein Trost für uns sein würde , dich in den besten Händen und für dein ganzes Leben versorgt zu wissen . ‹ Es hatte sehr bekümmert und bedrückt geklungen . Schon im Begriff , aus der Stube zu gehen , fügte er hinzu : › Von Zwang ist natürlich keine Rede , du sollst selbst bestimmen . ‹ » Das wurden die schwersten Stunden , die ich je erlebt habe . Ich nahm ein Tuch um und wanderte in den schneetiefen Gartenwegen umher , um nur allein zu sein , um denken zu können . In mir schrie alles › Nein ‹ . Ich hatte dem entsagen müssen , den ich liebte , und hatte mich gefügt . Aber einen Mann nur zu nehmen , damit ich eine Versorgung hätte – nein , das nicht ! Ich wollte arbeiten und selbst für mich sorgen , und wie so vielen anderen , würde das gewiß auch mir gelingen . » Als wir wie sonst Abends bei der Lampe saßen , faßte ich mir ein Herz und sagte den Eltern , es sei mir unmöglich , den Doktor zu heiraten , da ich ihn wohl achten , aber nie lieben könnte . 287 » Sie antworteten beide nicht , ich sah nur , wie ihre lieben Gesichter sich verfinsterten , die eben noch ein wenig hoffnungsfroh gewesen waren . Aber sie hatten kein Wort der Mißbilligung für mich . Mein Vater nahm anderen Morgens seine Mütze und ging aus . Er wollte , wie ich von unserer alten Margaret erfuhr , dem Doktor die Absage selber bringen . » Nun schlichen die Tage einförmig dahin . » Ich hörte die Eltern sprechen von diesem und jenem , sah , wie mein Vater sich besorgt über die Zeitung beugte oder die Briefe las , die er bekam , wie er den in der letzten Zeit so grau gewordenen Kopf schüttelte und meiner Mutter die Schreiben brachte , die sie nach Lesung ebenfalls traurig wieder hinlegte . Eines Tages hörte ich , wie sie sagte : › Nein , das geht nicht mehr weiter so , wir ziehen in die Stadt und nehmen Pensionäre vom Gymnasium , damit hat sich schon mancher durchgebracht . ‹ Da ich zufällig hinter Mutters Stuhl stand , fing ich einen Blick auf aus meines Vaters Augen und vernahm die tonlosen Worte : › In die Stadt ! ‹ » Was da alles drin lag für mich , die ich ihn kannte ! » Als ob er es aushalten würde ohne freie Luft , ohne Garten , ohne seinen täglichen Gang durch den Buchenwald , der seine einzige Erholung war ! Als er hinausgegangen war , fragte ich Mutter : › Findet sich denn keine passende Stelle ? ‹ » › Nein ! ‹ antwortete sie . › Eine einzige war günstig , aber da soll der Administrator unverheiratet sein , oder wenigstens ohne Familie . Aber es ist ja noch immer Rat geworden , Helene , es wird auch diesmal wieder werden , ‹ setzte sie leiser hinzu . › Wenn der Vater sich nur nicht immer um dich so große Sorgen machte ! Für die Jungens ist ja gesorgt . Die schlagen sich schon durch . Aber ein Mädchen ! Das läßt ihm keine Ruhe ! ‹ » Bald darauf fuhren die Eltern gemeinschaftlich nach der drei Stunden entfernten Stadt , um beim Direktor des Gymnasiums Erkundigungen einzuziehen über Pensionspreise und ihn zu bitten , ihnen einige Schüler zum April zuweisen zu wollen . » Ich blieb allein zu Haus an einem windigen , naßkalten Februartage , in trauriger , schwer gedrückter Stimmung . 288 » Ich wollte den Eltern so gern helfen , ihre Sorgen vermindern , aber wie konnte ich das mit meinem guten Willen und meinen geringen Kräften ? Dazu mußte etwas Entscheidendes geschehen , eine Radikalkur , ein Bollwerk gegen etwaige Rückfälle in meine Liebe , ein Abbrechen aller Brücken hinter mir . Plötzlich sprang ich auf und lief die Hände ineinandergewunden im Zimmer umher , beherrscht von einer Idee , die aufgetaucht war in meinem Kopf und mein Denken so gebannt hielt , daß ich unfähig wurde , sie näher zu erwägen , zu prüfen . Alles in mir drängte zu dem Bringen eines Opfers . » › Margarete , ‹ sagte ich heiser zu der alten Dienerin , die eben eintrat , › ich glaube