gleich eine solche Note von Wärme und Hingabe hatte . Er dachte wirklich geradezu : Mutter hofiert sie per procura Raspe . Tulla sprach von der Oper . Es war ziemlich voll gewesen . Bekannte ? O ja - Dora Vierbrinck und der Hauptmann Fritz von Patow und eine Dame dabei , die vielleicht Dorys Mutter sein konnte . Rötliche Haare ? Sehr glatt gescheitelt ? Ja . Und es sah so aus : Verlobte , die von der befriedigten Mutter geleitet werden . Tulla hatte herangehen wollen . Aber die Herrschaften waren so umdrängt gewesen - und sie hatte im Vorbeigehen genau gehört , daß die Dame mit den glatten , rötlichen Scheiteln abwehrend gesagt hatte : » Glückwünsche werden durchaus noch nicht angenommen ... « Und rund herum hatte alles gelacht - ja , sehr vergnügt waren sie gewesen in der Gruppe . Und man hörte heraus , daß Tulla sich fremd und allein im Zwischenakt gelangweilt habe ... Das war so begreiflich . Sophie war voll Mitleid und tröstete : es solle auch nie wieder vorkommen . Heute hatte es sich so gefügt - es waren ernste Sachen zu besprechen gewesen - Geschäfte , und davon mögen junge Mädchen nichts hören . Zu entschuldigen brauchte Mutter sich auch nicht gerade , dachte Allert . Und die Oper selbst ? Oh , ganz nett - aber Tulla hatte Caruso als Radames gehört , und sie fand auch die Amneris der Götze besser - ja , Mama hatte jenesmal für den Platz achtzig Mark bezahlt - aber schön war es gewesen ... Und es klang ein leises , fernes bißchen Blasiertheit und Protzentum heraus - ganz unbewußt - Am andern Tage sagte Tulla : » Sie haben Sorgen , liebe , gnädige Frau - ganz gewiß - irgendeinen Kummer haben Sie - ach , ich kenne Ihr Gesicht so genau - « Das rührte nun Sophie . » Ja , liebes Kind . Dumme Sorgen . « » Sorgen ? « sprach das junge Mädchen in einem Ton des Widerwillens . » Das hängt immer mit Geld zusammen . « » Kann sein - auch hier - in zweiter Linie . Ich will es Ihnen lieber sagen : es scheint , in der Familie Dorne sind Katastrophen eingetreten ... « » Wegen der gräßlichen Frau ? « Sophie stand verdutzt . Welches Urteil hatte denn die junge Tulla über diese Frau ? Wie konnte sie überhaupt ein Urteil haben ? » Wie kommen Sie darauf , Kind - ? « Tulla zuckte die Achseln . » Ach , « sagte sie in einem Gemisch von Naivität und Erfahrung , » ich weiß nicht - die kommt einem nicht geheuer vor ... « Das war unbestimmt - ganz ins Blaue hinein gesprochen . Sophie hütete sich aber , näher nachzuforschen . » Was eigentlich vorgegangen ist , wissen wir nicht . Nur dies ist klar : Allert wird noch ernste Auseinandersetzungen haben und möchte sich von Doktor Dorne trennen . Dazu gehört viel Geld . Und so haben wir allerlei zu bedenken . « » Jetzt gerade , wo bald Ihr Sohn Raspe kommt ! « sprach Tulla und bekam eine weinerliche Stimme . Seit Wochen war sie nun hier und wartete geduldig auf die schöne Osterzeit . Und nun kamen Sorgen ? Oh , Tulla wußte gut : Sorgen - Geld - Verstimmung - Streit - das hing zusammen . Das war ihre Erfahrung aus dem Leben der Mama . Seit Papas Tod gab es ja seltener Streit , denn Onkel Karl von Buschke , Mamas Bruder , der Junggeselle , hatte solche Schwäche für die jüngere Schwester und schickte immer Geld , wenn sie festsaß . Aber wenn Harald und Viktor schrieben , fuhr Mama im Zimmer umher und schimpfte ... Also von nun an wurde es hier auch so ungemütlich ... Sie ging in ihr Zimmer und starrte lange auf die Höfe und Hinterhöfe hinaus und auf die Wipfel , in die der Frühling grüne Pünktchen hineinwirkte , und die sich zwischen den Mauern wie Gefangene ausnahmen oder wie vergessene Ueberreste der Natur ... Diese Aussicht machte sie noch bekümmerter . Sie dachte an ihr Zimmer in Berlin - an den großen Raum voll weißer Lackmöbel und blau und weißer Libertyseide . Aus einem dumpfen Gefühl heraus schrieb sie einen Brief an Fiffi v. Samelsohn und dachte : sie ist doch ganz nett - und man war so aneinander gewöhnt , von klein an . Es wurde ein sehr tiefsinniger Brief , voll von Betrachtungen über die Schwierigkeiten des Daseins , und wie besonders doch die Liebe Opfer fordere . Ja , an den Opfern , die man bringe , könne man erst recht ermessen , wie groß eine Liebe sei . Tulla weinte aus einem ihr selbst nicht erklärbaren Grund über diesen ihren Herzenserguß . Dann fügte sie noch ein P.S. hinzu : » Wie war es denn in Paris ? Bist Du schon in Nizza ? Wie gefällt es Dir ? Hast Du Dich in Paris verliebt ? Ist der Baron Legaire noch bei unsern Mamas ? Schreibe bald Deiner Tulla . « Und das » bald « unterstrich sie fünfmal . Hiernach wurde ihr plötzlich wieder sehr mutvoll ums Herz . Sie holte aus ihrer Schmuckkassette das Bild Raspes hervor , das sie - ihrem Glauben nach heimlich , dennoch von seiner Mutter wohl beobachtet - sich aus einem Kasten mit Photographien » gestohlen « hatte . Es war sehr ähnlich . Ein Kabinettbild und Raspe in Uniform darstellend . Sie versank in den Anblick . Ja , er war der stattlichste , wundervollste Mann , den sie je gesehen . Ihre Verliebtheit schwoll hoch an - flutete als Glückseligkeit über ihr junges Herz und ließ sie alles vergessen . Sie küßte das Bild voll Andacht - ganz und gar liebende , bescheidene Demut . Dann sah Tulla in den nächsten Tagen wohl ein , daß ihre Voraussetzung , es gäbe hier nur Streit