vor etwa einer halben Stunde ein Telegramm erhalten und sei fortgestürzt , zu seiner Schwester . Ob er selbst nicht kommen solle ? Sie wußte genug . Sie bat ihn , nicht zu kommen . Kaum hatte sie den Hörer angehängt , als es klingelte . Stanislaus trat ein , mit verstörtem Gesicht , das zerknitterte Telegramm in der Hand : gustav hat sich erschossen steht mir bei edda In jenen schweren , schmerzlichen Tagen , die nun folgten , erblaßte ihr eigenes Weh . Das , was sie erlebt , - es hatte ja nicht die letzte , die hoffnungslose Nacht über sie gesenkt , die dort über einen gekommen war . Das Grauen vor dem Selbstmord griff an ihr Herz , - und alles in ihr lehnte sich auf gegen diese Tat , die die letzten Ziele selbst setzte , die das dunkle Tor , das zu seiner Zeit sich dem Wanderer ladend erschließt , gewaltsam aufstieß ... Nur einen Grund gab es für solches Tun : hoffnungsloses Siechtum . Aber war das wirklich Diamants Schicksal gewesen ? Hatte er selbst sich für unheilbar gehalten , oder , - sie wagte nicht , es auszudenken , - hatte er an mögliche Heilung geglaubt , er , der so manchen von demselben Leiden geheilt , - und trotzdem die Tat getan , - - die Geschwulst in seinem Gehirn darzubieten , - als Triumph für seine Theorie ? ... Aber über dieser vernichtenden Frage lagerte das Schweigen . Ob er sich für heilbar oder unheilbar gehalten , verlautete nie . Er hatte keine Zeile darüber hinterlassen , kein Wort mit jemandem darüber gesprochen . Hier war sein Geheimnis . Stanislaus war nach Wien gereist . Olga kam nicht mit , denn sie fühlte sich jetzt arm an Kraft , sie hatte nichts zu geben . Bangen Gemüts erwartete sie seine Rückkehr . - Sie war ruhiger geworden in diesen Tagen . Ihr eignes Leid hob nicht mehr so sehr seine düstere Gestalt vom hellen Tage ab , - denn noch Dunkleres hatte sich darum gelagert . Und sie glaubte , überwunden zu haben . Aber als eines morgens Werner sie zum Telephon rief und sie drängend um eine Unterredung bat , - da merkte sie , daß die dumpfe Stille , die sich über den Aufruhr gelegt , noch nicht dicht und tief genug war . Sie fühlte , als sie seine bittende und warme Stimme hörte , wie erst ein erstarrender und dann ein glühender Hauch ihren Körper überflog , wie das Herz stillstand und der Puls sank , wie das Blut , dumpf aufrauschend , an ihre Stirne schlug . Das » Du « , mit dem er sie ansprach , beleidigte sie , und sie hätte es am liebsten zornig zurückgewiesen . Und während sie seine Bitte ablehnte , fühlte sie , daß sie log , - daß sie selbst ihn sehen und sprechen wollte . Da sie sich nicht nachgab , so schrieb er ihr : » In einer großen Not nach Ausdruck hat der Mensch die Sprache erfunden . Entsetzen faßt einem manchesmal darüber , wie hilf- und machtlos dieses Symbol ist . Wie alle Worte und Begriffe versagen , um Gefühle zu klären und wie , wie wir sehen , keinerlei Klärung , Aufklärung , Erklärung durch Worte etwas erzielt , - die nicht durch übereinstimmende Gefühle gegeben ist . Fast könnte es scheinen , als vermöchte dieses Symbol , die Sprache , nichts , als vorhandene Ahnung zu klären , Gleiches Gleichem zu nähern , Ungleiches noch weiter zu trennen ... Und doch muß man trachten , voneinander zu erfahren , - was es auch sei . Erfahren - das ist das höchste erreichbare Ziel , damit sich finde und stärke , was seiner Wesenheit nach zusammengehört . Unser wesentlich Letztes , Olga , gehört zusammen . Fürchte nicht , daß ich zur Umkehr locke , daß ich zurückbiegen will , was auseinander kam . Ich würde Dich nicht kennen , wenn ich solches versuchte , oder ich würde Dich wissentlich betrügen . Nein , ich sage Dir , wie ich in jenem ersten Briefe sagte : dies wird kein Liebesbrief . Aber schrieb ich Dir damals nicht auch , - verlasse mich nicht , was immer geschehen mag , auch dann nicht , wenn ich eines Tages schuldig werde an Dir ? - - - Und so komme ich jetzt , ein Schuldiger und doch noch Fordernder , - von dem zu holen , was ich Dich bat , mir ewig zu wahren . Keine und keinen wüßte ich , dem ich dieses Unversiegliche so vertrauen wollte , wie Dir . Nun , da wir geschieden sind , nun weiß ich genau , was das Unvergängliche ist zwischen uns . Und ich kann nicht eher ruhig werden , bevor nicht auch Du friedlichen Herzens bist und erkennst , daß unser vermeintliches Irren doch eine volle Frucht trug , - daß uns also doch eine uns verborgene Wahrheit führte . Denn die Früchte des Irrtums sind leer und taub . Das aber , was wir nun heimsen sollen , ist echte und edle Nahrung . Laß mich kommen , damit ich nicht Worte hier aufbauen muß , damit wir uns verstehen durch unsere Nähe , - nun , da wir aus einer Gasse , die nicht ins Freie führte , zurückgefunden haben auf den Weg . « Sie lachte schmerzlich auf , da sie gelesen hatte ; ... und sie konnte nicht verhindern , daß die Tränen wieder heiß aus ihren Augen stürzten ... Er hatte ihr reifes Weibtum begehrt , - und hatte es erhalten . Nun wollte er - wie sagte man doch - ihre » Freundschaft ! « Noch einen Tag lang bäumte sich ihr beleidigtes Geschlecht . Dann war sie ergeben . Mochte denn auch dies noch getan werden . So saßen sie sich denn gegenüber und sie sah , wie schwer er nach Worten suchte . Er