schwülen Abendstunde sind mir allerlei gute Einfälle gekommen , und ich hoffe Ihnen bald manches Sonderbare über Ägidius erzählen zu können , wie der mordlustige und traurige Jüngling nun endgültig benannt ist , über den tiefsinnig-undurchdringlichen Fürsten , über den lächerlichen Herzog Heliodor , unter welchem Namen ich Ihnen den Bräutigam der Prinzessin vorzustellen die Ehre habe , und ganz besonders über die Prinzessin selbst , die ein viel merkwürdigeres Geschöpf zu sein scheint , als ich anfangs vermutet habe . « » Das bezieht sich auf den Operntext ? « fragte Anna und ließ ihre Arbeit sinken . » Natürlich « , antwortete Georg und las weiter . » Sie sollen auch gleich erfahren , mein Lieber , daß ich in den letzten Wochen einige vorläufig nicht besonders unsterbliche Verse zum ersten Akt verfertigt habe , die nun bis auf weiteres , ohne Ihre Musik nämlich , in der Welt herumhüpfen , wie ungeflügelte Engel . Der Stoff reizt mich in seltsamer Weise . Und ich bin schon selber neugierig , worauf ich eigentlich mit ihm hinaus will . Auch allerlei anderes hab ich begonnen ... entworfen ... bedacht . Und , kurz und frech gesagt , es ist mir , als kündigte sich eine neue Epoche in mir an . Doch das klingt frecher , als es ist . Denn auch Rauchfangkehrer , Salamutschimänner und Feldwebel haben ihre Epochen . Unsereiner weiß es nur immer gleich . Was ich für sehr wahrscheinlich halte , ist , daß ich aus dem phantastischen Element , in dem ich mich jetzt behage , sehr bald in ein höchst reales hinab oder hinauf steigen dürfte . Was würden Sie zum Beispiel dazu sagen , wenn ich mich in eine politische Komödie einließe ? Und schon fühl ich , daß das Wort von der Realität nicht völlig stimmt . Denn mir scheint , Politik ist das phantastischeste Element , in dem Menschen sich überhaupt bewegen können , nur , daß sie es nicht merken ... Hier wäre die Sache vielleicht anzupacken . Dies fiel mir ein , als ich neulich einer politischen Versammlung anwohnte , ( unwahr , diese Gedanken kommen mir soeben ) , jawohl einer Versammlung von Arbeitern und Arbeiterinnen in der Brigittenau , in die ich mich an der Seite von Mademoiselle Therese Golowski verfügt hatte und in der ich sieben Reden über das allgemeine Wahlrecht anzuhören bemüßigt war . Jeder von den Rednern auch Therese war darunter sprach ungefähr so , als gäbe es für ihn persönlich nichts Wichtigeres , als die Lösung dieser Frage , und ich glaube , keiner von ihnen ahnte , daß ihm in der Tiefe der Seele die ganze Frage ungeheuer gleichgültig war . Therese war natürlich sehr empört , als ich ihr das eröffnete , und erklärte mir , daß ich von dem vergiftenden Skeptizismus Nürnbergers angesteckt sei , mit dem ich überhaupt zu viel verkehre . Sie ist sehr schlecht auf ihn zu sprechen , seit er sie vor einigen Wochen im Kaffeehaus gefragt hat , ob sie zu ihrem nächsten Hochverratsprozeß hohe Frisur oder aufgesteckte Zöpfe tragen werde ? Übrigens stimmt es , daß ich mit Nürnberger viel zusammen bin . In schweren Stunden gibt es wohl keinen , der einem mit mehr Güte entgegenkäme . Nur daß es manche Stunden gibt , von deren Schwere er nichts ahnt oder nichts wissen will . Es gibt allerlei Schmerzen , von denen ich fühle , daß er sie unterschätzt und von denen ihm gegenüber zu sprechen ich daher aufgehört habe . « » Was meint er denn ? « unterbrach ihn Anna . » Offenbar die Geschichte mit der Schauspielerin « , erwiderte Georg und las weiter : » Dafür ist er wieder geneigt , andere Schmerzen zu überschätzen , aber das ist wahrscheinlich meine Schuld , nicht seine . Ich muß es gestehen , dem Verlust , den ich durch den Tod meines Vaters erlitt , hat er eine Teilnahme entgegengebracht , die mich beschämt hat . Denn so furchtbar es mich getroffen hat , wir waren einander so fremd geworden , schon lange bevor der Wahnsinn über ihn hereinbrach , daß sein Tod mir gleichsam nur ein weiteres , grauenhafteres Entrücken bedeutete , nicht eine neue Erfahrung . « » Nun ? « fragte Anna , da Georg innehielt . » Mir fällt eben was ein . « » Was denn ? « » Die Schwester von Nürnberger liegt auf dem Friedhof von Cadenabbia begraben . Ich hab dir ja von ihr erzählt . Ich will dieser Tage einmal hinüberfahren . « Anna nickte . » Ich fahr vielleicht mit , wenn mir ganz wohl ist . Mir ist Nürnberger nach allem , was ich von ihm höre , viel sympathischer als dein Freund Heinrich , dieser schauerliche Egoist . « » Du findest ? « » Na höre , wie er über seinen Vater schreibt , das ist doch beinahe unerträglich . « » Gott , wenn man einander so fremd geworden ist wie die zwei . « » Trotzdem . Auch meinen Eltern bin ich innerlich nicht gerade sehr nah . Und doch ... wenn ich ... nein , nein ich will lieber gar nicht an solche Dinge denken . Willst du nicht weiter lesen ? « Georg las : » Es gibt ernstere Dinge als den Tod , traurigere gewiß , weil eben diesen andern Dingen das Endgültige fehlt , das im höhern Sinn das Traurige des Todes wieder aufhebt . Es gibt zum Beispiel lebendige Gespenster , die auf der Straße wandeln bei hellichtem Tag , mit längst gestorbenen und doch sehenden Augen , Gespenster , die sich zu einem hinsetzen und mit einer Menschenstimme reden , die viel ferner klingt als aus einem Grab heraus . Und man könnte sagen , daß in Augenblicken , da man dergleichen erlebt , das Wesen des Todes sich viel unheimlicher erschließt , als in solchen , da man dabeisteht , wie jemand in die Erde gesenkt wird ...