Aufhalten ! Es muß sein . Es darf nicht einer kommen und die Kinder lehren , ihre Mütter zu verachten ! Ich muß hart sein , ich bin es anderen Müttern , den Frauen bin ich es schuldig , dachte sie . Und plötzlich sah sie vor sich diesen Bogen mit Georges ' Handschrift , dieses vielfach durchstrichene überkorrigierte Manuskript , und es wurde ihr leid und heiß um den Unseligen . Seine Arbeit war das , seine Gedanken , sein Ehrgeiz , sein Stolz , das einzige vielleicht , an dem er sich aufrecht gehalten in diesem entsetzlichen zellenartigen Stübchen mit der Drehbank , mit dem bestaubten Fenster , das einzige , an das er sich geklammert in diesen schrecklichen Monaten der Vereinsamung , in seiner Verstümmelung . Mit der Folgerichtigkeit eines Naturgesetzes war dieses Widrige aus ihm herausgewachsen , so wie im Zahn der Schlange das Gift wächst , wie in der Tollkirsche der tödliche Saft . Weh , wenn keine Brücken zwischen den Seelen sind , dachte Josefine , wenn alles Finsternis , Verwirrung , Haß und Verderben ist ! Liebten wir uns , so gäbe es Brücken , aber wir sind fern von einander , durch ewige Klüfte geschieden . Ich habe zu wenig Liebe ! klagte sie sich an . Und sie , die starke Frau , die selbständige freie Denkerin , die von keinem Gotte Rettung hoffte , faltete ihre Hände und flehte : Oh du , der du die Liebe bist , gib , daß ich lieben kann , wo ich nicht liebe , gib , daß ich morgen lieben kann , wo ich heute noch verachte und hasse , und laß mich Böses mit Gutem überwinden . Fünftes Buch Josefine an Helene Am Vorabend . Liebe und vertraute Leni ! Dein dringlicher Brief ist schon drei Monate alt und noch immer unbeantwortet . Verzeih ! Du fragst , was sich bei uns ereignet habe seit den letzten vier Jahren - ja , sind es schon vier Jahre , daß du von hier fort bist ? Mein Leben ist ein Wirbel , ich kann den Lauf der Tage nicht verfolgen , der Lauf der Jahre entgeht mir ganz . Wenn ich die Kinder ansehe , dann weiß ich ' s , daß die Zeit vergeht , sonst fühl ich nur » des Dienstes immer gleichgestellte Uhr « . Liebste Leni , mein Uli war hier , eine ganze Woche ! Du würdest ihn lieb haben , er entwickelt sich wunderbar , ganz meines Vaters Frische und Geradheit , wie er auch sein Gesicht hat . Mein Rösli hat ein Jahr lang gelegen , denk es ! Sie ist zu schnell gewachsen , zu weich in den Knochen , Schlingpflanze - es ist mir oft unbeschreiblich bang um sie . Das ist keine , die ihren Weg macht , es sei denn durch ein Talent . Sie schreibt Verse , hat Temperament und Phantasie , wie aus einem anderen Himmelslicht , steckt voll süßer sentimentaler Dummheiten ! - Wie oft hast du mir vorgeworfen , mir gesagt : » Du hast keinen Wirklichkeitssinn . « Nun , das war dahingestellt , aber dies Kind Rösi hat wahrlich keinen , Gott sei ' s geklagt ! Hermann studiert Theologie , es ist sein Wunsch und der seines Vaters ... Ach , Leni , diese Kinder , über denen ein Schicksal schwebt ! Georges ... aber das interessiert dich wohl nicht ... Das ist ' s , was sich bei uns ereignet , so im allgemeinen gesprochen . Auf Näheres einzugehen , hat keinen Zweck . Meine liebe Leni , wie freut mich dein Bericht . Du bist gesund , arbeitest , strebst für die Frauen , ich fühle mit dir und wünsche dir Gutes . Siehst du wohl , du kannst dich nicht entschließen , dich mit Lothar zu vereinigen , aus dem Grunde , weil er verwachsen ist ! Du sprichst von deiner Verpflichtung als Weib , Gesundes zu vererben , nicht Krankes . Aber Schatzeli , denkt ' s dir noch , wozu du mir geraten einmal ? Mir kam es wieder in den Sinn jetzt , und ich hab gelacht . Ein wenig stumpfsinnig warst du doch damals , liebe Leni , gibst du ' s jetzt zu ? Übrigens , die Buckel sind nicht erblich , Schatzeli , dieser Skrupel fällt dahin . Liebst du Lothar - - aber was red ich - meine weise Leni liebt überhaupt keinen Mann , nicht wahr ? B ' hütis ! Leneli , ich hab etwas Gutes gefunden ! Ich drucksele seit fünf Jahren an dem Wunsch , öffentlich zu sprechen . Endlich , endlich muß es probiert werden . Morgen Abend in der » Eintracht « mach ich den ersten Versuch . Mir ist fast schwindelig bei dem Gedanken und so froh wie vor dem ersten Ball oder vor noch Ärgerem - meiner Hochzeit oder so . Fragst nach meinem Programm ? Oh , das ist sehr lang und sehr kurz ! Kampf gegen verstaubte und versteinerte Autoritäten im Leben und in der Wissenschaft , weiter ist es nichts ! Auf Schritt und Tritt sind wir ja umgeben von diesen unsterblichen Götzenbildern - unsterblich deshalb , weil sie von Stein und Dunst und Trägheit gewoben sind , und weil Dummheit und Grausamkeit ihre Priesterinnen heißen . Aber sie sollen doch fallen , stürzen müssen sie und zusammenkrachen , und gesegnet jede Hand , die Hand mit anlegt ! Du siehst , ich bin nicht blöde , ich bin nicht überbescheiden . Ich werde mir zunächst die Autorität in der Familie aufs Korn nehmen , da , wo sie am wildesten und am verderblichsten wuchert ! Als Medizinerin seh ich nur zuviel . Wärst du hier , ich tät alles an dich hinschwatzen , und du würdest kritisieren und schimpfen wie gewöhnlich . Das wäre einmal nett . Ob ' s wohl auch anderen so merkwürdig zu Mute ist vor ihrer ersten öffentlichen Rede