, die trotzig stehen blieben . Bojesen wollte nichts zu einer theatralischen Auseinandersetzung beitragen . Er fühlte sich zu froh und zu bewegt . Er entfernte sich mit einer sarkastischen Verbeugung gegen den Rektor . Stunden vergingen für Bojesen in einer Reihe lustiger und beglückender Visionen : von einer neuen Zeit ; von dem Wachsen verborgener Keime , von denen die Welt ein paradieshaftes Blühen erwarten konnte . Doch als der Abend kam , wurde es wieder dunkel in ihm . Er ging über den Kohlmarkt nach der Wohnung , die Jeanette innegehabt und die noch leer stand . Die alte Dame , die hier wohnte , ließ Bojesen ungehindert eintreten . Durch ihr Lächeln leuchtete ein menschliches Verstehen , als sie ihn allein ließ in Jeanettens Zimmer . So blieb er , warf sich auf einen Sessel und ließ den gefürchteten Schatten kommen . Er dachte , daß er sie küssen könne , doch sie ging hastig , ohne zu sehen oder zu hören , an ihm vorbei . Dann kamen andere , - geschwätzige Gestalten . Alle hatten etwas zu erzählen , wobei sie auf den Zehen leicht dahinhuschten , sich ein Tuch umnahmen , es wieder liegen ließen und sie sahen aus , als hätten sie dreißig Tage lang unter der Erde gelegen . Es war sehr spät , als er ging . Die Gassen waren leer und still . Er wußte nicht , wie er heim gelangte . In seiner Wohnung war alles finster . Lange stand er auf dem Korridor in quälerischem Besinnen , dann begab er sich vorsichtig und leise in das Zimmer , wo Fanny seit Wochen allein schlief , zündete eine Kerze an und setzte sich auf den Rand ihres Bettes . Er sah sie friedlich schlummern und nahm ihre rundliche Hand . Die Kerze warf tiefe Schatten auf eine Seite ihres Gesichts . Plötzlich erwachte sie . Sie fuhr jäh empor und schrie auf , streckte die Hände aus und schlug sie dann vor das Gesicht . Bojesen hielt den Blick auf die Dielen geheftet und atmete tief auf . Vierzehntes Kapitel Im kleinen Schustergäßchen in Nürnberg , welches vom großen Schustergäßchen aus zur Burg führt , stand ein altes , düsteres Haus . Selten wurde zur Tageszeit das Tor von schwerem Eichenholz geöffnet , selten waren die vor Staub und Bejahrtheit blinden Fenster abends erleuchtet . Das Haus war von Baldewin Estrich bewohnt , und zwar nicht in allen seinen Räumen , sondern Herr Estrich hauste vornehmlich in einer großen , mit Steinen gepflasterten Küche , die ein Fenster nach dem einsamen Hof hatte mit seinen Holzgalerien und wunderlichen Säulen und Schnitzwerken . Hier verbrachte Baldewin Estrich seine Tage und einen großen Teil der Nächte , um zu experimentieren , zu analysieren , in Retorten dickliche Flüssigkeiten zu kochen , auf seltsamfarbenen Flammen noch seltsamere Körper bis zur Weißglut zu erhitzen , und was er auf diese Art suchte und erfinden wollte , war nichts mehr und nichts weniger als die Kunst des » Goldmachens « . Doch nicht aus gemeiner Habsucht oder nur aus dem Drang , reich zu sein , frönte Baldewin Estrich dieser Leidenschaft . Auch war er weit davon entfernt , der Wissenschaft einen Dienst leisten zu wollen . Ja , er war sogar davon überzeugt , daß sein Weg von dem der Wissenschaft weitab lag , und daß er selbst ein Gespött der Fachgelehrten bilden müsse , als ein Mensch aus vergangenen Jahrhunderten , wo Wunder und Traktätchen , Zauberei und Hexenkunst die Brücke zwischen Sehnsucht und Besitz schlagen sollten . Auch war er nicht betört durch jene uralten Bücher der schwarzen Kunst , jene dunklen und verschwommenen Nachrichten über rätselhafte Magier und über den verlorenen Schlüssel zu dem großen Geheimnis . Er war mit der Wissenschaft der Zeit gegangen , eifrig und unermüdet , hatte in ihre verstecktesten Winkel geschaut , ihre zahllosen Dokumente durchstöbert , war an ihr verzweifelt und in dieser Verzweiflung zusammengebrochen wie ein Kind . Denn was sie ihm bot , war nicht das , was er darin suchte : ein Mittel , die Menschheit glücklicher zu machen . Dann begann er aus eigenem Antrieb hinauszubauen über das Vorhandene , stellte ungeheuerliche und gefährliche Experimente an , um den chemischen Urstoff zu finden , jenes vage Etwas , Äther oder sonstwie genannt , an das er mit allen Sinnen glaubte , weil ihm das Element , sei es nun Gold oder Eisen , Schwefel oder Chlor , nicht mehr ein untrennbares Eins bedeutete . Freilich wollte er mit der Praktik nichts gemein haben , und so baute er weiter , kühn und mutig , wie ein Munn , der in der Wüste wohnt und dort Städte gründet für die späten Geschlechter , die da wohnen werden , wenn das Meer von Sand fruchtbares Erdreich geworden sein wird . Durch nichts glaubte er die Menschen sicherer glücklich zu machen , als durch Gold ; er glaubte ihnen den Frieden zu bringen , wenn er die heißeste Begierde stillen konnte , die sie erfüllte , oder vielmehr , wenn er ihnen so viel des Begehrten gab , daß sie der Überfluß gleichgültig machte . Die Überzeugung durchdrang mit Glut sein ganzes Innere , gab seinen Augen einen prophetischen Glanz und seinem Wesen das Gepräge der Versunkenheit . Nur wenigen war er bekannt als der Auffinder aller Höhlen des Elends in der Stadt ; er wußte Bescheid in jenen anrüchigen Kneipen , in denen der Verbrecher Unterschlupf findet , in jenen Herbergen , wo der reisende Bettler sein Nachtquartier hat , in den Schlupfwinkeln unter Brückenbögen , in den abgelegenen Gassen der Vorstadt , in den Remisen der Eisenbahn , an Kirchenmauern , in Kellern und übelberufenen Höfen , - kurz , an jenen Orten , wo sich das menschliche Elend beständig oder vorübergehend ein trauriges Asyl sichert , und es war , als ob er sich durch den Anblick von Schmutz und Verkommenheit in seinem Vorsatz und Eifer stärken wolle . Er