nehmen brauchte . Und schließlich war Gustav auch ein zu guter Sohn , um trotz seines augenblicklichen Zerwürfnisses mit dem Vater seine alten Eltern leichten Herzens im Stiche zu lassen . Die kränkelnde Mutter , den alten Mann , der bei seinen Jahren vom Großbauern zum obdachlosen Bettler herabsteigen sollte ! Es war ein Jammer ! Und Gustav erschien es oft wie Feigheit , daß er gerade jetzt die Seinen verlassen wollte . In dieser Zeit taten sich plötzlich für den jungen Mann ganz neue Aussichten auf . * * * Schon seit einiger Zeit hatte Gustav , der die Zeitungen jetzt eifrig nach Stellenangeboten durchforschte , gelesen , daß ein gewisser Zittwitz , der sich » Aufseheragent « nannte , seine Vermittlung anbot für junge Leute , welche nach dem Westen auf Sommerarbeit gehen wollten . Durch Bekannte hatte er weiter gehört , daß derselbe Agent eine Art Arbeitsvermittlungsbureau in der Stadt aufgetan habe , daß er auch die Dörfer in der Runde besuche , um Mädchen und junge Männer zu mieten . In dieser Gegend war die Sachsengängerei noch unbekannt . Es war das erste Mal , daß ein Agent aus den westlichen Zuckerrübendistrikten hier gesehen wurde . Die fabelhaftesten Gerüchte gingen dem Manne voraus . Man versprach sich goldene Berge . Die Leute , welche nach Sachsen zur Rübenarbeit gingen , hieß es , könnten sich im Laufe eines Sommers dort ein Vermögen erwerben . Andere wieder sagten , diese Agenten seien nicht besser als Sklavenhändler , und die Mädchen und Burschen welche ihrem Lockrufe folgten , sähen einem schrecklichen Lose entgegen . Gustav hatte , als er noch bei der Truppe war , die Sachsengänger alljährlich im Frühjahr durch die Stadt ziehen sehen , von einem Bahnhof zum anderen auf Möbelwagen : Weiber und Männer zusammengepfercht mit ihren Ballen und Laden , oder auch herdenweise durch die Straßen getrieben wie Vieh . Fremdartige Gestalten waren das gewesen , Polacken , schmutzig , zerlumpt . Er hatte die Gesellschaft aus tiefster Seele verachtet , und nie bisher war ihm der Gedanke gekommen sich diesen zuzugesellen . Eines Tages nun fand er am Spritzenhause in Halbenau einen Anschlag , auf welchem der Aufseheragent Zittwitz mitteilte , daß er im Kretscham angekommen sei und Anmeldungen von Mädchen sowohl wie jungen Männern zur Sommerarbeit in Sachsen annehme . Gustav , der eigentlich auf dem Wege zu seiner Braut begriffen war , las den Anschlag ein paarmal aufmerksam durch . Sich anbieten ! Nein , das wollte er nicht . Er hätte den schön geführt , der ihm , dem gewesenen Unteroffizier , hätte zumuten wollen , unter die Runkelweiber zu gehen . Aber anhören konnte man sich schließlich doch mal , was der Agent zu sagen hatte ; das verpflichtete ja zu nichts . Vor dem Kretscham schon merkte man , daß hier etwas Besonderes heute vor sich gehe . Leute gingen und kamen . An der Tür stand ein Hause junger Burschen , Hände in den Taschen , Zigarren im Munde , welche die Mädchen , die zahlreich in den Gasthof strömten , bekrittelten und verhöhnten . Gustav schloß sich dieser Gruppe an . Jetzt hineinzugehen , schämte er sich doch . Er stellte sich also zu den Burschen . Es wurde viel gespuckt , bramarabasiert und geflucht . Der Kerl da drinnen mache die Mädel ganz verrückt , hieß es . Das Blaue vom Himmel löge er herunter , und einige habe er auch schon bald so weit , daß sie unterschreiben wollten . Er suche sich die jungen und hübschen aus . Verheiratete wolle er gar nicht haben . Da könne man sich ja ungefähr vorstellen , was er im Schilde führe . Es folgten düstere Andeutungen . Einer wollte in der Zeitung gelesen haben , wohin derartige Mädchen verschwänden . Gustav hörte sich das Gerede eine Weile mit an , dann meinte er , man sollte doch lieber hineingehen und dem Burschen auf die Finger sehen bei seinem Geschäfte . Sie würde wohl noch Mannes genug sein , ihn , falls er im trüben fische , aus dem Orte hinaus zu besorgen . Einige von den jungen Leuten folgten ihm in den Kretscham . Die große Gaststube war gedrängt voll Menschen . Dem Eingange gegenüber saß der Agent an seinem Tische mit Schreibzeug und Papieren . Um ihn her standen und saßen alte und junge Männer . Die Mädchen hielten sich mehr an der Wand , sie schienen verschüchtert und wollten sich nicht recht herantrauen . Der Aufseheragent war ein Mann von behäbigem Äußeren , mit braunem Vollbart , in einem Anzug von brauner » Jäger « wolle , die ihn wie ein Sack einschloß und nichts von weißer Wäsche sehen ließ . Auffällig an ihm waren die großen , lebhaften , schwarzen Augen . Er war soeben im Wortwechsel mit ein paar jungen Männern begriffen , welche Soldatenmützen trugen , und die , wie Gustav schnell erkannte , nicht aus Halbenau waren . Die jungen Leute behaupteten , das seien Schundlöhne , die jener anböte , dafür brauche niemand die weite Reise zu machen . Verhungern könne man hier so gut wie anderwärts umsonst . Der Agent ließ die beiden eine Weile reden Er saß an seinem Tische mit gelassener Miene , er schien seiner Sache sehr sicher zu sein . Er gebrauchte seine Augen , indem er die einzelnen Gesichter um sich her scharf beobachtete . Jetzt schlossen sich auch Einheimische den beiden Schimpfern an . Für solche Löhne könne man kaum sein Leben fristen , hieß es , geschweige denn etwas verdienen oder zurücklegen . Da wolle man doch lieber daheim bleiben bei sicherem Brot . Nun erhob sich der Agent von seinem Platze , er ging unter die Leute . Vor einem der Hauptklugredner blieb er stehen . Er solle ihm doch einmal erzählen , was er verdiene , sagte er in vertraulichem Tone . Der junge Mensch war etwas verblüfft und wollte nicht recht mit der Sprache heraus , dann nannte