eigene Gegenrüstung gerechtfertigt . Ist es Österreich mit dem Nichtangreifen Ernst , so solle es zuerst abrüsten . Hierauf das wiener Kabinett : Wir wollen am 23. dss . abrüsten , wenn Preußen verspricht , am folgenden Tage dasselbe zu thun . Preußen erklärt sich bereit . Welch ein Aufatmen ! So wird denn trotz aller drohenden Anzeichen der Friede erhalten bleiben ! Diese Wendung verzeichnete ich freudig in die roten Hefte . Aber zu früh . Neue Verwickelungen stellen sich ein . Österreich erklärt , es könne nur im Norden , nicht aber zugleich im Süden abrüsten , denn dort sei es von Italien bedroht . Darauf Preußen : Wenn Österreich nicht ganz abrüstet , so wollen wir auch gerüstet bleiben . Jetzt läßt sich Italien vernehmen : Es wäre ihm nicht im entferntesten eingefallen , Österreich anzugreifen , aber nach dessen letzter Erklärung werde es allerdings Gegenrüstungen machen . Und so wird das hübsche Defensivlied nunmehr dreistimmig gesungen . Ich lasse mich von dieser Melodie wieder einigermaßen in Ruhe lullen . Nach solchen lauten und wiederholten Versicherungen kann doch keiner angreifen , und ohne daß einer angreife , gibt es keinen Krieg . Das Prinzip , daß nur noch Verteidigungskriege gerecht seien , hat sich schon so sehr des öffentlichen Bewußtseins bemächtigt , daß doch keine Regierung mehr einen Einfall in das Nachbarland unternehmen darf ; und wenn sich nur lauter Verteidiger gegenüberstehen , so können dieselben , so drohend sie auch bewaffnet , so fest sie auch entschlossen seien , sich bis aufs Messer zu wehren - doch thatsächlich den Frieden nicht brechen . Welche Täuschung ! Neben » Offensive « gibt es ja noch verschiedene andere Arten , Feindseligkeiten zu eröffnen . Da sind die irgend ein drittes Ländchen betreffenden Forderungen und Einmengungen , die als ungerecht abgewehrt werden können ; da sind die alten Verträge , die man für verletzt erklärt , und für deren Aufrechterhaltung zu den Waffen gegriffen werden muß ; da ist endlich das » europäische Gleichgewicht « , welches durch die Machterweiterung des einen oder des anderen Staates gefährdet werden könnte und daher gegen solche Machterweiterung energisches Einschreiten erheischt . Uneingestandenermaßen , aber am heftigsten zum Kampfe treibend , wirkt der lang geschürte Haß , welcher schließlich ebenso sehnsüchtig und naturgewaltig nach todbringendem Handgemenge drängt , wie lang genährte Liebe nach lebenschöpfender Umarmung . Von nun an überstürzen sich die Ereignisse , Osterreich tritt so entschieden für den Augustenburger ein , daß Preußen dies für einen Bruch des Gasteiner Vertrags erklärt und darin eine deutliche feindliche Absicht erkennt , was zur Folge hat , daß beiderseits aufs äußerste gerüstet wird und nun auch Sachsen damit beginnt . Die Aufregung ist eine allgemeine und wird täglich heftiger . » Krieg in Sicht , Krieg in Sicht ! « verkünden alle Blätter und alle Gespräche . Mir ist zu Mute , als wäre ich auf dem Meere und der Sturm im Anzug ... Der gehaßteste und geschmähteste Mann in Europa heißt jetzt Bismarck . Am 7. Mai wird auf denselben ein Mordversuch gemacht . Hat Blind , der Thäter , jenen Sturm dadurch abwenden wollen ? Und hätte er ihn abgewendet ? Ich erhalte aus Preußen Briefe von Tante Kornelie , aus welchen hervorgeht , daß dort zu Lande der Krieg nichts weniger als gewünscht wird . Während bei uns allgemeine Begeisterung für die Idee eines Krieges mit Preußen herrscht , und mit Stolz auf unsere » Million auserlesener Soldaten « geblickt wird , herrscht drüben innere Zerfahrenheit . Bismarck wird im eigenen Lande nicht viel weniger geschmäht und verleumdet , als bei uns ; das Gerücht geht , daß die Landwehr sich weigern werde , in den » Bruderkrieg « zu ziehen , und man erzählt , daß die Königin Augusta sich ihrem Gemahl zu Füßen geworfen , um für den Frieden zu flehen . O , wie gern hätte ich an ihrer Seite gekniet und alle meine Schwestern - alle - zu gleicher That hinreißen wollen . Das , das allein sollte aller Frauen Bestreben sein : » Friede , Friede - die Waffen nieder ! « Hätte doch unsere schöne Kaiserin sich auch zu Füßen ihres Gemahls geworfen und weinend , mit erhobenen Händen , um Entwaffnung gefleht ! Wer weiß ? Vielleicht hat sie es gethan - vielleicht hätte der Kaiser selber auch gewünscht , den Frieden zu erhalten , aber der Druck , der von den Räten , von den Sprechern , Schreiern und Schreibern kommt , dem kann ein einzelner Mensch , - selbst auf dem Thron - nicht widerstehen . Am 1. Juni erklärt Preußen dem Bundestage , es werde sofort abrüsten , wenn Österreich und Sachsen das Beispiel geben . Dagegen erfolgt von Wien geradeheraus die Anschuldigung , daß Preußen schon lange mit Italien einen Angriff auf Österreich geplant habe , weshalb Letzteres sich nunmehr ganz dem deutschen Bund in die Arme werfen wolle , um diesen aufzufordern , die Entscheidung in Sachen der Elbherzogtümer zu übernehmen . Gleichzeitig wolle es die holsteinischen Stände einberufen . Gegen diese Erklärung legte Preußen Protest ein , weil dieselbe gegen den Gasteiner Vertrag verstoße . Damit sei zum wiener Vertrag zurückgekehrt , nämlich zum gemeinschaftlichen Condominat ; folglich habe Preußen auch das Recht , Holstein zu besetzen , wie es seinerseits den Österreichern den Besitz Schleswigs nicht verwehre . Und zugleich rücken die Preußen in Holstein ein . Gablenz weicht ohne Schwertstreich , aber unter Protest zurück . Vorher hat Bismarck in einem Rundschreiben gesagt : Von Wien hatten wir gar kein Entgegenkommen gefunden . Im Gegenteil : es waren dem Könige von authentischer Quelle Auslassungen von österreichischen Staatsmännern und Ratgebern des Kaisers zu Ohren gekommen ( Tritschtratsch ) , welche beweisen , daß die Minister den Krieg um jeden Preis wünschen ( Völkermord wünschen : welche furchtbare Verbrechensanklage ! ) , teils auf Erfolg im Felde hoffend , teils , um über innere Schwierigkeiten hinwegzukommen und um den eigenen zerrütteten Finanzen durch preußische Kontribution aufzuhelfen . (