» Wer mich so sieht , als korrekte Büreaugröße , der ahnt nicht ... « » Daß auch Du ein Schicksalsmensch bist , ein Katastrophenheiliger ! « » Ja , mein Lieber , was kann man da sagen ! Erst muß man alles innerlich überwunden haben ; eine frische Rinde muß über die verborgenen Verletzungen gewachsen sein , damit der alte Saftgang nicht mehr stockt , wenn er an der Unglücksstelle vorüberrollt . Quid sit futuram cras , fuge quaerere . « » So ist es . Erst wenn wir uns als unsere eigenen Überlebenden fühlen , können wir ruhig und männlich des alten Lebens gedenken in milder Gesinnung . Flüche , Gebete , Trostsprüche , Verzweiflung , Hoffnung - alles ist überwunden . Man rollt sich historisch vor sich selber auf wie eine Kartenlandschaft ... Und zum Teufel , es sind doch Punkte drauf , wo man nicht hinsehen mag ohne Schauder und Gruseln . « » Das Leben ist ein kurioses Ding . Seit Du mir von dem guten Drillinger erzählt , geht er mir immer wieder im Kopfe herum . Diese Offiziere a.D. , die uns die neue Ordnung so massenhaft bescheert , sind ein wahres Verhängnis , für sie selbst und für das Volk . Dieser Andrang von inaktiven Offizieren bei allen Ämtern und Stellen , bei unseren statistischen und polizeilichen Büreaus ! Eine anständige Beschäftigung , die vor Versumpfung und Verbummelung schützt , und vier bis fünf Mark Diäten sichert , scheint schon ein großes Los . Ein jeder , der sich neu meldet , erfährt aber , daß schon Hunderte vor ihm vorgemerkt sind ; er hofft , nach Jahr und Tag doch anzukommen . Und ist er angekommen , was blüht ihm ? Eine verknöchernde , geistlose und doch ungewohnt mühsame Arbeit in noch ungewohnteren dumpfen Büreauzimmern Tag für Tag . Er , der bis zu seiner Verabschiedung gewohnt war , hoch zu Roß oder stramm zu Fuß den größten Teil seiner Zeit in frischer , freier Luft zuzubringen ! « » Da mußt Du erst Drillingers Schilderungen hören von den Offiziersbeschäftigungen in Fabriken . Das muß man ihm nachrühmen , er hat nichts unversucht gelassen . Einmal war die Situation einfach grotesk : ein großer Privatunternehmer hatte ihn in seiner Buchhalterei angestellt , um als Hilfsarbeiter einen Menschen neben sich zu haben , an dem er sich , mit Rücksicht auf dessen vornehme Geburt und klingenden Titel , im Gebrauch eleganter Lebensformen üben konnte , während der Oberbuchhalter , ein ehemaliger Unteroffizier , jede Gelegenheit ergriff , den ihm unangenehmen Hauptmann a.D. das Untergeordnete seiner jetzigen Stellung mit ausgesuchter Bosheit fühlbar zu machen . Auf der einen Seite mußte er elender Silberlinge wegen sich den empfindlichsten Kränkungen aussetzen , um auf der andern Seite den Nimbus seines Chefs , eines eitlen plebejischen Emporkömmlings , verstärken zu helfen . « » Die vis comica einer solchen Situation ist klassisch . « » Auch in der Publizistik hat er einen Anlauf genommen . Er ist nicht in den Sattel gekommen , trotz seines Talentes und seiner Anstelligkeit . Gar mancher viel weniger Begabte seiner Kameraden hat in der Münchener Presse Glück gehabt . In allen Redaktionen stößt man hier auf Offiziere a.D. , von der Allgemeinen Zeitung bis herunter zur salva venia Kloake ; bei den Freisinnigen , den Nationalliberalen , den Schwarzen und Roten - überall hantieren Offiziere a.D. mit Redaktionsstift , Kleistertopf und Schere . In diesen Offizieren a.D. verkörpert sich ein großes Stück soziale Frage . Unser guter Drillinger , wie gesagt , kam nirgends an . Er versteht von der Kunst der Streberei nichts ; er ist der geborene Pechvogel . Auch die Trambahn , die Panorama-Gesellschaften , die mit Offizieren a.D. wirtschaften , hatten für ihn keinen Platz . « » Und jetzt Liebelei und Börsenspiel - das scheint mir von allen der verhängnisvollste Versuch , aus dem Sumpf der Unthätigkeit heraus zukommen . « » Hinsichtlich seiner Liebeleien wird viel übertrieben , wie immer , wenn sich der öffentliche Klatsch solcher Dinge bemächtigt . Was hier an unserer Isar zusammengeklatscht wird , davon macht Ihr Euch in der Provinz gar keine Vorstellung . Du siehst ' s ja - selbst der König auf seinem Thron ist nicht sicher davor . Es übersteigt alle Begriffe , was ihm nachgesagt wird . Ja , wir leben in einem freien Lande ! « » Darum doppelte Vorsicht in dieser gährenden Zeit . Was sie auch aus ihrem Hexenkessel als angeblich erlösendes Gebild aufsteigen lassen möge , wir sind alt genug , uns durch nichts mehr überraschen zu lassen ... « » Der Kurier seiner Majestät , « meldete Gabriel mit schwacher Stimme und verbundenem Kopf . » Wie siehst denn Du aus , Unglücksmensch ? « fragte Trostberg überrascht . » Es scheint , ich kann den Münchener Frühling und den Schopenhauer nicht vertragen : es treibt mir den Kopf auseinander . « » Bitte , einen Augenblick , lieber Regierungsrat , der Kurier wird gleich bedient sein . « Doktor Trostberg empfing den Kurier sehr zeremoniös in einem salonartigen Gemach , das zwischen Bibliothek- und Schlafzimmer lag . » Seine Majestät befehlen das Drama-Manuskript ? Hier . Es liegt schon seit gestern bereit . « Damit überreichte er dem Kurier eine dicke , blauweiß verschnürte , mit Goldschnitt verzierte Rolle . » Und hier der neue Auftrag unseres allergnädigsten Herrn , « hob der Kurier feierlich an , dem Doktor ein umfangreiches Buch überreichend . » Seine Majestät erwarten , daß Sie die Auszüge aus den bezeichneten Kapiteln spätestens bis Mitternacht abliefern ; die französischen Verse im Anhang sollen ins Deutsche umgedichtet werden , so wortgetreu als möglich . « Trostberg verbeugte sich . Er werde alles thun , die schwierige Arbeit zu allerhöchster Zufriedenheit auszuführen . Sodann mit einigen diplomatischen Zwischenfragen überleitend , kam er auf persönliche Hofangelegenheiten , schlug einen diskret vertraulichen Ton an und wollte den Kurier ein wenig ausforschen . Der Kammerlakai war aber heute zugeknöpfter