verblüfft . » Das kannst du ja wissen , da du nur melden ließest , du kämst nicht zu Tisch und würdest dort speisen ! « » Ich habe gar nichts melden lassen , er tat es ohne mein Wissen ! « » Wer Er ? « » Ja so ! Nun rate - der Louis Wohlwend ! « » Der ist da ? Und du hast mit ihm gegessen ? « Die Frau Salander saß starr vor Erstaunen , aber nicht von der freudigen Art. » Erschrick nur nicht so arg ! Denke dir , er will unser Bürgschaftsgeld mit Zins abzahlen und hat mir als Anfang fünftausend Franken gebracht ! « » Ich wollte , der Boden hätte ihn damit verschlungen ! Wenn das Geld nicht verschmerzt wäre , so hätt er ' s nicht gebracht ! Und da hast du gleich wieder Freundschaft gemacht ? « » Das just nicht ! Aber sei doch nicht so wunderlich , liebe Marie ! Ich kann nichts anderes darin ersehen , als daß er den Schaden gutmachen will , da er es nun vermag ! « » O Mann , und ich kann nichts anderes erkennen , als daß er gekommen ist , dich zum dritten Mal auszuplündern ! « » Das hätte er jetzt nicht mehr nötig ! Ein solcher Spitzbube ist er doch nie gewesen , daß er , der ein Vermögen erheiratet hat , aus bloßer Liebhaberei eine alte Schuld bezahlt , um sie als Köder zu einem neuen Fang zu benutzen . Und dann wäre er nicht mit Weib und Kindern dazu eingerückt ! « » Behüt uns der Himmel ! Weib und Kinder ? Das mag ein schönes Volk sein ! « » Schön ? Schau sie einmal an , du wirst dich wundern ! Die Frau selbst dünkt mich zwar nicht besonders fein , hab sie auch nicht recht angesehen , weil sie eine jüngere Schwester hat , ein Fräulein Myrrha , die ich betrachten mußte ! Ich sage dir , eine Antigone , eine Nausikaa , die schöne Helena selbst , würd ich sagen , wenn sie hiefür nicht zu fromm aussähe ! « Erst jetzt faßte Frau Marie den begeisterten Mann besser ins Auge und gewahrte sein leicht gerötetes Gesicht und die glänzenden Äuglein , die er machte . In dieser ungewohnten Anwandlung einer späten Schönheitsverehrung erschien er ihr so liebenswürdig komisch , daß sie herzlich lachen mußte und ihn mit wachsender Heiterkeit betrachtete . » Es ist gewißlich wahr ! « rief er treuherzig , indem er das fröhliche Wesen ihrem Unglauben zuschrieb , nicht ahnend , wie viel edler die Laune war , die sie beseelte . Und als sie ihn mit noch lustigerem Wohlwollen zu betrachten fortfuhr , lief er ungeduldig mit den Worten davon : » Ach geh ! Mit dir ist nichts anzufangen . « Dieser gute Martin ! dachte die in ihrem Sessel lehnende und einen Augenblick die Hände übereinanderlegende Frau , der ändert sich nicht , bis er zerbricht ! Immer jagt er einen neuen Osterhasen auf , wenn man glaubt , er sei zu Ende ! Jetzt hat er es wieder mit der Griechenschönheit zu tun , wie er es in alter Zeit genannt hat ; er wird nächstens mit dem Odysseebuch ankommen , das wir ehemals durchlasen . Nun , er hält seinen Geist immer in Bewegung , immer ist er mit etwas beschäftigt und braucht nicht Kegel zu schieben ! Der so günstig beschriebene Mann ging indessen schon wieder anders gelaunt den Weg nach dem Geschäftshause , als wie er ihn angetreten . Erst auf der Straße wirkte das anmutige Verhalten der Frau in ihm nach , deren innere Jugend den Rest der Jahre um so lieblicher durchschimmert hatte , als das Vorkommnis in seiner Art neu war . Der kleine Verdruß , den er über ihr Lachen empfunden , verschwand unvermerkt . » Wer hätte gedacht , « sagte er , » daß diese gute Marie , die ich so lang kenne , einer so zierlich goldenen Laune in solchem Falle fähig wäre ! Nie hab ich sie so gesehen ! Hier kann man wahrlich nicht sagen , der Mensch ändert sich , bis er zerbricht ! Stets , wenn man es am wenigsten denkt , bringt sie ein neues Licht zu Tag ! Freilich , da sie hiemit stets dieselbe bleibt , kann man doch nicht sagen , sie ändere sich ! « Aber keines von beiden erinnerte sich mit einem Wörtchen an das Gespräch , welches sie am gestrigen Abend vor dem Schlafengehen wegen der Töchter geführt , und was sie von den unregelmäßigen und unerklärten Erscheinungen des menschlichen Lebens gesagt hatten . XV Martin Salander hörte mehrere Wochen nichts weiter von Louis Wohlwend und dessen Familie , und wenn er auch zuweilen neugierig war , was der kuriose gute Freund zu guter Letzt noch aufstellen werde , so dachte er doch immer weniger und gleichgültiger daran . Eines Abends verkündigte ihm Frau Marie , daß sie die Töchter besuchen und bei jeder einen Tag zubringen möchte . Die Männer seien nämlich beide an ein Schützenfest in der Westschweiz gereist und werden es nicht verlassen , bis sie ein paar silberne Becher herausgeschossen , was sie mit vielem Geldaufwand und unendlichem Schießen zu erzwingen gewohnt waren . Ihre Abwesenheit wünschten die Frauen zu einer gründlichen Musterung des Hausgerätes , namentlich Betten und Linnenzeug , zu benutzen und dabei die Mutter mit ihrem Rate zur Seite zu haben . Sie gedachten natürlich , auf diese Weise einen vollen Sommertag der ungestörten mütterlichen Gesellschaft sicher zu sein und es überdies so einzurichten , daß jede der Schwestern an der Visitation und dem Ratschlage im Hause der andern teilnahm , wobei sie nicht nur ein lehrhaftes Wahrnehmen und Vergleichen der erlittenen Schäden , sondern auch ein höchst zufriedenes , vertrautes Stilleben zu dreien tage- und nächtelang zu erzielen hofften . Denn wenigstens eine Nacht wollte jede Tochter den ersehnten Besuch bei sich