dem Schlosse befand , rollte der Wagen vor , in welchem Martin der seligen Großtante bis zur Bahnstation entgegenreisen sollte . Die Begleitung seines Vetters war als selbstverständlich angenommen worden . Fräulein Sidonie erklärte indessen rund heraus , ihr Bruder sei für solch eine ermüdende Partie von der Reise zu angegriffen . Max lächelte bei den Worten , widersprach jedoch nicht ; nur zu der ernstblickenden Lydia sagte er leise : » Ich halte es mit dem Tod , aber nicht mit den Toten . « » Aber , du lieber Gott ! ich ganz allein den weiten Weg hin und zurück , da muß ich ja vor Langeweile sterben ! « sagte Martin im allerkläglichsten Ton . » Komm du mit , Dezimus , tu mir den Gefallen ! « Und so geschah es , daß Held Dezimus , wie er einstmals zu Füßen der blumengeschmückten Harfenkönigin eine rasche stolze Fahrt in einem Viergespann gemacht , nach Jahren als Leidtragender in einer Trauerkutsche und geziemend feierlichem Tempo dem stolzen Viergespann folgte , in welchem die nämliche Harfenkönigin im kunstvoll gemeißelten Marmorsarge zur Gruft ihrer Ahnen befördert wurde . Vor dem Sarggehäuse saß neben dem rabenschwarzen Leichenkommissarius silberstrotzend der Diener mit den noch immer blühenden Wangen . Breite Trauerflore wallten vom Hut über seine weißen Locken . In einem zweiten Wagen folgte weinend die alte Kammerfrau nebst der gleichfalls zu versenkenden seligen Harfe ; beide dicht in schwarzen Krepp gehüllt . Auf einem dritten Gefährt überwachte ein bewährter Werkführer die Muse der Musik in ihrer hölzernen Umkapselung . Gewiß ein imposanter Kondukt , weit und breit unerlebt ! Aber die Fahrt währte lange , und Morgenluft zehrt , selbst im Gefolge eines Leichenwagens . Ein weislich von Freund Martin mitgeführtes Frühstück tat daher gute Dienste , wurde auch von beiden Leidtragenden mit so munterem Appetit verzehrt , als ginge die Reise flott zu einer Hochzeitsfeier . An der Grenze des Werbener Weichbildes stiegen die Freunde aus , um sich der Rangordnung ihres Leidwesens gemäß dem Zuge einzureihen ; denn hier wartete der Pfarrer samt allen , welche berufen oder auch nicht berufen waren , der Gutsherrin und dem mit ihr abscheidenden angesehenen Geschlecht die letzte Ehre zu erweisen . » Ein hübsches Zügelchen ! « sagte schmunzelnd Kantor Beyfuß zu seinem Nachbar , dem vormaligen Quatermillionenschüler , während der Kondukt sich die neue Grabesstraße hinanbewegte , auf deren Boden Kalmuszweige und Maienlaub verdufteten . Die Kirche war in eine Laube umgewandelt , der Altarplatz so dicht mit Lorbeer- und Zypressengruppen gefüllt , daß außer für den Sarg nur noch Raum für die beiden Familien des Schlosses und der Pfarre übrigblieb . Im Schiffe dagegen drängte sich Kopf an Kopf . Aus weitem Umkreis hatte hoch und gering den köstlichen Frühlingstag benutzt , um die Fliederblüte und das Begängnis einer Harfenkönigin zu genießen . Auch Amtmann Mehlborn wurde seit vielen Jahren zum ersten Male wieder in seiner alten Kirche , zwar nicht unter den Leidtragenden , aber doch unter den Schaulustigen bemerkt . Die Glocken hatten in Pausen schon den ganzen Morgen geläutet . Sobald der Sarg über die Kirchschwelle gehoben ward , stimmte , wohleingeübt , die städtische Liedertafel eine Motette an über den Psalmistenspruch : » Ich bin verstummt und schweige der Freuden . Wie gar nichts sind alle Menschen , die doch so sicher leben . « Nun hielt Pastor Blümel die Parentation ; nicht in freier Eingebung seinem Gemüte entströmend ; ein wohlbedachtes , wohlgefügtes Redestück , würdig der Künstlerin , deren Lebensabriß es in sich faßte , und diesem entsprechend der Text : » Wessen Ohr mich hörete , der pries mich selig , und wessen Auge mich sah , der rühmte mich . Denn ich errettete den Armen , der da schrie , Gerechtigkeit war mein fürstlicher Hut , und welche Sache ich nicht wußte , die erforschte ich . Ich gedachte : ich will meiner Tage viele machen und in meinem Neste ruhen . « Es war sonst nicht Pastor Blümels Sache , solch ein Bibelwort , aus seinem natürlichen Zusammenhange gerissen , einem fremdartigen Anlasse einzuzwängen , und gewißlich hatte Fräulein Thusnelda von Werben keine Seelenverwandtschaft mit dem Dulder von Uz . Da in diesem speziellen Falle aber nun einmal sich durchaus nicht auf den Glauben , die Liebe und Hoffnung eines Christen in diesem irdischen Jammertale berufen werden durfte , half sich auch ein Blümel aus der Verlegenheit , wie mancher seiner frommen Amtsbrüder es ohne Skrupel tut . Die warme Zuversicht aber , mit welcher er aussprach , daß diese Greisin , welche , der seltensten eine , nur mit den guten , nicht mit den bösen Erinnerungen des Hiob aus dem diesseitigen Leben geschieden sei , in dem unerforschlichen Jenseit für die Entwickelungen reifen werde , welche hienieden nur der Traurigkeit entkeimen , dem Leidtragen , das wir eben darum ein beseligendes nennen ; diese warme Zuversicht machte auch die Herzen der Hörer warm und gab dem christlichen Segensspruch die Weihe der Wahrhaftigkeit . Ob auch dem Propst von Hartenstein mit diesem seltsamen Textwort und der Anwendung des Unionisten Genüge geschehen , ließ sich weder behaupten noch verneinen . Er saß in sich versunken , tödlich bleich , die Hand seiner Tochter Lydia in der seinen . Seine Gattin weinte , und die Kinder hoben die Augen nicht vom Boden . Fräulein Sidonie jedoch drückte dem Redner einverstanden die Hand , und ihr Bruder versicherte ihm später lächelnd , er habe seine schwierige Aufgabe bewundernswert gelöst . Amtmann Mehlborn aber soll auf dem Heimwege gegen Kantor Beyfuß , seinen einzigen sogenannten Freund , geäußert haben : Solange er seine Augen offen hätte , möchte er nichts mehr mit dem alten Blümel zu schaffen haben . Es wäre ihm aber doch lieb , wenn er es so lange machte , daß er ihm noch einmal den Lebenslauf auslegen könnte . Unter entsprechendem Chorgesang war der Sarg in das Gewölbe hinabgelassen worden ; die goldene Harfe wurde über ihm befestigt , die