. Wer hat mir auch dieses Einzige noch weggenommen ? Soll es Kohlen geben oder eine Herdflamme in der Hütte ? Ist der weite Wald nicht mehr groß genug , legen sie die Hand noch an das Kreuz ? Was hat es ihnen getan ? Oder schnitze einer den Heiland dazu ? Oder hat es ein Kranker , ein Sterbender holen lassen , auf daß er davor bete ? So habe ich an jenem Tage gefragt und gegrübelt . Und am Abend noch eile ich durch das steinige Tal und meine , irgendwo müsse mein Gotteszeichen liegen . Ich laufe in den Wald hinab , den Fußsteig hin , da sehe ich zwei Männer , die das Kreuz auf den Schultern tragen . Und nun ist es mir eingefallen , es kommt in die neue Kirche am Steg , die Wäldler stellen es auf den Altar . Sie verehren es , wie ich es verehre ; auch sie wollen Entsagung und Aufopferung lernen ; auch sie sind Menschen , die streben und ringen nach dem Rechten , wie ich . Da ist in mir eine Freude erwacht , die mir schier das Herz hat zersprengt . Um den Hals fallen hätte ich Euch mögen , Euch , der ganzen Gemeinde . Ich gehöre ja zu Euch - ein Pfarrkind . « Dann sagt er noch : » Jetzo ist keine Zeit mehr zum Reden . Ich bin ja auch zu Ende . Kurze Zeit danach habe ich den Lazarus fortgeführt aus diesem Felsentale und hinaus zur neuen Kirche , auf daß er vor dem Kreuze bete . Ich habe ihn von Herzen gesegnet , denn ich habe wohl gewußt , daß er mir nicht mehr zurückkehren wird in das Felsenhaus . Und allein habe ich weiter gelebt , wohl verlassener als je , und doch beruhigter , und mein Herz hat sich gehoben , als wollte der Bann anheben zu schwinden . Öfter und öfter bin ich hinausgegangen zur neuen Kirche , in der mein Kreuz steht . Und die Menschen haben mich nicht mehr gemieden ; Almosen haben sie mir gereicht , auf daß ich beten möge vor Gott ihr Seelenheil . Daraus habe ich wohl mit Beschämung ersehen , daß sie mich für besser halten , als ich selber . Ich bin auch wieder in das Haus des Bartelmei gegangen , in dem sie mehr von mir wissen , als in den anderen Hütten . Des Köhlers Mutter , die Kath , ist schon seit Jahren krank , die bittet mich , daß ich um Gottes Erbarmung Willen doch einmal eine Messe für sie lese zu einem glücklichen Sterben . Das habe ich dem alten Weiblein gerne versprochen und die Messe habe ich gelesen , und zwar vor meinem Kreuze in der Kirche am Steg . « So weit hat der Mann erzählt . Wir schweigen beide eine gute Weile . Endlich habe ich die Worte gesagt : » Wie sich das schon wunderbar fügt im Lebenslaufe , so ist das vielleicht Euere letzte Messe in unserer Kirche nicht gewesen . « » Ich habe Euch die schuldige Antwort gegeben , « versetzt der Einspanig , » was daraus für Euch , für mich erwächst , davon kann heute noch nicht gesprochen werden . « Mit diesen Worten hat er sich von dem Holzstamme erhoben . Und wie er nun so aufgerichtet vor mir steht , da ist er jünger und größer , als er sonst geschienen . Einen tiefen Atemzug hat er getan , und plötzlich hat er heftig meine Hände gefaßt in die seinen und mit bebender Stimme gerufen : » Ich danke Euch , ich danke Euch ! « Und hierauf ist er hastig davongegangen . Er schreitet aufwärts in der Richtung gegen das Felsental . Ich schreite abwärts in die Lautergräben und gegen Winkelsteg . Meine Schuhe stoßen oftmals an Gestein und Gefälle . Eine nebelfeuchte , finstere Nacht liegt über den Wäldern . So ist mein Mißtrauen gegen den Einsiedler glücklich zuschanden geworden . Wenn einer auf die Welt verzichtet , sie mag ihm sein , was sie will , und jahrelang in der Wildnis lebt unter unerhörten Entbehrungen und mit eisernem Willen die Wünsche seiner Seele bekämpft - dem ist es ernst . - Zu welchem Zwecke wäre er auch in die Wälder gegangen , lange ehvor am Steg noch ein Kirchenstein gelegen , zu welchem Zwecke hätte er sich gemieden gemacht von den Leuten und seinem Wohltätigkeitsdrang nur im Verborgenen zu genügen gesucht ? - Und vor mir armem Mann hat er die Fasern seines Herzens entwirrt , daß ich hineinsehe in sein Inneres , wie es auch dasteht in der Schuld . Oft habe ich mir gedacht , der erste Seelsorger in Winkelsteg darf kein Gerechter sein , sondern ein Büßer . Nicht ein Mann sei es , der nie gefallen , sondern einer , der aus dem Falle ist aufgestanden . In der Tiefe und Finsternis der Wäldler muß er stehen und sich zurechtfinden können , auf daß er diesen Menschen vorauszugehen weiß hinan zur lichten Höhe . Im Sommer 1819 . Das ist sauber ! das ist possierlich ! das ist schon gar zu lustig , jetzund ! Ich habe heute den ganzen Tag gelacht und geweint . Es wird nur eine scherzhafte Mär sein , aber sie wird allenthalben ernsthaft erzählt . Und bei dem , was bislang schon zu hören gewesen , kann es ja möglich sein . Verspielt soll er uns haben , der schlechte Mensch ! Verspielt , uns samt und sonders , die ganzen Winkelwälder mit Stock und Stein , mit Mann und Maus und mit dem Andreas Erdmann , verspielt am grünen Tisch in einer einzigen Nacht . Und verspielt an einen Juden . Einige Tage später . Sei es , wie es sei , wir wollen an unserem Tagwerk weiter arbeiten . Ich bin heute in dem Miesenbachwald gewesen , um die Bäume zu besehen , die für den Schulhausbau bestimmt