den verwaisten Knaben , und ich erwähnte bereits , daß Ihr es dieser Handschrift beigefügt finden werdet . Nach diesem Zugeständnisse mußte nun aber der geistliche Herr sich darein ergeben , von mir nach seiner Anstalt geleitet zu werden . Die Klosterglocke schlug Mitternacht , als ich ihn , seinen Pflegling im Arm , hinter der Pforte verschwinden sah . Eine halbe Stunde später schmetterte das Posthorn vor der alten Baderei . Das Haus , das ganze Städtchen lagen im Dunkel ; alles schlief , und es währte mir eine Ewigkeit , bis die Torfahrt geöffnet ward und mein Vater in Schlafrock und Nachtmütze unter ihr erschien . » Dorothee ! « schrie ich ihm entgegen , indem ich mich mit beiden Händen an seine Schultern klammerte . » Du kommst post festum , arme Dine , « antwortete der Papa mit kleinlautem Scherz , » die Frau Geheimrätin lassen sich gehorsamst empfehlen ! « Und nun fragt mich nicht , wie ich an das Bett meiner Mutter und über den ersten Austausch hinweggekommen bin . Auch nicht , wie lange ich ihr gegenübersaß und in halber Betäubung die Schlußszene unseres häuslichen Dramas gleich einem Nebelbilde an mir vorübergleiten sah . Erst bei öfterer Wiederholung in den nächsten Tagen prägte sie sich mir ein mit der Schärfe eines persönlichen Erlebnisses . Die Verlobten waren von ihrem abendlichen Abschiedsgange heimgekehrt mit dem Beschluß , die Trauung am anderen Mittag in der verabredeten Weise stattfinden zu lassen . Vater und Mutter hatten nicht widersprochen . Den Gruß ihres alten Freundes im Kloster empfing die Braut mit einem Tränenstrom , der sie zu erleichtern schien . Als am Sonntagmorgen der Gottesdienst sich seinem Ende näherte , stieg die Mutter in Dorothees Stube hinauf , ihr kleines Angebinde zu überreichen . Es war eine Silhouette und Locke ihrer Tochter , die sie einem perlenumrahmten Medaillon hatte einfügen lassen . Sie fand die Braut fertig gekleidet in ihrem Abendmahlsanzuge , Brust und Arme mit einer Garnierung weißer Klosterspitzen , einem Geschenke Fabers , umschlossen . Das dunkle Bild am schwarzen Bande als einziger Schmuck hob das Trauerartige der Erscheinung noch mehr hervor . In diesem düsteren Rahmen aber , in der Blütenweiße des Angesichts , die Augen gesenkt , die Hände wie zu demütigem Flehen über der Brust gefaltet und die Morgensonne die weiche Lockenwelle übergoldend : die Mutter gestand , daß sie unter dem Rosenschimmer des Kindes niemals diese ideale Schönheit geahnt , und daß sie , gebannt im Anschauen , einen Augenblick auf der Schwelle geweilt habe . Aber nur einen Augenblick . Im nächsten durchflog ein Schrecken die Glieder der armen Hochzeitsmutter und ein entsetztes » Herrgott ! « entschlüpfte ihren Lippen . Eine Braut , Siegmund Fabers Braut , der Schützling einer Reckenburg - und ohne jungfräulichen Kranz ! Keiner hatte für das unerläßliche Symbol gesorgt , das bis zum letzten von der Hand der Brautführerin erwartet worden war . Und wie nun in dieser Übereile , bei sonntägig geschlossenen Läden , es beschaffen ? Dorothee hatte den Aufschrei vernommen , sie sieht die mütterliche Unruhe . Gleichzeitig hört sie das Rollen eines Wagens immer näher und näher die Straße herauf . Jetzt hält er vor der Tür . » Hardine ! « kreischt sie , » Barmherzigkeit , Hardine ! « und stürzt auf ihre Knie . Aber es ist nicht die ersehnte Kranzjungfer , es sind die Hochzeitskutschen , welche vor dem Hause vorfahren . Rasche Tritte eilen die Treppe herauf . Bräutigam und Hochzeitsvater treten ein , eben als die zitternde Braut sich vom Boden erhebt . Allein der Kranz , der Kranz ! Alles blickt bestürzt - alle , mit Ausnahme der totenstarren Braut . Der glückliche Hochzeiter ist der erste , sich zu fassen . » Es muß ja nicht eben Myrte sein , « sagte er lächelnd . » Im ganzen Süden wählt man beliebige weiße Blüten , gemischt mit irgendeinem anderen zarten Grün . « Er überblickt das Zimmer , das gestern noch einem Garten geglichen hatte . Sämtliche Töpfe jedoch sind heute in der Frühe hinaus zum Schmucke der elterlichen Gräber getragen worden ; nur in einem Wasserglase sieht er ein paar Zweige , die er achtlos ergreift und der Geliebten reicht . Die Mutter unterdrückt einen Schauder ; mit einem herzzerreißenden Lächeln flicht sich Dorothee dieselben in ihr goldenes Haar : es ist ein Strauß Rosmarin , auf eben jenen Gräbern gestern zum Andenken von der Tochter Hand gepflückt . In dem nämlichen Augenblick aber bringt triumphierend der gute Papa , der in seinem Eifer in den Garten gelaufen ist , eine Handvoll weißer Tausendschön , an denen noch der Morgentau perlt . Sie werden zwischen die Zweige gewunden , und so mit Frühlingsblumen und Grabesgrün ist der bräutliche Schmuck vollendet . Siegmund Faber legt einen kostbaren türkischen Schal um die Schultern seiner Verlobten , er führt sie zum Wagen , die Eltern folgen in einem zweiten . Unter den Grüßen und Winken ihrer Mitbürger , die eben dem Gotteshause entströmen , fährt das schönste Kind der Stadt aus seiner dunklen Heimat in den blendenden Glanz der Welt . Nach einer Stunde hielten die Wagen vor einer Kirche seitab des ersten Dorfes auf der Straße nach Berlin . Die Bewohner saßen beim Mittagessen , niemand außer dem Pfarrer und Küster harrte in dem kleinen , öden Gotteshause . Faber hatte aus Schonung für seine Braut um eine kurze , stille Feier gebeten , und so beschränkte sich dieselbe nahezu auf die alte strenge lutherische Formel und den Segensspruch . Ohne Sang und Orgelklang waren die Verlobten binnen weniger Minuten Mann und Weib . Als die Ringe von neuem gewechselt wurden , die sie acht Jahre lang getragen hatten , glitt der der Braut von der schlaff herabhängenden Hand . Faber fing ihn auf und steckte ihn an ihren Finger , den er von da ab fest zwischen den seinigen gepreßt hielt . Sein Ja schallte laut und freudig durch den Raum .