mit Fräulein Bär im Nebenzimmer . Helene erhob sich , den beiden Damen , die auf ihr entrez ! in ' s Zimmer traten , entgegenzugehen . Sophie Robran eilte Fräulein Bär voraus und umarmte Helenen mit einer liebenswürdigen Lebhaftigkeit , die mit der salonmäßig vornehm ruhigen Haltung der jungen Aristokratin einigermaßen contrastierte . - Ich habe eine ordentliche Sehnsucht nach Ihnen gehabt . Helene ! Warum haben Sie mich seit neulich Abend nicht besucht , wie Sie versprachen ? Fräulein Malchen hat Sie doch nicht gar etwa daran verhindert ? Point du tout ! erwiderte Fräulein Bär , die Brille auf die Stirn schiebend , um wohlgefällig ihrem Liebling in die großen , freundlichen , blauen Augen zu schauen ; Du weißt , Sophiechen , daß Helene ganz frei über ihre Zeit disponiren kann . - Aber weßhalb ich eigentlich komme , liebe Helene ! Hier ist ein Brief für Sie , den einer Ihrer Diener überbrachte ; ich glaube von Ihrem Herrn Vater . Helene nahm den Brief mit einer Verbeugung entgegen , warf einen Blick auf die Adresse und sagte ; in der That von meinem Vater ! und legte ihn auf eine Briefmappe , die sie beim Eintritt der Damen zugeklappt hatte . Ich will nicht länger stören , sagte Fräulein Bär ; Sophiechen kommt , Sie zum Musiciren abzuholen . Soll ich Ihnen das Mädchen nachschicken ? und wann ? Sie kommen doch mit , Helene ? sagte Sophie , die sich auf einen Stuhl an das Instrument gesetzt hatte und einen Clavierauszug durchblätterte . Ich habe sehr schöne neue Lieder bekommen . Ein ganz herrliches von Schumann , das müssen wir zusammen durchgehen . Recht gern , erwiderte Helene ; indessen , ich möchte nicht lange bleiben , da ich heute Abend nothwendig einen Brief nach England zu beendigen habe , der morgen früh fort muß . Ich danke deshalb für das Mädchen , Fräulein Bär . Ich werde noch vor Dunkelwerden wieder zu Hause sein . Ganz wie Sie wollen , liebe Helene , sagte Fräulein Malchen , erst Helene flüchtig und dann Sophie Robran herzlich auf die Stirn küssend . Adieu , mes enfants ! Und Fräulein Bär ließ die Brille wieder auf die Nase gleiten , legte ihre Stirn in die geschäftsmäßigen Falten und rauschte davon . Wie geht es Ihrem Herrn Vater ? fragte Helene . Danke , erwiderte Sophie ; es geht ihm viel besser ; er ist heute schon wieder ein paar Stunden länger aufgeblieben . Aber , nun lesen Sie auch Ihren Brief , Helene ; und dann machen Sie , daß Sie fertig werden . Sogleich , sagte Helene , den Brief erbrechend ; während Sophie weiter in den Noten las . Nach einigen Minuten blickte sie auf und sah Helenen den Brief in der herabhängenden Hand haltend , den Kopf in die andere gestützt , offenbar in tiefes Nachdenken versunken dasitzen . Die langen Wimpern verhüllten die strahlenden Augen und die dunklen Brauen waren , wie in Unwillen , zusammengezogen . Was ist Ihnen ? rief Sophie , das Notenbuch zuklappend und auf ' s Clavier legend , haben Sie schlimme Nachrichten erhalten ? Nicht doch ! erwiderte Helene , die bei dem ersten Ton von Sophiens Stimme sich wieder zusammenraffte und zu lächeln versuchte . Nicht doch ! Mein Vater wird morgen kommen , das ist Alles . Um hier zu bleiben ? Ja . Und - Sie , Helene ? Ich dachte eben darüber nach . Mein Vater stellt es mir frei ; indessen - Das junge Mädchen schwieg , und derselbe halb nachdenkliche , halb trotzige Gesichtsausdruck von vorhin war wieder da . Sie schien die Anwesenheit Sophiens vergessen zu haben . Plötzlich fragte sie , die Blicke noch immer zu Boden senkend : Würden Sie , wenn Sie beleidigt wären , jemals zuerst die Hand zur Versöhnung bieten ? Sophie wurde durch diese Frage , deren Sinn ihr nicht verborgen war , einigermaßen in Verlegenheit gesetzt . Helene hatte zu ihr niemals über ihre Angelegenheiten gesprochen , nicht einmal in Andeutungen . Sie wußte also - durfte also von alle dem nichts wissen , und doch vertrug es sich schlecht mit Sophiens geradem Sinn und ihrer Freundschaft zu Helene , eine Unwissenheit und Theilnahmlosigkeit zu affektiren , die ihr fremd waren . Es kommt darauf an , antwortete sie nach einer kleinen Pause : wie die Beleidigung war , und vor allem , wer der Beleidiger war . Wie so ? Es giebt Beleidigungen , mein ' ich , die es nur dadurch werden , daß wir ihnen diese Bedeutung unterlegen , und Beleidiger , die es niemals werden können - niemals werden sollten - ich meine , die uns so nahe stehen , mit denen wir durch die Natur so eng verbunden sind , daß es unnatürlich sein würde , wenn - Sie uns haßten , unterbrach Helene schnell Sophie . Wenn nun aber doch dieser Fall einmal einträte ; wenn nun aber doch sich haßte , was sich lieben sollte ; sich verfolgte , befeindete , bekämpfte , was sich unterstützen , gegenseitig helfen und tragen sollte - wie dann ? Helene war aufgestanden ; ihr Gesicht glühte ; ihre Augen funkelten ; ihre Hände ballten sich - das Bild eines Wesens , das des Kampfes froh ist und nur den Sieg oder Tod , aber nimmer Ergebung kennt . Ich weiß es nicht , erwiderte Sophie , sich zu einer Ruhe zwingend , die sie nicht besaß ; das weiß ich aber , daß ich für meine Person niemals in die Lage kommen könnte . Ich würde Bruder oder Schwester , und nun gar Vater oder Mutter , die mir das Leben gaben , niemals hassen , möchte geschehen , was da wollte . Sind sie doch - ich selbst . Wie kann man sich selber hassen ? Wissen Sie das wirklich so gewiß ? erwiderte Helene . Woher wissen Sie es ? Sie haben niemals weder Bruder