» Guten Tag , junger Wolf ! « sagte Juliane von Poppen ; » es freut mich , Euch zu sehen ; ich höre , man fängt an , Eure Zerstreutheit zu tadeln . Was ist das ? Nehmt Euch zusammen , Kind ; arbeitet , lernt , so hat kein böser Geist Macht über Euch . Laßt Euch von der großen Stadt nicht verführen - es ist ein gefährlich Ding . « Der Jüngling drehte verlegen seine Mütze zwischen den Händen , welche noch mehr zitterten als die Helenes . Der Sternseher und der Polizeischreiber mochten sich mit Recht über die Zerstreutheit ihres Zöglings beklagen ; aber er hatte noch lange nicht ihren Gipfel erreicht . Es fand mehr als eine Begegnung zwischen Robert und Helene statt , und nach jeder derselben wurde der Schüler des Sternsehers um mehrere Grade unaufmerksamer . Die Bücher verloren für ihn wieder einmal allen Reiz ; weder der kluge Odysseus noch der Männerfürst Agamemnon , weder Äneas mit seinen vagabundierenden Genossen noch Theseus und Jason hatten das geringste Interesse für ihn . Und was gingen gar den Studenten die Scipionen , Gracchen , Fabier - die Helden der Griechen und Barbaren an ? Stand nicht auf jeder Seite der Bücher : Pulvis et umbra sumus , Staub und Schatten sind wir - ? Ja , Staub und Schatten - Schatten und Staub ! Robert Wolf hatte beides in jungen Jahren schon kennengelernt . Unter Staub , Schutt und Trümmern lag seine Jugend begraben , wie das Gärtchen Helenes jetzt unter schwarzem Schutt und Trümmern lag . Nun aber regten sich die verschütteten Quellen des Lebens wieder in der Tiefe und strebten , sich wieder hinaufzuringen ins holde Licht des Lebens . Sie haben eine große Kraft , diese Wasser , und vermögen viel . Den eckigen Granit schleifen sie zu glatten Kieseln , sie zerbrechen die starrsten Steinrinden - es ist ein schmerzliches Wühlen im Abgrunde ; aber es ist ein Streben in die Höhe . Legt das Ohr an den Boden : ihr hört das dumpfe Rauschen immer vernehmlicher ; es regen sich die dürren Ranken , sie fühlen das belebende Element an den Wurzeln ; welch ein Wunder ! - Gestern war noch alles tot und verwelkt ; nun ist über Nacht der Frühling gekommen ; ein silberheller Strahl der Jugendlust schießt empor , spielt blinkend und blitzend im Strahl der Sonne . - Wieder einmal hat das Leben den Tod besiegt ; laßt den Polizeischreiber Fritz Fiebiger immer bedenklicher das kluge Haupt schütteln , laßt den Sternseher Heinrich Ulex , laßt Juliane von Poppen Worte der Mißbilligung murmeln ; klug sind die Alten , weise sind sie , aber sie sind nicht jung ; sie können sich täuschen über das Wühlen in der Tiefe . Julius Schminkert , der Jüngling , allzusehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt , gab seine Ansicht von der Sache noch nicht zum besten ; die Alten mußten sich gedulden . Daß Helene immer stiller und träumerischer wurde , schob das scharfäugige Freifräulein allein auf die Sorge um den geisteskranken Vater ; aber auch sie traf nicht das Richtige . Nicht allein die Angst um den kranken Vater beugte das holde Köpfchen ihres Pflegekindes , ein anderes erfüllte die kindliche Seele mit geheimnisvollen Schauern und Wonnen . Vor langen , langen Jahren , lange vorher , ehe in Deutschland die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth erbaut wurde , lange vor Errichtung des Bundestages hatte Juliane von Poppen in den schönen Wildnissen des Winzelwaldes dergleichen auch empfunden . Ach , die Eisenbahnen zogen die Kreuz und Quer ihre Schlangenlinien durch das grüne Deutschland , man kannte das ausgezeichnete Institut des Bundestages in seiner ganzen Vollkommenheit , die Königreiche der Griechen und Belgier waren errichtet worden , die Franzosen hatten ihren Karl den Zehnten über die Grenze komplimentiert , der brave Friedrich Wilhelm der Dritte hatte den Erzbischof von Köln auf die Festung setzen lassen , der liebenswürdige Friedrich Wilhelm der Vierte wollte den Vereinigten Landtag berufen : Juliane von Poppen und Heinrich Ulex waren sehr alt geworden . Wieviel Bücher hat man über die Liebe geschrieben , wieviel Menschen sind über die Liebe zugrunde gegangen ? Der Glaube versetzt Berge , aber die Liebe bedeckt das kahle Gestein mit Grün und Blumen , läßt die hohen Zedern und Palmen emporstreben , läßt den silbernen Glanz der Quellen hervorsprudeln . Wenn die Religion zum Dogma versteinert , so mag sie vor den akademischen Lehrstühlen gelernt werden , aber sie ist ein anderes geworden , und die Theologie weiß oft am wenigsten Bescheid um die Religion . Wer hat jemals versucht , die Liebe zu lehren oder sie zu fangen in einem Lehrbuche ? Die Liebe kann niemals versteinern , kann niemals dogmatisch aufgebaut oder analysiert werden . Von Ewigkeit her ist sie dieselbe gewesen , und in alle Ewigkeit wird sie dieselbe bleiben . Im Flusse ist alles andere . Was Glaube heißt , heißt morgen Aberglaube ; aber die Liebe - die Liebe , die wir hier meinen - verändert nicht ihr Wesen . Wie es im Orphischen Hymnus von der Gottheit heißt : Zeus ist der erste , Zeus auch der letzte der Götter , Zeus ist das Haupt und die Mitt ' , und von Zeus ist alles gegründet . Zeus ist die Wurzel der Erd ' und des sternbesäeten Himmels , Zeus ein wehender Hauch , Zeus stürmender Flammen Gewaltschritt , Zeus des Meeres tief unterster Grund , ist Sonne und Mondlicht , Ist der König des Alls und urbewegende Grundkraft - so mag es auch von der Liebe heißen . Wie an Krischna , die hohe Gottheit der Inder , ist das Weltall an sie gereiht , » wie an die Perlenschnur die Perlen « . Übrigens ist weiter nichts davon zu sagen . Die Freundschaft zwischen Robert Wolf und Ludwig Tellering nahm auch immer mehr an Wärme zu , und eine ähnliche Neigung wie zwischen den beiden jungen Männern entstand zwischen