Spitzen höherer Gebäude ausgießt ; die gelben Streiflichter am fernen Horizont deuteteten aber dem Kenner , daß diese schöne Röthe kein Vorbote eines schönes Tages sei . » Mein Vater sieht sie auch aus seinem Fenster , er freut sich , und er darf sich freuen , denn bald werde ich auch in seine Arme stürzen , roth von dieser Sonne angeleuchtet . « » Wickeln Sie sich fester in Ihr Tuch , Mademoiselle . Sie sind erhitzt , und es ist sehr kühl draußen geworden . « Das Gewitter , das sich auswärts entladen , hatte eine empfindliche Kälte verursacht . » In dies Tuch ! « rief Adelheid , als der Legationsrath bemüht war , den seidenen Shawl um ihre Schultern zu ziehen . Sie riß es hastig ab und schleuderte es in den Winkel . » Es ist nicht meines . « Sie schauderte . » Fort , fort , nach Hause ! « » Unmöglich , Demoiselle ! Sie ziehen sich eine gefährliche Krankheit zu . Wenn das Tuch nicht Ihnen gehört , schicken wir es sogleich zurück . Nur bis ich Sie zu Ihrem Vater gebracht . « » Mein Vater soll das Netz nicht sehen , worin sie seine Tochter fangen wollten . « Sie hing sich mit Ungestüm an seinen Arm . » Mich friert , aber nur hier . Gewiß nur hier , da draußen ist es warm . « Auch den Legationsrath fröstelte . Er konnte die Retterrolle , die er übernommen , bereuen . Die entschlossenen Züge seines Gesichts schienen dem zu widersprechen . Aber seine Lage war eine kitzliche für einen vornehmen Mann , dem der Anstand vor der Welt allen Rücksichten vorangeht . Oeffentlich aus diesem Hause eine Dame zu führen , deren aufgeregter , halb verwildeter Zustand den Vermuthungen , die sich von selbst machten , nur zu sehr Thor und Thür bot . » Sie ist ja offenbar betrunken , « musste er im Vorbeigehen hören . » Die Schminke eben abgewischt , « sagte ein Anderer . » Und in der Windfahne auf offener Straße ! « Dies waren nicht mehr die Stimmen des Pöbels , es waren die Urtheile ruhiger Bürger . Es waren dieselben Personen , welche vorhin den Prediger und seine Töchter vor den Insulten der Buben geschützt . Denn diesen Landmädchen sähe man es ja an , daß sie nicht in das Haus gehörten , aber es sei doch eine Verhöhnung alles Anstandes , wenn ein Kavalier im Hofkostüm mit einer solchen frechen Dirne ohne Scham und Scheu auf offener Straße sich zeigt . So etwas sei selbst zu den schlimmsten Zeiten der Lichtenau ' schen Wirthschaft nicht vorgekommen . Zum Glück hörte davon Adelheid nichts . Der Legationsrath hörte Alles , aber keine Miene verrieth es . Die ruhigen Bürger blickten ihm kopfschüttelnd , die Gassenbuben liefen ihm höhnend nach . Er schwieg auch da , er beschleunigte nicht einmal seine Schritte . Er suchte nur nach etwas , vielleicht nach einem Bekannten , nach einem Fiaker konnte er sich nicht umsehen , es gab deren in Berlin noch nicht . » Wissen Sie die Wohnung meines Vaters ? « fragte Adelheid . » Ich weiß sie . « Aber er nahm eine andere Richtung und beschleunigte jetzt seine Schritte . Als Adelheid ihn daran erinnern wollte , trat er an eine offene Kutsche , welche in der Querstraße vorüberfuhr , und gab dem Kutscher ein Zeichen zum Halten , zum großen Befremden der Dame , welche darin saß ; zu ihrem noch größeren aber redete er sie bei ihrem Namen an und bat sie um einen Dienst der Menschenfreundlichkeit . Er nannte seinen Namen . Eine leichte Röthe überflog die blassen Wangen der Geheimräthin Lupinus . Sie neigte sich anmuthig über den Wagenschlag , sein Anliegen zu hören . » Erlauben Sie , daß ich französisch spreche , « sagte er , » wegen der Zuhörer . « Es blieb zweifelhaft , ob er die Gassenbevölkerung meinte , die sich schon um den Wagen drängte , oder Adelheid , die noch an seinem Arm hing . In einer fließenden kurzen Darstellung mit einem Accent , in welchem die Geheimräthin den Pariser zu erkennen glaubte , erzählte er die skandalösen Vorfälle in dem Hause ohne alle Personen , die darin verwickelt waren , zu nennen , und den wahrscheinlichen Grund , wie das arglistige Weib das junge Mädchen in ihr Garn gelockt . » Sie sehen , Madame , « schloß er , » die schreckliche Lage , in welche eine Verkettung von Umständen die Tochter ehrbarer Eltern gebracht hat . Wenn es mir auch dort mit meinem Degen gelang , sie vor der Brutalität zu schützen , so ist der Stahl doch eine ganz unzulängliche Waffe gegen böse Vermuthungen und die aufgeregte Populace hier . Ich rufe vertrauensvoll Ihre Hülfe an . Meine Bitte , sie in Ihrem Wagen aufzunehmen und den Eltern zu überliefern , ist nur der geringste Theil meines Anliegens . Die Ehrenrettung des jungen Mädchens erfordert einen offenen Akt der Anerkennung . Wenn Sie sich entschließen könnten , sie hier öffentlich zu embrassiren , so ist ihre Ehre wenigstens vor diesem Straßenpublikum retablirt . Denn wer kann zweifeln , wenn eine Dame vom Ruf der Frau Geheimräthin Lupinus sie dieser Auszeichnung werth hält . « Die Geheimräthin war durch die Vorstellung nicht unangenehm berührt . Sie fragte leise übergebeugt : » Wer ist ist eigentlich die junge Person , ich hörte den Namen nicht deutlich . « - Der Name des Kriegsraths mochte der Geheimräthin eine sehr gleichgültige Bekanntschaft sein . Aber sie stieß plötzlich den Schlag auf und breitete ihre Arme dem jungen Mädchen entgegen , welches der Legationsrath rasch hineinhob . » Meine wertheste Demoiselle , mein liebes Kind , wie konnte ich auch nicht gleich die Tochter meines Freundes , des wackeren Kriegsraths erkennen ! Das ist ja abscheulich , daß Ihre Gouvernante so wenig Ortskenntniß hat und sich in das Haus