ihrer zog die himmlische Kunst unter mein Dach ; das stimmte mich sehr heiter , ja sogar fröhlich . Doch diese seltene Stimmung entschwand als Sedlaczech fragte : » Graf Astrau ist doch nicht krank ? « » Er ist wol - so viel ich weiß ! entgegnete ich .... und weshalb sollte er denn krank sein ? « » Weil er am heutigen Tage unsichtbar ist . « » Er lebt schon seit Jahren in Paris « - erwiderte ich ruhig , aber ich fühlte daß ich erbleichte . Verlegen darüber etwas Unpassendes gesagt zu haben , fiel der arme Sedlaczech um dies Gespräch abzubrechen auf etwas ebenso Unpassendes . » Heute vor dreizehn Jahren war Ihr Vermälungstag « - brachte er fast stotternd hervor . Wol hatte ich daran gedacht , und meine ganze Kindheit und Jugend , und mein ganzes Schicksal voll seltsamer Einsamkeit waren auf diesem Gedanken an mir vorüber gerauscht und hatten mich während des Tages trübe gestimmt . Jezt vergaß ich es einen Augenblick in der Freude Sedlaczech wiederzusehen und er , er selbst mußte mich daran erinnern . » Schon dreizehn Jahr den bewußten Traum des Lebens zu träumen .... ist fast zu viel , erwiderte ich kalt . Ueberdies ist dreizehn eine schlimme Zahl . Mir graut vor diesem Jahr . « Man beruhigte mich damit daß das vierzehnte beginne und die böse Dreizehn überwunden sei ; und bald darauf trennten wir uns . Du bist ein Novemberkind , vergiß das nicht ! - sprach ich zu mir selbst , als ich mein Cabinet wieder betrat , das ich vor einer Stunde so fröhlich verlassen hatte . Der Monat ist ein Symbol Deines Lebens : die Sonne sendet wol zuweilen einen Stral herab , allein er geht unter in Wolken und Nebeln und sie selbst steigt nicht hoch genug um das wüste Grau zu überwinden . Abwärts , abwärts sinkt sie in den ersterbenden December hinein .... da erlischt sie im Eise . Am andern Morgen reiste Herr Becker ab , nach Paris . Ich fühlte mich verpflichtet ihm nach der tödtlichen Langenweile der drei Engelauer Jahre die Erholung dieser Reise zu verschaffen . Er wollte freilich von der Langenweile nichts wissen , und es ist auch ganz richtig : wenn man sich verliebt langweilt man sich nicht . Um desto größer war aber seine Freude , und sie contrastirte lebhaft mit den Thränen welche Fräulein Mathilde wegen der Trennung vergoß . Indessen auch diese versiegten . Sie war ein gutes Geschöpf ; doch glaube ich daß sie binnen Jahresfrist im Stande gewesen wäre Mezzoni ebenso gern zu heirathen als Becker . Aber Mezzoni verabscheute sie , eben um diese ihre negative Natur , die ihn auch über ihr Clavierspiel zu der Bemerkung veranlaßte : Ihm sei dabei zu Muth wie zwischen den Perlfabriken seiner Heimat - ( er war ein Venetianer ) - so glatt , kalt und sauber gehe da Alles von statten . Zwei Jahr später bewerkstelligte sich endlich Mathildens Verheirathung und Beckers Anstellung , und ich denke sie leben in friedlicher Ehe . - Der alte Müller ließ sich in Eutin nieder und widmete sich mit erneutem und gänzlich ungestörten Eifer der Forschung nach jener bewußten Formel . Ich trug sorgsam all meine mathematischen Bücher in die Bibliothek und begrub sie dort zwischen ihres Gleichen . Die Stöße Papiere aber die mich mit meinen Arbeiten angähnten , begrub ich noch viel sorgsamer in den Flammen meines Kamins . Wie sie dort als ein Häufchen zerstiebender Asche lagen , sagt ' ich ganz laut zu mir selbst : Da sind drei Jahre meines Lebens in Rauch aufgegangen .... und um zu diesem Resultat zu kommen hab ' ich die Existenz eines Gymnasiasten - jugendlichen Uebermuth abgerechnet - durchgemacht . Welch ein Unsinn ! - - - Als ich mit Sedlaczech allein war , erzählte ich ihm ausführlich und aufrichtig wie ich mit Otbert gelebt , und warum wir uns getrennt . Er kam mir noch immer - und in Engelau mehr denn je ! - als eine Autorität vor und es gewährte mir Erquickung mich an eine solche zu wenden , da grade sie mir seit meinem zehnten Jahr gefehlt hatte . Die kränkliche Mutter , der zärtliche Paul , der gleichgültige Otbert , ließen mich gewähren - aus sehr verschiedenen Gründen , welche aber für mich die nämliche Wirkung hatten . Mein Schwiegervater würde vielleicht versucht haben mich zu dominiren , wenn wir mehr zusammen gelebt hätten ; allein grade ihm würde es schwerlich gelungen sein , weil ich nur kühle Achtung , keine warme Verehrung für ihn empfand . Und mein Onkel der Bischof , für den ich letztere im hohen Grade hegte , mied mit zarter Vorsicht jede persönliche Autorität um nicht unwillkürlich die geistliche hinein zu mischen . So hatte ich Niemand als mich selbst und meine eigene Zustimmung und Abmahnung , woraus ich mir das Tribunal meiner Handlungen zusammensetzen konnte ; - und wie bestechlich .... im besten Fall wie einseitig , ist ein solches . » Wie glauben Sie denn daß Ihre Zukunft sich gestalten werde ? « fragte Sedlaczech . » Da giebt es zwei Wege , entgegnete ich . Entweder ich verfalle in die schaale Routine des Lebens , welche die Eigenschaft besitzt die Leute - wie man es nennt zu conserviren ; nämlich so wie Leichen sich in manchen Gewölben mit dem Anschein von Leben erhalten ; und dann kann ich es zu grauen Jahren bringen .... vor denen der Himmel Alle behüten möge die er liebt ! Oder solche Existenz ohne Reiz , ohne Nerv , ohne erhebende Gedanken , ohne beseelende Idee , ohne Leidenschaft - führt eine Atonie sämtlicher Kräfte herbei .... welche bald gänzliche Auflösung zur Folge hat . Acht bis zehn Jahre geb ' ich mir noch . Dann ist meine Tochter erzogen , dann bin ich fertig , dann werd ' ich vielleicht erfahren zu welchem Zweck ich gelebt habe ; - denn bis