das hatte er , der mich nur mit den Augen der Sinne ansah , nicht glauben wollen . Er kannte von der Liebe nichts , als was die Sinnlichkeit ihm zuflüsterte , die mich empört , wenn ihr nicht die Seele ihren himmelblauen Mantel umgeschlagen - und so lebten wir , mit einander schauerlich verbunden , in einander schauerlich getrennt . O , ich habe viel gelitten ! ich fühlte wohl das Drückende , das Pflichtlose unsers Verhältnisses . Wenn Obernau nicht da war , stellte ich mir seine guten Eigenschaften vor , und schob alle seine Fehler auf Rechnung der vernachlässigten Erziehung . Dann hing ich meine früheren Plane zu seiner Bildung und Erhebung daran , und nichts schien mir leichter , als mit einiger Kraft und einigem guten Willen ihn in eine andere Sphäre zu versetzen . Aber dann kam er , und sein erstes Wort : » Komm her , Ini , küsse mich « - war ganz hinreichend , um mir die grausige Ueberzeugung wieder aufzudrängen , welche nur momentan unterdrückt war , daß kein Mittel in meiner Macht stehe , um günstig auf ihn einzuwirken , weil ich ihn ja leider ! leider ! nicht liebte . Bisweilen kam er in tiefer Nacht heim , der Himmel mag wissen , aus was für Gesellschaft ! Hatte der Wein seinen Kopf montirt , so überstieg seine Brutalität alle Vorstellung . Doch mitunter hatte er gespielt , und wie sich von selbst versteht , bedeutende Summen verloren - dann war er verdrießlich , müde und niedergeschlagen , dann verwünschte er seine Freunde , das wüste Leben mit ihnen , seine eigene Schwäche ; - und dann war ich ihm wieder gut , so wie früher als Braut , und drang in ihn , den Abschied zu nehmen , mit mir zu reisen . Er ging ganz auf diesen Vorschlag ein : das dienstliche Verhältniß drückte ihn ; die Kameradschaft langweilte ihn ; er wollte mit mir reisen , sich aufhalten , wo es mir gefiele ; ich sollte in Paris , in Rom malen , so viel ich Lust hätte - ich schlief ein mit der festen Zuversicht auf eine , wenigstens äußerliche Aenderung meines Schicksals , wo ich im Genuß der Reiseabwechselung und der Kunstausübung Zerstreuung und Freude finden würde . Aber ach ! wenn Obernau nicht mehr müde und abgespannt war , so kamen ihm meine Vorschläge » romantisch « vor - ein Lieblingswort , daß er fast gegen jede meiner Aeußerungen anwendete - ihm gefiel nichts besser , als in Bamberg zwischen seinen Kameraden und guten Freunden fortzuleben , und ich mußte manchen plumpen Spott über meine Liebe zur Natur und Kunst anhören . Aeußerlich ertrug ich das mit kalter Verachtung ; aber es grämte mich , daß Obernau nicht die geringste Theilnahme für mich empfand , und es erbitterte mich , das er dennoch es wagen konnte , von seiner Liebe zu mir zu sprechen und Erwiderung zu fordern , als sei sie sein Recht . Und ließen gar meine Schwägerinnen sich einfallen , denselben Ton anzustimmen , so wies ich sie herbe zurück , und sie rächten sich dafür , indem sie gegen ihren Bruder über meine Schroffheit wimmerten , und ihn endlos beklagten , an eine seelenlose Puppe sein schönes Herz zu verschwenden . » Wie lange ich diese Existenz ertragen , welchen Act der Verzweiflung ich am Ende begangen haben würde - das weiß ich nicht mehr ! wogende Nebelmassen liegen auf jenem Ehestandsjahr , und gern wende ich meinen Blick von ihnen ab , der lichten Erscheinung zu , welche meinem Schicksal eine versöhnende Wendung gab . Ich lernte Andlau kennen , und ich liebte ihn . Gott ! ich Arme , ich Bedürftige , ich Hartverletzte - mit welcher unaussprechlichen Wonne , mit welcher lautlosen Ueberraschung sah ich aus dem alltäglichen , langweiligen Schwarm eine Gestalt auftauchen , bei der es mir wohl ward , bei der ich mich in meinem innersten Wesen geschützt und frei fühlte ! Ein armes , kleines Fischlein , das im Eismeer geschwommen und gefroren , und sich an Eisschollen blutig gestoßen hat , und nun plötzlich in die lauen , sonnigen Wellen der Südsee versetzt wird , muß diese friedliche Seligkeit genießen . Es fiel mir gar nicht ein , daß meine Pflicht gegen Obernau im Geringsten verletzt werden könne durch dies Gefühl , für das ich keinen Namen wußte und wissen mochte . Ich nannte es nicht Liebe , denn bei dem Wort fiel mir meines Mannes Liebe ein , und ich mochte mein Gefühl nicht einmal durch den Gleichklang des Namens entadeln lassen . Aber ich liebte ihn ! meine Seele blühte auf vor seinem Lächeln , meine Träume wurden wach vor seinem Blick , die Welt schlug für mich das Auge auf , wenn ich in das seine schaute - in dies ernste , denkende Auge , das forschend , prüfend , wägend auf den Gegenständen ruhte , und ihnen Werth und Bedeutung zu geben schien , je nachdem es nach der Prüfung mehr oder minder befriedigt war ; und das bei mir allein die Forschung vergaß , um in heller Freude zu glänzen . Und wohl mir , daß er es vergaß ! unentwickelt , kindisch , dumpf und befangen , wie ich damals war , hätte ich nimmermehr vor der Analyse des Verstandes bestehen können ; aber er liebte mich und vergaß daher mich zu analysiren . Ich war ihm wie ein Meteor zwischen dem regelrechten Planetensystem der Gesellschaft . Unter andern Verhältnissen würd ' ich mich vielleicht in derselben acclimatisirt haben ; jetzt , aus Scheu ihr zu gleichen , blieb ich in meiner primitiven Natur , aufrichtig , stolz , sauvage , unabhängig , leidenschaftlich - eine Charactermischung , die man wol als eine Reaction des allgemeinen Gesellschafts-Characters betrachten darf , die aber nicht eben bestimmt sein mag , um einer Frau eine glückliche Zukunft in der Welt zu sichern . Ein gewöhnlicher Mann würde