die Patrone alles Ausgezeichneten und Talentvollen zu sein , halten bei uns noch viele Große das Talent für ihren natürlichen Feind , oder doch für lästig und unbequem , gewiß aber für entbehrlich . Es gibt ganze Landstriche im deutschen Vaterlande , in welchen dem Adel , ein Buch zu lesen , noch immer für standeswidrig gilt , und er statt dessen lärmende , nichtige Tage abhetzt , wie in den Zeiten jener Bürgerschen Parforcejagd-Ballade . Das Aufallendste hiebei ist , daß selbst nach der ungeheuren Lehre , welche die Weltkriege den Privilegierten erteilt hatten , diese noch nicht eingesehen haben , es sei mit dem leeren Scheine nunmehr für immer vorbei , und der erste Stand müsse notwendig sich in sich selber gründlich fassen und restaurieren . Es war seine erste Obliegenheit , dies zu begreifen , es war die Lebensfrage für ihn , ob er sich mit dem Heiligtume deutscher Gesinnung und Gesittung nunmehr inniglich verbünden , allem wahrhaftquellenden geistigen Leben der Gegenwart Schirm und Schutz geben möchte , damit das Zauberbad dieses Lebens seine altersstarren Glieder verjünge . Er hat seine Stellung und diese Frage nicht verstanden , hat in allerhand kleinen Hausmittelchen seine Erkräftigung gesucht , und ist darüber obsolet geworden . Nie und zu keiner Zeit hat ein Stand anders als durch Ideen existiert . Auch den ersten haben Ideen geschaffen und erhalten , anfänglich die der Kampfestapferkeit und Lehnstreue , demnächst die der besondern Ehre . Gegenwärtig ist durch die Errettung des Vaterlandes , welche von allen Ständen ausging , die höchste Ehre ein Gemeingut geworden ; weshalb denn die oberen Stände das Protektorat des Geistes hätten übernehmen müssen , wenn sie wieder etwas Besonderes sein und vorstellen wollten . « » Ich habe « , sagte der Jäger kleinlaut , » in einer hohen und vornehmen Familie , die ich vor kurzem auf meinen Streifereien kennenlernte , die zwanzigjährigen Töchter auf gut schwäbisch mit der Iphigenie bekannt machen müssen , welche sie noch nie gelesen hatten , weil die Eltern Goethe für einen jugendverführerischen Schriftsteller hielten . « » Und wer weiß , ob das Haupt dieser Familie , welche ich übrigens nicht kenne , nicht eine von den Figuren ist oder sein wird , welcher man Bahnen der Kultur anvertraut ? « sagte der Diakonus . » Der unbefangene Beobachter hat in dieser Hinsicht zuweilen die erschreckendsten Kontraste anzuschauen . Nun müssen Sie einräumen , daß ein französischer Marquis oder Duc , von dem eine gleiche Barbarei gegen einen Klassiker seiner Nation verlautete , in der Pariser Sozietät für Lebenszeit verloren wäre . « » Das Beispiel von Frankreich fordert hier von selbst zur Frage auf « , sagte der Jäger . » Wie kommt es nur , daß sich dort ganz natürlich gemacht hat , was bei uns nie zustande kommen will , nämlich : ein beständiger Kontakt der Großen mit den Geistern und mit dem Geiste der Nation , eine zarte Achtung vor dem geistigen Ruhme der Nation , und eine unbedingte Anerkennung der Literatur , als der eigentlichen Habe der Nation ? « » Die französische Nation , ihr Geist und ihre Literatur haben und sind Esprit « , versetzte der Diakonus . » Der Esprit ist ein Fluidum , welches die Natur unter den zu seiner Erzeugung günstigen Voraussetzungen an ganze Länder und Völker austeilen kann . Es ist also dort in Frankreich eine natürliche Brücke von dem Volksgeiste und von der Literatur zu dem Geiste der vornehmen Klassen geschlagen , letztere ergreifen in ihrem Interesse ohne Anstrengung nur das ihnen Gleichartige . Wir haben keinen Esprit . Unsere Literatur ist ein Produkt der Spekulation , der freiwaltenden Phantasie , der Vernunft , des mystischen Punkts im Menschen . Die Gaben dieser von Grund aus gehenden Arbeit des Geistes sich anzueignen sind eben nur wieder Geister , welche die Arbeit stählte , vermögend . Mit Leichtfertigkeit ist deutscher Art nicht beizukommen . Die Vornehmen arbeiten aber nicht gern , sie ziehen es bekanntlich vor , zu ernten , wo sie nicht gesäet haben . Deshalb ist es wieder natürlich - wenn auch das Verwerfungsurteil über die Barbarei des ersten Standes bei Kräften stehenbleibt - daß er locker mit deutschem Geiste zusammenhängt ; zu einem näheren Bündnisse hätte er sich über Gebühr anstrengen müssen . « » Zu leugnen ist doch auch nicht , daß gerade durch die Absonderung des deutschen Geistes von dem Atem der hohen Sozietät ihm manche Tugenden erhalten worden sind « , sagte der Jäger ; » seine Frische , seine eigensinnige herbe Jungfräulichkeit , sein rücksichtsloses Um- und Vorgreifen . Denn jede Erfindung der schaffenden Seele , welche vor Augen haben muß , mit gewissen Forderungen der Gesellschaft zusammenzutreffen , wird notwendigerweise mechanisiert . Unsere Wissenschaft , unsere Philosophie , unsere Literatur sind Töchter Gottes und der Natur ; mit welchen andern möchten sie einen Tausch solches Stammbaums eingehen ? « Hier wurden diese Gespräche von einem heftigen Schreien , ja Brüllen unterbrochen , welches sich an der Zinskarre erhob . Hinzueilend sahen sie den Küster in entsetzter Stellung , die Arme wie Wegweiser ausgebreitet , das Gesicht braun und weiß gesprenkelt , den Mund wie Laokoon aufgesperrt . Um ihn her standen die Frauenspersonen und der Kolonus , der seine Karre zum Stehen gebracht hatte . Die Küsterin klopfte dem Küster den Rücken , die Magd hatte ihm den Rock halb aufgeknöpft , aus welchem das Federkissen gefährlich hervorhing . Der Diakonus forschte nach der Ursache des Auftritts und erfuhr von seiner Magd ( denn der Küster war noch immer sprachlos ) , daß der Küster von der Karre abgestiegen sei , um , wie er gesagt , der lieben Verdauung wegen etwas zu gehen , da sei ein großer schwarzer Hund dicht an ihm vorbei quer über den Weg hinübergeschossen , der Küster habe aber sofort jenes Geschrei oder Gebrüll erhoben , so daß beinahe die Pferde scheu geworden seien . In diesem Augenblicke gab die Küsterin ihrem Manne , bei dem