riß mich die Erwartung schon mit dem ersten Morgenstrahl aus dem Schlaf im Hemdchen ans Fenster ; wie frisch waren die Blumen ! Wie atmeten sie in meiner Hand ! - Einmal brachte sie mir dunkle Nelken in einen Topf eingepflanzt ; welcher Reichtum ! - Wie war ich überrascht von der Großmut ! - Diese Blumen in der Erde - sie schienen mir ewig ans Leben gebunden , es waren mehr , als ich zählen konnte ; immer fing ich von vorne an ; ich wollte kein Knöspchen überspringen ; wie dufteten sie ! Wie war ich demütig vor dem Geist , den sie ausströmten ! - Ich wußte ja noch wenig von Wald und Flur , und die erste Wiese im Abendschein eine unendliche Fläche fürs Kinderauge , mit goldnen Sternen übersäet ; - ach , wie hat Natur aus Liebe es dem Geist Gottes nachahmen wollen . - Und wie liebt er sie ! - Wie neigte er sich herab zu ihr für diese Zärtlichkeit ihm entgegenzublühen ! - Wie hab ich gewühlt im Gras und hab gesehen , wie eins neben dem andern sich hervordrängt . Manches hätte ich vielleicht übersehen bei der Fülle , aber sein schöner Name hat mich mit ihm vertraut gemacht , und wer sie genannt hat , der muß sie geliebt und verstanden haben . Das kleine Schäfertäschchen zum Beispiel - ich hätte es nicht bemerkt , aber wie ich seinen Namen hörte , da fand ich ' s unter vielen heraus , ich mußte ein solches Täschchen öffnen , und fand es gefüllt mit Samenperlen . Ach , alle Form enthält Geist und Leben , um sich auf die Ewigkeit zu vererben . Tanzen die Blumen nicht ? - Singen sie nicht ? - Schreiben sie nicht Geist in die Luft ? - Malen sie nicht sich selbst ihr Innerstes in ihrem Bild ? - Alle Blumen hab ich geliebt , eine jede in ihrer Art , wie ich sie nacheinander kennen lernte , und keiner bin ich untreu geworden , und wie ich ihre Muskelkraft entdeckte : das Löwenmäulchen , wie es mir zum erstenmal die Zunge aus seinem samtnen Rachen entgegenstreckte , als ich es zu kräftig anfaßte . - Ich will sie nicht alle nennen , mit denen ich so innig vertraut wurde , wie sie mir jetzt im Gedächtnis erwachen ; nur eines einzigen gedenk ich , eines Myrtenbaums , den eine junge Nonne dort pflegte . Sie hatte ihn Winter und Sommer in ihrer Zelle ; sie richtete sich in allem nach ihm ; sie gab ihm nachts wie tags die Luft , und nur so viel Wärme erhielt sie im Winter , als ihm nottat . Wie fühlte sie sich belohnt , da er mit Knospen bedeckt war ! Sie zeigte mir sie , schon wie sie kaum angesetzt hatten ; ich half ihn pflegen ; alle Morgen füllte ich den Krug mit Wasser am Madlenenbrünnchen ; die Knospen wuchsen und röteten sich , endlich brachen sie auf ; am vierten Tag stand er in voller Blüte ; eine weiße Zelle jede Blüte , mit tausend Strahlenpfeilen in ihrer Mitte , deren jeder auf seiner Spitze eine Perle darreicht . Er stand im offenen Fenster , die Bienen begrüßten ihn . - Jetzt erst weiß ich , daß dieser Baum der Liebe geweiht ist ; damals wußt ich ' s nicht ; und jetzt verstehe ich ihn . - Sag : kann die Liebe süßer gepflegt werden , als dieser Baum ? - Und kann eine zärtliche Pflege süßer belohnt werden , als durch eine so volle Blüte ? - Ach , die liebe Nonne mit halb verblühten Rosen auf den Wangen , in Weiß verhüllt , und der schwarze Florschleier , der ihren raschen zierlichen Gang umschwebte ; wie aus dem weiten Ärmel des schwarzen wollenen Gewands die schöne Hand hervorreichte , um die Blumen zu begießen ! Einmal steckte sie ein kleines schwarzes Böhnchen in die Erde , sie schenkte mir ' s und sagte , ich solle es pflegen ; ich werde ein schönes Wunder daran erleben . Bald keimte es und zeigte Blätter wie der Klee ; es zog sich an einem Stöckchen in die Höh wie die Wicke mit kleinen geringelten Haken ; dann bracht es sparsame gelbe Blüten hervor , aus denen wuchs so groß wie eine Haselnuß ein grünes Eichen , das sich in Reifen bräunte . Die Nonne brach es ab und zog es am Stiel auseinander , in eine Kette von zierlich geordneten Stacheln , zwischen denen der Same von kleinen Bohnen gereift war . Sie flocht daraus eine Krone , setzte sie ihrem elfenbeinernen Christus am Kruzifix zu Füßen und sagte mir , man nennt diese Pflanze Corona Christi . Wir glauben an Gott und an Christus , daß er Gott war , der sich ans Kreuz schlagen ließ ; wir singen ihm Litaneien und schwenken ihm den Weihrauch ; wir versprechen heilig zu werden und beten , und empfinden ' s nicht . Wenn wir aber sehen , wie die Natur spielt und in diesem Spiel eine Sprache der Weisheit kindlich ausdrückt ; wenn sie auf Blumenblätter Seufzer malt , ein O und Ach , wenn die kleinen Käfer das Kreuz auf ihren Flügeldecken gemalt haben und diese kleine Pflanze eben , so unscheinbar , eine mit Sorgfalt gehegte künstliche Dornenkrone trägt ; wenn wir Raupen und Schmetterlinge mit dem Geheimnis der Dreifaltigkeit bezeichnet sehen , dann schaudert uns , und wir fühlen , die Gottheit selber nimmt ewigen Anteil an diesen Geheimnissen ; dann glaub ich immer , daß Religion alles erzeugt hat , ja daß sie selber der sinnliche Trieb zum Leben in jedem Gewächs und jedem Tier ist . - Die Schönheit erkennen in allem Geschaffenen , und sich ihrer freuen , das ist Weisheit und fromm ; wir beide waren fromm , ich und die Nonne ; es werden wohl zehn Jahr sein , daß ich im Kloster war