wünschenswert macht , hatte in diesem ländlichen Zustande so viele abwechselnde und bildende Unterhaltungen einzuleiten gewußt , daß Hilarie bei ihrer großen Jugend schon überall zu Hause schien , bei keinem Gespräch sich fremd erwies und doch dabei ihren Jahren völlig gemäß sich erzeigte . Wie dies geleistet werden konnte , zu entwickeln , würde zu weitläufig sein ; genug , dieser Abend war auch ein Musterbild des bisherigen Lebens . Ein geistreiches Lesen , ein anmutiges Pianospiel , ein lieblicher Gesang zog sich durch die Stunden durch , zwar wie sonst gefällig und regelmäßig , aber doch mit mehr Bedeutung ; man hatte einen Dritten im Sinne , einen geliebten , verehrten Mann , dem man dieses und so manches andere zum freundlichsten Empfang vorübte . Es war ein bräutliches Gefühl , das nicht nur Hilarien mit den süßesten Empfindungen belebte ; die Mutter mit feinem Sinne nahm ihren reinen Teil daran , und selbst Ananette , sonst nur klug und tätig , mußte sich gewissen entfernten Hoffnungen hingeben , die ihr einen abwesenden Freund als zurückkehrend , als gegenwärtig vorspiegelten . Auf diese Weise hatten sich die Empfindungen aller drei in ihrer Art liebenswürdigen Frauen mit der sie umgebenden Klarheit , mit einer wohltätigen Wärme , mit dem behaglichsten Zustande ins gleiche gestellt . Fünftes Kapitel Heftiges Pochen und Rufen an dem äußersten Tor , Wortwechsel drohender und fordernder Stimmen , Licht- und Fackelschein im Hofe unterbrachen den zarten Gesang . Aber gedämpft war der Lärm , ehe man dessen Ursache erfahren hatte ; doch ruhig ward es nicht , auf der Treppe Geräusch und lebhaftes Hin-und Hersprechen heraufkommender Männer . Die Türe sprang auf ohne Meldung , die Frauen entsetzten sich . Flavio stürzte herein in schauderhafter Gestalt , verworrenen Hauptes , auf dem die Haare teils borstig starrten , teils vom Regen durchnäßt niederhingen ; zerfetzten Kleides , wie eines , der durch Dorn und Dickicht durchgestürmt , greulich beschmutzt , als durch Schlamm und Sumpf herangewadet . » Mein Vater ! « rief er aus , » wo ist mein Vater ? « Die Frauen standen bestürzt ; der alte Jäger , sein frühster Diener und liebevollster Pfleger , mit ihm eintretend , rief ihm zu : » Der Vater ist nicht hier , besänftigen Sie sich ; hier ist Tante , hier ist Nichte , sehen Sie hin ! « - » Nicht hier , nun so laßt mich weg , ihn zu suchen ; er allein soll ' s hören , dann will ich sterben . Laßt mich von den Lichtern weg , von dem Tag , er blendet mich , er vernichtet mich . « Der Hausarzt trat ein , ergriff seine Hand , vorsichtig den Puls fühlend , mehrere Bediente standen ängstlich umher . - » Was soll ich auf diesen Teppichen , ich verderbe sie , ich zerstöre sie ; mein Unglück träuft auf sie herunter , mein verworfenes Geschick besudelt sie . « - Er drängte sich gegen die Türe , man benutzte das Bestreben , um ihn wegzuführen und in das entfernte Gastzimmer zu bringen , das der Vater zu bewohnen pflegte . Mutter und Tochter standen erstarrt , sie hatten Orest gesehen , von Furien verfolgt , nicht durch Kunst veredelt , in greulicher , widerwärtiger Wirklichkeit , die im Kontrast mit einer behaglichen Glanzwohnung im klarsten Kerzenschimmer nur desto fürchterlicher schien . Erstarrt sahen die Frauen sich an , und jede glaubte in den Augen der andern das Schreckbild zu sehen , das sich so tief in die ihrigen eingeprägt hatte . Mit halber Besonnenheit sendete darauf die Baronin Bedienten auf Bedienten , sich zu erkundigen . Sie erfuhren zu einiger Beruhigung , daß man ihn auskleide , trockne , besorge ; halb gegenwärtig , halb unbewußt lasse er alles geschehen . Wiederholtes Anfragen wurde zur Geduld verwiesen . Endlich vernahmen die beängstigten Frauen , man habe ihm zur Ader gelassen und sonst alles Besänftigende möglichst angewendet ; er sei zur Ruhe gebracht , man hoffe Schlaf . Mitternacht kam heran , die Baronin verlangte , wenn er schlafe , ihn zu sehen ; der Arzt widerstand , der Arzt gab nach ; Hilarie drängte sich mit der Mutter herein . Das Zimmer war dunkel , nur eine Kerze dämmerte hinter dem grünen Schirm , man sah wenig , man hörte nichts ; die Mutter näherte sich dem Bette , Hilarie , sehnsuchtsvoll , ergriff das Licht und beleuchtete den Schlafenden . So lag er abgewendet , aber ein höchst zierliches Ohr , eine volle Wange , jetzt bläßlich , schienen unter den schon wieder sich krausenden Locken auf das anmutigste hervor , eine ruhende Hand und ihre länglichen , zartkräftigen Finger zogen den unsteten Blick an . Hilarie , leise atmend , glaubte selbst einen leisen Atem zu vernehmen , sie näherte die Kerze , wie Psyche in Gefahr , die heilsamste Ruhe zu stören . Der Arzt nahm die Kerze weg und leuchtete den Frauen nach ihren Zimmern . Wie diese guten , alles Anteils würdigen Personen ihre nächtlichen Stunden zugebracht , ist uns ein Geheimnis geblieben ; den andern Morgen aber von früh an zeigten sich beide höchst ungeduldig . Des Anfragens war kein Ende , der Wunsch , den Leidenden zu sehen , bescheiden , doch dringend ; nur gegen Mittag erlaubte der Arzt einen kurzen Besuch . Die Baronin trat hinzu , Flavio reichte die Hand hin - » Verzeihung , liebste Tante , einige Geduld , vielleicht nicht lange « - Hilarie trat hervor , auch ihr gab er die Rechte - » Gegrüßt , liebe Schwester « - das fuhr ihr durchs Herz , er ließ nicht los , sie sahen einander an , das herrlichste Paar , kontrastierend im schönsten Sinne . Des Jünglings schwarze , funkelnde Augen stimmten zu den düstern , verwirrten Locken ; dagegen stand sie scheinbar himmlisch in Ruhe , doch zu dem erschütternden Begebnis gesellte sich nun die ahnungsvolle Gegenwart . Die Benennung