« Nr. 30. Misspickel aus Sachsen Gespräch über den Adel Der Notar verlor jeden Tag seinen Bruder einmal . Er konnte dessen Verschwinden nicht fassen ; die Sonnenfinsternis des Schmollgeistes war ihm eine unsichtbare . Bald hielt er ihn für ersoffen - bald für verreiset - bald für entlaufen - bald für beglückt durch ein seltenes Abenteuer . Er suchte den zweimal besiegelten Brief mit der Unsichtbarkeit zu kombinieren und rechnete einige Hoffnung heraus . Immer macht ' er die Betrachtung , wie wenig auch die besten Gewinn-und Verlust-Rechnungen von der Zukunft in der dunkeln Rechenkammer , die uns verhangen ist , bestätigt werden ! Welche freudige glänzende Bilder hatt ' er sich nicht schon weit in seine Zukunft hineingestellt , welche Bilder davon , wie er mit seinem Bruder in täglicher Auswechselung wachsender Empfindungen und Ideen und Bekanntschaften leben und mit wenigen Freimäuerer-Zeichen der Verwandtschaft den Grafen in den feurigen Bund hineinziehen werde , indes aus allen nichts wurde als die gedachte Betrachtung ! - Aber schon bei dem peloponnesischen Kriege - und überhaupt in der Geschichte der Völker sowohl als seines Lebens - hatt ' er zuerst bemerkt , daß in der Geschichte - was sie einem alles motivierenden Dichter der Einheit ordentlich zum Ekel macht so unendlich wenig Systematisches in Leid oder Freude vorfalle , und daß man eben darum bei der falschen Voraussetzung einer trüben oder lichten Konsequenz seine oder fremde Zukunft so schlecht errate ; denn überall werden im historischen Bildersaal der Welt aus den größten Wolken kleine , aus den kleinsten große - um die größten Sterne des Lebens ziehen sich dunkle Höfe - und nur der verhüllte Gott kann aus dem Spiel des Lebens und der Geschichte einen Ernst erschaffen . Die Botenfrau aus Elterlein brachte Walten folgendes Briefchen vom Bruder : » Morgen abends komm ' ich , geh mir entgegen . Eben schneidet Deine Mutter einer Bettlerin Brot vor ; denn ich bin in Elterlein im Wirtshaus . Ich habe seitdem in einigen bedeutenden Marktflecken geblasen für Geld ; es wachsen freilich mehr Gräser als Blumen , doch heben jene diese , ich rede von Menschen . Es wird Dir anvertraut , daß ich vor meiner Abreise aus Haßlau so verstimmt war wie eine Wind-Harfe oder wie die Glocke einer Brockenkuh . Ich weiß nicht wovon ; ich wollt ' aber , ein bedeutender Freund , oder gar Du hättest meine Saiten so durcheinander geschraubt , kurz einer von Euch beiden hätte mich ein wenig beleidigt und meinen Schmollgeist zitiert . Ich würde mich - das hätte mich wieder ausgestimmt ohne Verlust von 32 Saiten oder Zähnen - mit ihm tüchtig überworfen haben ; ich hätte häßlich gedonnert , gehagelt , gewettert ; das macht , wie gesagt , gutes Blut . Denn nichts ist schädlicher , Notarius , sowohl in Ehen als Freundschaften seiner Seelen , als ein langer unaufgelöseter Verhalt auf einem Mißton bei einem wechselseitigen fortwährenden Zusammenstimmen in allen zärtesten Pflichten , so daß die Narren sich abstoßen , ohne sonst zu verstoßen ; da doch solche Seelen in jeder bedeutenden Spaltung auf nichts so eifrig denken sollten , als sie bis zum rechten Zanke zu treiben , worauf sich Versöhnen von selber einstellte . Der Braunstein liefert bei mäßiger Erhitzung Stickgas ; aber zwing ihn zum Glühen , so haucht er ja Lebensluft . Aus der Knallbüchse fliegt der Pfropf nicht anders heraus als durch einen zweiten . Zum Glück können wir beide jeden Hader entraten , sogar den stärksten . Doch zurückzukommen - ich bekam bald Luft , sobald ich nur im Freien war und ritt und blies und schrieb . Erträgliche Sachen und Schwanzsterne setzt ' ich für unsern Hoppelpoppel oder das Herz teils auf dem Sattel auf , teils sonst . Wahrlich ich wurde Dir ganz gut ; deswegen , glaub ' ich , konnt ' ichs ordentlich nicht lassen , sondern mußte nach Elterlein . Ich dachte : Dein Freund ist doch da so gewiß ans Licht gekommen , und seiner desgleichen , und was man so sagt , wenn man denkt . Ein lang verschobenes Werk konnt ' ich da verrichten . Da ich , wie ich Dir öfters gesagt , dem entlaufenen jungen Harnisch Vult mit seiner Flöte mehrmals aufgestoßen : so konnt ' ich dem alten Schulzen schöne Nachrichten und Briefe vom Wildfang geben . Ich ließ den Vater ins Wirtshaus kommen . Der und der Edelmann sei ich ( sagt ' ich dem staunenden Manne ) , und sein Sohn sei mein Intimer - er befinde sich wohl auf den Postwagen , wo man ihn außer den Konzertsälen zu suchen habe - es geh ' ihm so gut wie mir selber - er würd ' ihn nicht kennen , ständ ' er vor ihm da , so schön verändert sei er , schon mit der volljährigen Stimme , deren Diskantschlüssel der Bart dadurch abgedreht worden , daß er selber einen Bart bekommen - und er lass ' ihn grüßen . - Er versetzte , es freue ihn über die Maßen , daß ein solcher braver Herr wie ich gut auf seinen Halunken von Sohn zu sprechen sei , und es widerfahre ihm und dem Flegel eine wahre Ehre . Ich warf noch einiges ein zur Entschuldigung des guten abwesenden Menschen und reicht ' ihm zum Behalten den bewußten Brief desselben aus Bayreuth an mich , worin er , einige musikalische Klagen über die dasigen Ohren ausgenommen , fast bloß von seiner geliebten Mutter spricht . Auch dessen Herrn Bruder , jetzigen Notar , kenn ' ich sehr wohl fügt ' ich bei und schlug vor seiner Nase einen schwachen Riß von Deinen Höhen und Tiefen auf : Mehr nicht als 32 Beete hat der admirable Mann sich mit dem Stimm-Hammer weg- ( nicht zu- ) geschlagen , und die Stadt hält es bei so vielen Saiten , die er unter sich hatte , mehr für ein Wunder als für einen Bock , sagt ' ich , um ihn für