sich die Züge erklären , die allgemein von jenem Einsiedler unter dem Laubdach eines waldensischen Eichenhains erzählt wurden ... Von Gräfin Erdmuthe wußte er , daß sie eines Tags vor längern Jahren aus einem waldensischen Gottesdienst zu Fuß nach Hause kam , mit einem ihrer Diener auf dem Heimweg deutsch sprach und darüber von einem Mann angeredet wurde , der hinter ihr her ging , sich als Deutscher zu erkennen gab , auf einer Fußwanderung nach den Seealpen begriffen zu sein erklärte und durch Zufall jener Predigt beigewohnt hatte , die ein Geistlicher gehalten , der keinen katholischen Ornat trug ... Der Fremdling konnte diese fast altlutherischen Sitten des Gottesdienstes nicht unterbringen und ließ sich über die Waldenser von einer Dame unterrichten , in der er mit Ueberraschung einer geborenen Freiin Hardenberg , aus altem norddeutschen Geschlecht , begegnete ... Ihm selbst , sagte er , wären die Gedichte eines Hardenberg ( Novalis ) von größter Anregung gewesen ... Dann - bei einer Kapelle - zur » besten Maria « , an der sie vorüber mußten - bekannte er sich der über die Anerkennung eines Verwandten freudigerregten Frau zwar als Katholiken , sagte aber : Was hat wol Ihr frühvollendeter Vetter unter jener Maria verstanden , die er zum Anstoß der Seinen so oft besang ! Doch wol nur Sophia von Kühn , die er liebte und die ihm starb , noch ehe sie die Seine geworden ! So wird unser eigenes Leben zuletzt die lauterste Quelle unserer Religion ... Hardenberg-Novalis sang , fuhr er fort : » Wenn alle untreu werden , So bleib ' ich dir doch treu - ! « Er sang es in so persönlicher Freundschaft für den Erlöser , daß ich diesem Lied mein Glaubensbekenntniß verdanke ... Die Religion muß für jeden Einzelnen sein eigenes persönliches Verhältniß zu Gott werden und die Kirche soll nur so viel dazu mitthun und mithelfen , wie ein Wächter , der ein Stelldichein der Liebe hütet ! Alles andere , jede andere Einmischung in unsere innere Welt ist vom Uebel ! ... Die Gräfin , die ihren herrenhutischen Glauben annähernd richtig gedeutet sah , bat den Fremdling , auf Castellungo einige Tage Rast zu halten ... Er zögerte anfangs , folgte aber doch , da er ermüdet und offenbar im Beginn einer Krankheit schien ... Diese überfiel ihn denn auch , als er das stolze Schloß beschritten und die erste freundliche Bewirthung der Gräfin genossen hatte ... Sein überreizter Zustand gab sich sogleich in einem heftigen Strom von Thränen kund , dem ein Fieberfrost und eine lange Nervenkrankheit folgte ... Die Gräfin widmete ihm die größte Sorgfalt und erfüllte zugleich die Bitte , die sich in einzelnen lichten Momenten von seinen fahlen Lippen stahl , daß sie keine Nachforschungen über seinen Namen und seine Herkunft anstellen sollte ... Er hätte keine Verwandte mehr , wollte todt sein und bäte , ihn nicht anders als Friedrich zu nennen - Das Reich des Friedens , sagte er , find ' ich nicht mehr auf dieser Erde , ich zöge gern hinüber ; mir selbst aber den Tod zu geben , wäre vermessen ; unsichtbare Fesseln halten mich auch noch - doch bin ich nicht mehr , was ich war - ich bin ein Todter ... Die Gräfin hatte Benno erzählt , daß der Fremdling damals wenig über vierzig Jahre zählte , eine seltene Bildung besaß und mit den Lehrsätzen seiner Kirche um persönlicher Erlebnisse willen in Spannung schien ... Oft hätte sie ihn für einen flüchtigen Priester gehalten ... In ihn zu drängen und Namen und Stand von ihm zu begehren , widersprach ihrer Sinnesart , ja die Verehrung vor dem » Signor Federigo « , wie ihn sogleich die Schloßbewohner nannten , wuchs bei ihr zu einer so innigen Freundschaft , daß die schon gereifte Frau , damals Witwe , sein Scheiden nur mit größter Betrübniß würde erlebt haben ... Er seinerseits faßte die gleiche Neigung für die edle Dame , deren religiöse Denkweise nicht ganz mit der seinigen übereinstimmte , die aber Verbindungsglieder gemeinschaftlicher Ansichten und Stimmungen bot ... So knüpfte sich zwischen beiden ein seelisches Band , das aus den Erzählungen der Gräfin mehr von Benno geahnt werden konnte , als ihre Worte schilderten ... Sie ließ die jedenfalls auf Friedrich von Asselyn passende Aeußerung fallen , daß der Fremdling die Wappen und Farben ihres Hauses von der ältern Linie her kannte , sie oft mit Rührung betrachtet hätte und selbst wol dem Adel angehörte ... Fast wie aus Furcht vor Begegnungen , die gerade auf diesem Schlosse nicht unmöglich waren , hätte der Fremde sowol den langen Bart , der ihm in seiner Krankheit gewachsen war , nicht entfernen , noch auch auf dem Schlosse selbst länger wohnen mögen ... Unter dem Schutz der Gesetze , die aus aufgeklärtern Zeiten , als die unserigen , stammten und den die Gräfin so muthig wiedererobert hatte , verweilte er eine halbe Meile vom Schlosse entfernt in einem Hause , das er sich im Wald aus Baumstämmen selbst gezimmert hatte ... Die Menschen der Umgegend nannten ihn » Fra Federigo « ... Man rühmte seine Kenntnisse in der Heilkunde , in Sachen des Ackerbaus und der Güterbewirthschaftung ... Er kannte das Recht , die Geschichte , die Lehnsverhältnisse in allen europäischen Gesetzgebungen ... Anfangs ließ er sich nur mit Widerstreben von den Umwohnenden besuchen . Zuletzt , wenn die Gräfin auf längere Zeit nach Wien mußte , war sein Rath allen und ihren eigenen Verwaltern unumgänglich ... Unter seiner Eiche hielt er eine Bienenzucht und nahm in dieser summenden Gesellschaft , zu der noch eine Ziege und ein Hund gehörten , immer mehr die Weise eines Eremiten an , der , geschieden von der Welt , auch sein Aeußeres nicht mehr nach den Gesetzen der Gesellschaft einrichtet ... Briefe empfing er nicht ; ebenso las er anfangs keine Zeitungen ; später desto theilnehmender , bis er sich , diese Lectüre versagte , nur um nicht den Reiz der Rückkehr in