Arbeiter der Willing ' schen Fabrik aber hatten den Todten bei Nacht aus jenem Hause mit Gewalt entfernt und ordneten ein Begräbniß an , das durch die ganze Stadt gehen sollte . Es war eine eigenmächtige Handlung , die später einer strengen Untersuchung verfiel . Ein Ministerrath verbot das öffentliche Begräbniß , bis bei Hofe jene religiöse Scheu vor Allem , was Leben und Sterben berührte , entschied und man von dorther wünschte , es sollte dem Drange jener Menschen , diesen Todesfall in ihrer Weise aufzufassen , kein Hinderniß gesetzt werden . So fand denn jenes Begräbniß unter Vortragung von Insignien aller Art und mit Begleitung einer Trauermusik unter dem Zustrom von Tausenden Statt . Alle Maschinenarbeiter folgten . Sogar einige elegante Trauerkutschen schlossen sich an . Am Grabe wurden Reden gehalten , Choräle gesungen . Man bemerkte überall die Zeichen einer an diesem Trauergepränge sich aussprechenden Demonstration der erzürnten Gemüther . O , rief ein junger Redner , der auf die feuchte gelbe Erde der Grube trat , das Haupt entblößte und die zuckenden Mienen seines blassen Antlitzes kaum vor innerer krampfhafter Erregung bemeistern konnte . O , so kommen sie denn immer näher die Boten des Sturmes , der bald uns Alle wie Staub aufwirbeln und durcheinander treiben wird ! Noch eine kurze Ruhe und die Zornschaalen der Prophezeiung werden ausgegossen werden ! Bis dahin , Brüder , wankt und verzagt nicht ! Der Tod hält seine Ernte . Wie ein Schnitter fährt er dahin und mäht mit seiner Sichel schonungslos und grausam ! An das Leben muß sich nun schon Niemand mehr klammern . Die Zeiten sind vorüber , wo ein Jeder sich hütete , unter den Dächern der Häuser zu gehen , um nicht von einem fallenden Ziegel erschlagen zu werden . Die Zeiten sind vorüber , wo man seines Leibes und Lebens schonte und pflegte und sich vornahm , gebessert , reich an Tugenden und gesammelt vor den Thron des ewigen Richters zu treten . Jetzt geht es im Fluge . Das Leben ist nichts . Die Kugeln werden Niemanden schonen . Eine Leiche ? Hunderte werden wir begraben sehen , Tausende ! Die Wuth der Menschen , die es ahnen , daß ihre Stunde schlug , ist grenzenlos . Nicht mehr Könige und Könige bekämpfen sich , nein , alle Monarchen , alle Reichen , alle Großen werden Frieden unter einander schließen und die Armeen sind nur noch da , um Schlachten den Brüdern zu liefern . Unsre Plätze und Straßen , unsre Stuben und Kammern werden die Schlachtfelder werden , wo künftig die großen Feldherren ihre Lorbeern sammeln . Tod ist nichts mehr , Brüder ! Wo wir hinblicken , krachen die Flinten der Executionen . Die Diplomaten schreiben die Bluturtheile auf ihren seidnen Polstern , ihre Chokolade schlürfend . Die Maschinen dieser Menschen vollführen es und jeder Soldat sieht auf seine Büchse , sein Pulverhorn , drückt los ; was geht ihn die Kugel und ihr Ziel an ! O Brüder , verzagt nicht ! Zittert nicht , daß Ihr Euch erscheint wie zusammengetriebenes Wild in einem Walde . Alle Wege sind umstellt . Unser Denken , unser Fühlen , unser Reden ist ein Verbrechen ! Wir stören den Staat , wenn wir uns versammeln . Wir sollen nur arbeiten . Hört Ihr , nur arbeiten ! Arbeite und iß dein Brod im Schweiße deines Angesichtes , Das ist der Fluch , mit dem du in die Welt getreten bist ! Aber die Stunde wird schlagen mit ehernem Glockenschlag , furchtbar dröhnen wird sie durch alle Lande die Sonntagsfrühe der Erlösung ... Weiter konnte der Redner nicht sprechen . Denn eine Anzahl der Polizeidiener , die in der Nähe stand , trat auf den Hügel und zog mit lärmender Unterbrechung den jungen Mann von ihm herunter . Dies wurde das Signal eines allgemeinen Tumultes , der mit der Ruhe des Friedhofes und mit dem Schmerz der auf dem Sande knieenden Louise und ihrer Geschwister in schreiendem Widerspruche stand . Man entriß den Häschern ihre Waffen , man tobte , schrie , stieß Verwünschungen aus . Die Häscher ließen ihre Nothpfeifen ertönen , um von der Wache eines nahegelegenen Thores Hülfe zu bekommen . Die Wächter der öffentlichen Ordnung waren so bedrängt , daß ihnen fast nichts übrig blieb , als sich an den durch diese Scenen entweihten Sarg zu flüchten , der auf den Brettern über der Grube stand und eben hinabgelassen werden sollte . In diesem Tumult riefeine donnernde Stimme : Ruhe ! Friede am Grabe ! Achtung vor den Todten ! Es war Leidenfrost , dessen Autorität unter diesen Menschen Wunder wirkte . Seine gewöhnlich nur polternde Art hatte ihn ganz verlassen . Der Augenblick begeisterte ihn . Er war nur bei der Sache und ganz von ihr durchglüht . Wenn mein Wort unter Euch etwas gilt , rief er , so steht von Aufruhr und Empörung ab ! Ehret den Schmerz der Leidtragenden , die dort auf dem kalten Boden verhindert sind , ihre Andacht zu verrichten ! Schreckt den Schlummer des gebrochenen Auges nicht auf ! Wir kommen so nicht fort , wie Ihr meint , wir nützen uns nichts und Denen nicht , die nach uns kommen werden ! Glaubt doch nicht , daß Ihr allein dasteht mit Eurem Kummer um diese Zeit ! Gebt dies weichliche Jammern um Eure Lage auf und erschließt Euern Geist einer höhern Betrachtung . Es arbeiten mehr , als Ihr denkt , wenn auch nicht mit Schwielen in der Hand . Aber es denken auch mehr und hoffen auch mehr . Ihr seid nicht die Einzigen und seid nicht verlassen ! Ihr fahrt nicht wie dieser Jüngling in die Grube und düngt nur die Erde ! Haltet Schritt mit dem Allgemeinen ! Folgt nicht dem nächsten Gelüst Eures Zornes , sondern glaubt an den im Stillen arbeitenden Weltgeist , der uns mit Schöpfungen überraschen wird , von denen Ihr keine Ahnung habt . Eine Ordnung in diesem Leben muß sein