sich wieder nieder . “ So — so — also das war der Greffinger . . . Hat mich doch interessiert , ihn gesehen zu haben ! ” “ Welchen Namen nannten Sie da ? ” fragte der Regierungsrat . “ Greffinger ! ” sagte der Professor , als genüge das und es brauche keine weitere Erklärung hinzugefügt zu werden . “ Papa ! ” rief Agathe mit der plötzlichen Lebhaftigkeit , die sie zuweilen erfaßte , “ ob es am Ende Martin war ? ” “ Ich habe einen Neffen dieses Namens , ” erklärte Regierungsrat Heidling obenhin . Die schweizer Studenten beobachteten den alten Herrn und die Dame mit Interesse . Es schienen wahrhaftig Verwandte von Martin Greffinger zu sein — und dabei wußten sie es selbst nicht einmal genau ! Heidling spielte mit der Hand in dem weichen grauen Bart. “ Ich habe lange nichts von dem jungen Manne gehört , ” sagte er , überlegend , wieviel er den Fremden von seinen Beziehungen zu Martin mitteilen dürfe , “ es freut mich aber , zu bemerken , daß Sie mit Achtung von ihm reden . Wenn wir in der That dieselbe Persönlichkeit meinen . . . ” “ Haben Sie Martin Greffingers letztes Buch nicht gelesen ? ” “ Halten Sie etwas davon ? ” erkundigte sich der Regierungsrat . “ Zweifellos ! Ich bin nicht mit allem einverstanden . Aber es ist ein tüchtiges und bedeutendes Buch . Es wird seinen Weg schon machen — in zwanzig Jahren wird man mehr davon reden als heut . Dieser Greffinger ist eine ganze , feste Persönlichkeit . Ich wollte , wir hätten mehr ihresgleichen . ” “ Nun — das freut mich — das freut mich . ” Der Regierungsrat beschloß , gelegentlich einmal in das Werk hineinzusehen . Er hielt es für richtiger , die Frage , ob er es kenne , offen zu lassen . “ Ich denke mir , daß Greffinger heut Abend wieder hier vorspricht , ” meinte der Student , der den Professor auf den Vorübergehenden aufmerksam gemacht hatte . “ Wir wollen doch unsere Frau Wirtin fragen , ob er Nachtquartier genommen hat , ” rief der Professor lebhaft . “ Es sollte mich wirklich freuen , wenn ich durch Sie Gelegenheit fände , den Mann persönlich kennen zu lernen ! ” “ Wir sind uns ziemlich fremd geworden , ” bemerkte der Regierungsrat ausweichend . Agathe amüsierte sich heimlich . Ihr Vater wurde den Menschen bedeutungsvoll , weil er ein Verwandter von Martin war ! Man erbat sich von ihm die Freude , Martin kennen zu lernen ! Wer das je gedacht hätte . . . . Das warme Gefühl für den Jugendfreund erwachte wieder . Käme er doch ! Der Nachmittag wurde ihr lang bei dem stillen Warten . Sie nahm jetzt ihren Hut , ein Stückchen durchs Dorf zu gehen . Die Studenten standen jetzt vor dem Hotel beieinander und unterhielten sich lachend . “ Köstlicher alter Kunde , ” hörte Agathe den Ältesten sagen , als sie vorüberging . Sie wußte , daß er damit ihren Vater meinte — ihren Vater , der ihr trotz allem , wodurch er sie gekränkt , als ein Mann erschien , an den ein abfälliges Urteil sich überhaupt nicht heranwagen würde . Köstlicher alter Kunde — sagte der Student von ihm . . . . Das Wort schnitt Agathe ins Herz . Sie fand es roh . Doch der junge Mann hatte ihr vorher keinen rohen Eindruck gemacht — er sah im Gegenteil intelligent und begeistert aus . Traurig ging sie an hohen Steinmauern entlang . Sie umgrenzten die Gärten der wohlhabenden schweizer Bürger , welche hier ihre Villen besaßen , und schlossen sie vor allem Fremden ab . Dicker , alter Epheu hing an ihnen nieder . So bestand der Ort aus einem weitläufigen Labyrinth enger Gänge . Niemals konnte Agathe sich zurechtfinden und wußte selten , in welchem Teil sie herauskommen würde . Am Ende der feuchten , grauen Gasse schimmerte bläulich der See . Agathe ging schnell und immer schneller , als fliehe sie vor etwas hinter ihr Liegendem , diesem fernen blauen Schein entgegen . Freilich würde es zu spät sein , ihn heut noch zu erreichen , aber sie wollte wenigstens einen ungehemmten Ausblick gewinnen . Und sie konnte nicht mehr traurig sein . Wenn sie heim kam , würde sie Martin finden ! Sie war ganz sicher , daß sie ihn sehen würde ! Plötzlich ließ sie den Gedanken an den See , wendete sich um und lief eilig heimwärts . Aber nun hatte sie einen falschen Gang eingeschlagen , und es dauerte ziemlich lange , bis sie das Hotel erreichte . Als sie heim kam , sah sie am Geländer der Veranda einen Herrn neben der Kellnerin stehen und über die roten Nelken zu ihr hinunter blicken . Sie erkannte Martin gleich , obschon er voller und älter geworden war . Mit ausgestreckten Händen kam er ihr entgegen . “ Agathe ! Das freut mich aber , Dich hier zu sehen ! ” Lachend , bewegt und erhitzt standen sie voreinander und blickten sich glücklich an . Es war , als seien die Jahre ausgelöscht und sie wieder der begeisterte Schüler und der frische Backfisch , die unter der Sommersonne im hohen Grase lagen und von Freiheit und Menschenglück träumten . Martin ließ Agathes Hände nicht aus den seinen . “ Du hast Dich gar nicht verändert , ” behauptete er kühn . “ Ist es denn wirklich so lange her , daß wir uns nicht gesehen haben ? Unglaublich ! ” Sie konnten nicht mehr nachrechnen , wie lange es wohl war . “ Seit ich Dir die verbotenen Bücher brachte ? — Ach , war das ein Unsinn ! Du warst doch viel zu fest angekettet . Sag ' mal — bist Du denn jetzt allein hier ? ” “ Nein — natürlich mit meinem Vater , ” antwortete Agathe erstaunt .