Beben , als er erwiderte : „ Wer sagt Dir denn , daß sie hoffnungslos ist ? “ „ Hugo , das ist eine Beleidigung , “ brauste Reinhold auf . „ Vergißt Du , daß Eleonore mein Weib ist ? “ „ Sie war es , “ sagte der Capitain , das Wort schwer betonend . „ Du denkst wohl so wenig mehr daran , jetzt noch Rechte geltend zu machen , wie sie geneigt wäre , Dir dieselben zu gewähren . “ Reinhold verstummte . Er wußte am besten , mit welcher Entschiedenheit ihm auch der geringste Schein eines Rechtes versagt worden war . „ Ihr habt es Beide bei der bloßen Trennung bewenden lassen , “ fuhr Hugo fort , „ ohne die gerichtliche Scheidung nachzusuchen . Du bedurftest ihrer nicht , und was Ella davon zurückhielt , begreife ich nur zu gut . In solchem Falle mußten endgültige Bestimmungen über den Verbleib des Kindes getroffen werden . Sie wußte , daß Du Deine Vaterrechte nie ganz opfern würdest , und zitterte vor dem Gedanken , Dir den Knaben auch nur zeitweise zu lassen . Dein stillschweigender Verzicht auf ihn war ihr genug ; sie entsagte lieber jeder Genugthuung , um nur im ungestörten Besitze ihres Kindes zu bleiben . “ Reinhold stand da , wie vom Blitze getroffen . Die Gluth der Erregung , welche eben noch seine Stirn färbte , verschwand , er war wieder leichenblaß geworden , als er mit unterdrückter Stimme fragte : „ Und das – das , meinst Du , sei der alleinige Grund gewesen ? “ „ Wie ich Ella kenne , der einzige , der sie verhindern konnte , den Schritt , den Du begonnen hattest , nun auch ihrerseits zu vollenden . “ „ Und Du glaubst – daß Cesario Hoffnung hat ? “ „ Ich weiß es nicht , “ sagte Hugo ernst . „ Aber das wissen wir Beide , daß Ella ’ s Freiheit nichts im Wege steht , wenn sie wirklich gesonnen wäre , sie jetzt noch geltend zu machen . Du hast sie verlassen , hast sie jahrelang völlig aufgegeben , und die ganze Welt weiß , weshalb es geschah , und was Dich ihr dauernd fern hielt . Sie hat nicht allein das Gesetz , sondern auch die öffentliche Meinung auf ihrer Seite , und ich fürchte , diese würde Dich zwingen , ihr auch den Knaben zu lassen . Beatrice steht Deinem Vaterrechte zu furchtbar im Wege . “ „ Du glaubst , daß Cesario Hoffnung hat ? “ wiederholte Reinhold , aber diesmal klangen die Worte dumpf und drohend . „ Ich glaube , daß er sie liebt , leidenschaftlich liebt , und daß er früher oder später eine Werbung versuchen wird . Er wird dann allerdings erfahren , daß die vermeintliche Wittwe die Gattin seines Freundes war und noch jetzt dessen Namen trägt , ich zweifle aber , daß dies irgend einen Einfluß auf ihn übt , da auf Ella nicht der geringste Schatten fällt . Nur Eure Freundschaft dürfte einen unheilbaren Riß erhalten , aber damit ist es ohnedies zu Ende , sobald die Leidenschaft spricht . Bedenke das , Reinhold , und laß Dich zu keiner Unbesonnenheit fortreißen ! Du sprengtest Deine Fesseln , um Dich frei zu machen . Du hast damit auch Eleonore frei gemacht – vielleicht für einen Anderen . “ Die Stimme des Capitains sank bei den letzten Worten , und [ 559 ] rasch , als wolle er eine heftige Bewegung unterdrücken oder verbergen , wandte er sich zum Gehen . Wenn ihm auch die Aufregung seines Bruders , den er jetzt allein ließ , nicht entgangen war , so ahnte er doch nicht entfernt , welchen Brand er mit seinen Worten in dessen Inneres warf . Wenn Reinhold seiner Umgebung in der letzten Zeit fast nur noch Ermüdung und Gleichgültigkeit gezeigt hatte , wenn es ihn selbst oft überkam , wie ein Gefühl , als sei es nun zu Ende für ihn mit dem Leben und Lieben , diese Stunde bewies , daß es noch in ihm stürmen konnte mit der ganzen wilden Leidenschaftlichkeit , die den jungen Künstler einst den Heimathbanden entrissen hatte , und die Art , wie der Sturm entfesselt ward , verrieth , wenn nicht Anderen , doch ihm selber , was er bisher nicht wissen wollte , und was sich jetzt in schonungsloser Klarheit vor ihm enthüllte . Vor dem heißen Schmerze , der plötzlich in seinem Inneren aufflammte , sanken der Trotz und die Bitterkeit zusammen , mit denen er sich gegen die Frau waffnete , die es wagte , ihn fühlen zu lassen daß er sie einst schwer beleidigt hatte , und daß sie diese Beleidigung nun und nimmermehr verzieh . Aber wenn sein Stolz ihn lehrte , der Kälte und Gleichgültigkeit , der Unversöhnlichkeit mit Schroffheit zu begegnen , er hatte es doch nicht hindern können , daß , sobald das Bild seines Kindes vor ihm auftauchte , auch die Gestalt der Mutter an dessen Seite stand . Freilich war es nicht jene Ella mehr , die vor wenigen Monaten kaum noch einen Platz in seiner Erinnerung behauptete , sondern die Frau , die ihm einen so unbeugsamen Stolz , einen so energischen Willen und eine niegeahnte Gluth der Empfindung gezeigt , an jenem Abende , wo er zum ersten Male erkannte , was er frevelhaft aufgegeben und was er nun unwiederbringlich verloren hatte . Neben dem blonden Lockenkopfe des Kindes schwebte immer und immer das Antlitz mit den tiefblauen Augen , deren Strahl ihn gleichwohl so verachtend getroffen hatte . Er gestand sich selbst nicht , mit welcher Leidenschaft er an diesem Bilde hing , mit welcher [ 560 ] Sehnsucht er Stunden in diesen Erinnerungen verträumte ; er gestand sich auch den Gedanken nicht , der unausgesprochen in seiner Seele lag , daß die Frau , welche noch immer seinen Namen trug , welche die Mutter seines Kindes war , trotz