“ „ Mich ! “ Es war ein stürmisches Aufwogen in seiner Stimme , aber es sank sofort wieder bei dem Blick auf ihr Gesicht . Was war aus diesem Kinderantlitz geworden , seit er es zum letzten Male gesehen ! „ Mich ! “ wiederholte er langsam , „ und was konnte Sie zu mir führen ? “ Lucie schwieg . Jetzt , wo sie vor der Entscheidung stand , drohte der Muth zusammenzubrechen , der sie bisher aufrecht erhalten , sie hatte den Bruder retten wollen und fühlte doch jetzt , daß sie zu viel unternommen , daß sie eher seine Gefangenschaft , seine Gefahr ertragen hätte , Alles – nur nicht seine Rettung um diesen Preis ! Benedict sah den Kampf in ihren Zügen . „ Kostet es Ihnen so schwere Ueberwindung , auch nur das Wort an mich zu richten ? “ fragte er bitter . „ Ich begreife es , nach dem , was geschehen ist , aber Sie werden sich doch wohl entschließen müssen , noch einmal zu dem Verhaßten zu sprechen , wenn ich anders Ihren Wunsch erfahren soll ! “ Er zog den Mantel fester um die Schultern . Luciens Blick heftete sich wie in angstvollem Forschen auf diesen Mantel von dunklem einfachen Tuche , als suche oder – fürchte sie dort etwas , aber der Saum verschwand völlig in den Falten , er ließ sich nicht verfolgen . „ Ich habe eine Frage an Sie , “ sagte sie endlich fast unhörbar , „ und eine Bitte ! “ „ Nun wohl , ich warte . “ Es lag eine seltsame Härte in dem Ton , es war überhaupt etwas Hartes , Starres in seinem ganzen Wesen ; Lucie wußte wohl , daß es schwinden würde , wenn sie das Auge zu ihm emporhob , aber sie wußte auch , daß es um ihre Fassung geschehen war , wenn er sich jetzt nicht herb und hart zeigte , ihr Blick blieb an den Boden geheftet . „ Es betrifft den Tod des Grafen Rhaneck – “ Sie schwieg plötzlich , es schien ihr , als sei er aufgezuckt bei dem Namen , aber eine Antwort erfolgte nicht . „ Man sagt , er sei – “ sie hielt wieder inne , das entsetzliche Wort konnte nicht über ihre Lippen , „ es sei kein bloßes Unglück gewesen , dem er zum Opfer gefallen . “ Wieder dies entsetzliche Schweigen . Benedict blieb stumm , Lucie wagte es noch immer nicht , ihn anzublicken , aber sie raffte den letzten Rest ihrer Kraft zusammen . „ Die Gerichte haben sich bereits der Sache bemächtigt . Man beschuldigt meinen Bruder – er ist gestern verhaftet worden . “ Jetzt zum ersten Male zuckte er wirklich auf , sie sah , wie seine Hand sich krampfhaft ballte . „ Günther ? Ah ! “ Es war ein Ausruf halb der Wuth und halb des Entsetzens , aber es blitzte dabei etwas wie ein Hoffnungsstrahl auf in der Seele des jungen Mädchens . „ Sie wußten es nicht ? “ „ Wir sind seit drei Tagen abgeschnitten von der Ebene , selbst die gewöhnlichen Boten kommen nicht mehr zu uns herauf . Ich ahnte nicht , daß man überhaupt Verdacht hegte , sonst – “ „ Sonst wären Sie gekommen und hätten Bernhard gerettet – ich wußte es ! “ [ 206 ] Benedict trat zurück und sah sie starr an , aber das vollste Entsetzen lag in diesem Blick . „ Ich ? Lucie , allmächtiger Gott , wer hat Sie gelehrt die Rettung bei mir zu suchen ? “ Die bebenden Lippen des jungen Mädchens versagten ihr fast die Worte . „ Ich – ich ahnte es , daß die Hülfe nur hier zu finden sei . Mein Bruder ist gefangen , seine Ehre , sein Leben steht auf dem Spiel . Retten Sie ihn ! “ [ 232 ] Jetzt endlich sah Lucie Benedict an , aber es war ein Ausdruck der Todesangst in diesem Blick , und doch galt ihr Flehen in diesem Augenblick nicht dem Bruder . Nicht die Verweigerung , die Gewährung der Bitte war es ja , die sie fürchtete . Wäre er jetzt befremdet zurückgetreten , hätte er gesagt : „ Ich kann nicht , mein Fräulein , mir fehlt jede Macht dazu “ – ihr eignes Leben und Bernhard ’ s Freiheit hätte sie hingegeben für das eine Wort aus seinem Munde , aber dies Wort kam nicht , er sah sie an , nur einen Moment lang , dann wandte er sich plötzlich ab und – schwieg . Lucie wußte genug ! Sie schlang den Arm um den noch aufrecht stehenden Stamm des gestürzten Heiligenbildes und lehnte halb bewußtlos das Haupt an das feuchte Holz . Einige Secunden vergingen so , sie standen so nahe bei einander und doch gähnte eine Kluft zwischen ihnen , tiefer als jene , in der Ottfried den Tod gefunden . Ueber ihnen der graue Himmel mit den jagenden gährenden Wolkenmassen , um sie her die rauschenden Tannenwipfel und tief unten der Fluß mit seinem dumpfen Brausen . Erst Benedict ’ s Stimme rief das junge Mädchen wieder zur Besinnung zurück , er stand jetzt neben ihr . „ Ich will nicht fragen , wer Ihnen das Geheimniß verrathen hat , das Sie wissen müssen , um so mit mir zu sprechen , aber Sie kamen zur rechten Zeit . Zittern Sie nicht so angstvoll um den Bruder , Lucie , seine Gefahr ist zu Ende mit meinem Schweigen ! Hätte ich gewußt , daß der Verdacht sich auf einen Unschuldigen richtet , es wäre längst gebrochen . Ich habe jetzt nichts mehr zu schonen . “ Lucie ließ die Stütze fahren und richtete sich empor . „ Sie kennen also – den Thäter ? “ Es folgte eine secundenlange Pause . „ Ja ! “ sagte er endlich schwer . „ Und Sie werden ihn nennen ? “ „