, er war auch alt , so alt eben die Liebe ist ! ... » Ach , die schöne Welt ! Man sieht sie anders , wenn man – gesund ist « , dachte die Wandelnde und legte die verschränkten Hände auf ihr klopfendes Herz . Die Waldwiese war leer , als Gisela zurückkam . Nur der alte Lakai Braun war noch da . Er räumte das Geschirr in die Körbe und berichtete seiner Gebieterin , daß Seine Exzellenz infolge eines erhaltenen Telegramms mit den beiden Damen schleunigst nach dem weißen Schlosse zurückgekehrt sei . Während er mit tiefgebogenem Rücken berichtete , betrachtete Gisela die alte Gestalt zum erstenmal mit prüfendem Blick . Sie wußte noch recht gut , daß er früher schwarzes Haar gehabt hatte ; jetzt war es blendendweiß – er hatte sich allmählich unter ihren Augen verwandelt , ohne daß sie es je bemerkt hatte ... Auch der Papa hatte viele weiße Fäden im Haupt- und Barthaar ; sie dachte das völlig ungerührt , während die zwei silberglänzenden Streifen über den Augen und der Schnee auf dem Scheitel des Greises plötzlich eine Art von Mitgefühl in ihr hervorriefen . » Lieber Braun , ich bitte Sie um ein Glas Milch ! « sagte sie – wie klang das fremdartig von ihren Lippen – sie schrak unwillkürlich davor zusammen ; sie hatte ja nie gebeten ! ... Der alte Lakai fuhr bei den sanften Lauten empor und starrte seiner Herrin fassungslos ins Gesicht . » Nun , ist alle Milch getrunken worden ? « fragte sie gütig lächelnd . Der Mann lief , so rasch seine alten Beine vermochten , nach dem improvisierten Büfett und brachte auf einem silbernen Teller die begehrte Erfrischung . » Denken Sie doch , Braun , ich weiß nicht einmal , ob Sie Familie haben « , sagte die junge Dame und setzte das Glas an die Lippen . Sie war verlegener in dieser neuen Situation , als wenn sie das ungewohnte Parkett des Fürstenhofes betreten hätte ; denn der alte Mann stand vor ihr , wie wenn er erwarte , jeden Augenblick Himmel und Erde einstürzen zu sehen . » O gnädige Gräfin , das wäre doch auch nicht der Mühe wert – « stotterte er . » Ich möchte es aber gern wissen . « » Nun ja , wenn gnädige Gräfin befehlen – « versetzte er ermutigter , und seine zusammengesunkene Gestalt richtete sich empor . » Ich habe Weib und Kind . Zwei meiner Kinder leben noch – vier liegen auf dem Gottesacker ... Ich hatte auch ein Enkelchen – ein liebes , schönes Kind – gnädige Gräfin , das kleine Mädchen war meine ganze Freude – « Dem alten Mann stürzte urplötzlich und unaufhaltsam ein Tränenstrom aus den Augen . » Um Gottes willen , Braun ! « rief das junge Mädchen bestürzt . Wie , diese Augen weinten ? ... Dieses alte , in seiner Dienstmiene versteinerte Gesicht konnte so herzbrechend vergrämt aussehen ? » Nein , nein , bleiben Sie ! « gebot sie , als der Lakai , sichtlich entsetzt über das unzeitgemäße Hervorbrechen seines Schmerzes , sich entfernen wollte . » Ich will wissen , was Sie so tief betrübt ! « » Wir haben das Kind vor drei Wochen begraben « , entgegnete er mit zuckenden Lippen , indem er versuchte , die Haltung wiederzugewinnen . Gisela erblaßte . Wie hatte der alte Mann auf der Terrasse des Waldhauses gesagt ? » Ihr Herz ist kieselhart ! Sie ist gefühllos wie ein Stein gegen ihre Leute ! « Der Unheimliche hat zum Verzweifeln recht gehabt ! ... Da war nun der unglückliche Mensch täglich in seiner bunten Livree vor ihr erschienen , tadellos in Miene und Haltung , unverändert auch an dem Tage , da der kleine Liebling daheim im Sarge gelegen hatte – immer des Winkes seiner Herrin gewärtig und jeder ihrer Launen sich unbedingt anbequemend ; und währenddessen hatten unter den unterwürfig gesenkten Augenlidern der armen Maschine verhaltene Tränen gefunkelt , und das Herz war fast vergangen im Weh ! ... Privatleiden durften diese Leute nicht haben – dagegen erinnerte sich Gisela noch sehr gut , daß die Dienerschaft lange , lange Zeit die tiefe Trauer um ihre Großmama hatte zur Schau tragen müssen ... Was gab den Hochgeborenen das Recht , andere Menschen in eine so unnatürliche Stellung zu zwingen ? ... Sie reichten ein Stück Brot von ihrer kalten , isolierten Höhe herab und verlangten dafür eine völlige Hingabe des ganzen Menschen ; eine so grenzenlose Selbstverleugnung , deren sie selbst nicht fähig waren ... Und sie hatte dies grausame Spiel des vollendeten Egoismus bisher mitgespielt , ja sie galt für eine der Schlimmsten ! ... Was ihr Gemüt an Innigkeit besaß , das floß jetzt über ihre Lippen – sie suchte den alten Mann zu trösten ... Aber der Sonnenschein in ihrer Seele war verflogen . Nun erst grübelte sie über die finsteren Anklagen des alten Soldaten , und während des ganzen Heimwegs suchte sie zu ergründen , mit welcher Verlorenen , deren » fluchwürdige Hände nun moderten « , er sie wohl verglichen habe ! ... Die Lösung des Rätsels lag ihr fern ! Wie hätte sie die weißen , wundervollen Hände der hochseligen Großmama mit dem gestifteten Unheil , wie ihre erhabene Erscheinung mit der » Erbschleicherin « in Verbindung bringen können ? Verstimmt und verfinstert trat sie in das weiße Schloß . Der Ameisenhaufen , der in Gestalt von Handwerkern , scheuernden und fegenden Mägden seit gestern eine sehr geräuschvolle Tätigkeit entwickelt hatte , schien jetzt in eine völlig fieberhafte Aufregung geraten zu sein . Das unruhige Hasten und Treiben beschränkte sich nicht allein mehr auf den Fremdenflügel ; im Erdgeschoß zu beiden Seiten des Vorsaales standen die Flügeltüren weit offen und ließen die ganze lange Flucht der Zimmer übersehen , in denen Tapezierer , Gärtner und Dienstfrauen beschäftigt waren . Oben im ersten Zimmer , das die junge Gräfin betrat , stand Lena mit