nach dem Schreibtische zurückzutragen – bei den letzten , mit unglaublicher Impertinenz gesprochenen Worten des alten Herrn blieb er , wie durch einen Ruck festgehalten , sofort stehen und wandte das Gesicht nach dem Sprechenden zurück – die Damen schlugen unwillkürlich und ängstlich die Augen nieder vor dem Ingrimme und der tiefen Gereiztheit , die das schöne Gesicht des Mannes entstellten . Der Hofmarschall ließ sich nicht beirren ; er war innerlich wütend – man sah es an seinem scharf hervorgeschobenen Kinne , an der Art und Weise , wie er seine bleichen Finger in das purpurseidene , auf seinem Schoße liegende Taschentuch vergrub . » Darf man wenigstens erfahren , was dich veranlaßt hat zu diesem plötzlichen – Staatsstreiche ? « » Das könntest du dir selbst sagen , Onkel , « antwortete Mainau sich bezwingend , mit leichtem Hohne . » Ich verreise – was ich wohl nun sattsam ausgesprochen habe – für Jahr und Tag ; die Baronin geht nach Rudisdorf ; sie wird Leo nicht mehr unterrichten ; « – bei dieser eisigkalten Hindeutung hob die Herzogin die gesenkten Lider , und ein unverschleierter Triumphblick flog nach der jungen Frau hin , die still und gelassen in ihrer bisherigen Stellung verharrte – » und – was mir in der That die Hauptsache ist , « fuhr Mainau fort – » wir können unmöglich vom Herrn Hofprediger verlangen , daß er auch im Winter so oft nach Schönwerth kommt , um Leo Religionsunterricht zu erteilen . « » Ah bah – das machst du mir nicht weis – an diesen Grund glaubst du selbst nicht . Du weißt im Gegenteil recht gut , daß unser lieber Hofprediger sich kürzlich sogar erboten hat , das Kind auch in anderen Fächern zu unterrichten – « » O ja , ich erinnere mich , « versetzte Mainau trocken ; » aber bei meinem Grauen vor gefälschter Welt – und Naturgeschichte wirst du es begreiflich finden , wenn ich für so viel Güte und Aufopferung danke . « » Herr Baron ! « fuhr der Hofprediger auf . » Hochwürden ? « frug Mainau langsam und hohnvoll zurück und ließ aus den halbgesunkenen Augen einen messenden Blick über ihn hinstreifen . Diese ausdrucksvoll verächtliche Gebärde Mainaus war nicht zu ertragen – der Hofprediger erhob sich mit hervorbrechendem Ungestüm , aber der alte Herr umklammerte mit beiden Händen seinen Arm und versuchte , ihn wieder an seine Seite niederzuziehen . » Raoul , ich begreife dich nicht ! Wie kannst du den Hofprediger so beleidigen , und noch dazu in Gegenwart Ihrer Hoheit , der Frau Herzogin ? « rief er mit halberstickter Stimme . » Beleidigen ? ... Habe ich denn von gefälschten Wechseln oder dergleichen gesprochen ? ... Ich frage dich selbst : lehrt der orthodoxe Theologe die Dinge , wie sie sind ? Muß er nicht vieles – das so sonnenklar ist , wie der Satz , daß zweimal zwei vier ist , und in alle Ewigkeit bleiben wird – hartnäckig verneinen , wenn er auf seiner Basis bleiben will ? Läßt er nicht Weltenkörper unverrückbar feststehen , die nach des ewigen Schöpfers Willen und Gesetzen gehen müssen ? Läßt er nicht Weltereignisse , die durch den kraftvollen Geist und Willen einzelner und das Gesamtwirken von Völkerschaften notwendig heraufbeschworen werden , durch übersinnliche gute und böse Dämonen bewerkstelligen ? Stellt er nicht den heiligen Hokuspokus der Bittgänge und Wallfahrten über alle Wirksamkeit des denkenden Arztes , über die vom Alleschaffer uns verliehenen heilsamen Mittel , ja , über Gottes Weisheit selbst , dem er eine Veränderung seiner ewigen Maßregeln abzuzwingen vorgibt ? « Der Hofmarschall schlug sprachlos die Hände zusammen und sank in seinen Stuhl zurück . » Um Gotteswillen , Raoul , ich habe dich noch nie in der Weise vorgehen sehen . « » Ach ja , « versetzte Mainau die Achseln zuckend – » du hast recht ; ich habe mich eigentlich nie in diese Dinge gemischt . Man ärgert sich nur über die schwachen Argumente und Waffen des Gegners , der in der Bedrängnis hinter seinen Schild mit der Devise : › Bei Gott ist kein Ding unmöglich ‹ – im Siegesbewußtsein flüchtet ; und schließlich , wer läßt sich wohl gern die schwarzen Wespen um die Ohren summen , wenn er Gottes schöne Welt liebt und sie – genießen will ? ... Aus dieser Friedfertigkeit bin ich nur ein wenig aufgerüttelt worden durch das Hexenvernichtungsprojekt im indischen Garten , das meinem Kind um ein Haar das Augenlicht gekostet hätte . Ich hege Mißtrauen gegen den Religionsunterricht , bei welchem derartiges Unkraut so lustig fortgedeihen kann , und meine , mit der Radikalkur müsse man schleunigst bei den jungen Köpfen anfange , denn die alten , die noch zu vielen Tausenden die schöne Erde verderben , sind doch nicht mehr zu bessern . « » Wie ungerecht , Baron Mainau ! So denken Sie in Wirklichkeit über die heilige Einfalt ? « rief die bigotte Hofdame , die nicht länger an sich zu halten vermochte . » Haben Sie nicht neulich selbst gesagt , daß Sie dieselbe an Frauen lieben ? « » Das sage ich heute noch , meine Gnädige , « entgegnete er , in seinen leicht frivolen Ton verfallend . » Eine schöne , glatte , weiße Stirn unter seidenem Lockenhaar , die nicht grübelt , ein süßer , roter Mund , der harmlos plaudert – wie bequem für uns ! ... O ja , ich liebe diese Frauen , aber – ich bevorzuge sie nicht . « » Und wenn das seidene Lockenhaar erbleicht und dem süßen , roten Mund das kindlich ausdruckslose Lächeln nicht wohl mehr anstehen will , dann legt man das Spielzeug in die Ecke – wie , Baron Mainau ? « fragte die Herzogin scharf – sie ließ mit nachlässiger Grazie die Reitgerte figurenzeichnend über die Tischplatte hingleiten , wobei die brillantenen Tigeraugen farbige Blitze umherschleuderten . » Wollen es diese Frauen anders , Hoheit ? «