ihm sein Wanderbuch und seine Pfeife – das Geschenk einer untreuen Geliebten , – wieder zurückgesendet haben würde ; denn auf den Ranzen , sammt seinem Inhalt , und auf seine Reisekleider hatte er sich gegen eine angemessene Summe willig finden lassen , allen ferneren Ansprüchen zu entsagen . Er selbst war im Entdeckungsfalle ebenso straffällig , wie wir andern Beide , was am sichersten für seine Verschwiegenheit bürgte ; ich durfte daher so ruhig und unbesorgt der Grenze meines Vaterlandes zuwandern , als ob ich wirklich in Nürnberg beim Meister Hildebrand gelernt , in vierzehn verschiedenen Städten als Gesell gearbeitet hätte und nunmehr im Begriff stände , mein Heil in Brüssel zu versuchen und mich dort von einem reichen Onkel zu den Anverwandten von dessen ehrsamer Ehehälfte nach Paris empfehlen zu lassen . So trat ich meine Wanderung an , und wenn nur der hundertste Theil der Segenswünsche , welche der Arzt und seine Gattin mir mit auf den Weg gaben , in Erfüllung gegangen wäre , dann hätte binnen kurzer Frist der Friede in meine Seele zurückkehren müssen . Die Segenswünsche nahm ich hin , als einen Beweis ihrer edlen , menschenfreundlichen Gesinnungen ; einen tiefern Eindruck aber hatten die trauernden , mitleidvollen Blicke meiner Wohlthäterin auf mich ausgeübt , die mehr zu sagen schienen , als mir in Worten mitgetheilt wurde , und an den Ausdruck erinnerten , mit welchem man wohl einen zum Tode Verurtheilten zum Richtplatz führen sieht . Außerdem , daß ich vollständig als Handwerksbursche ausgerüstet wurde , hatte mir der Arzt auch noch achthundert Thaler in Gold eingehändigt . Es war dies eine erheblich größere Summe , als ich zu empfangen erwartet hatte , zumal ich wußte , daß der Wärter , der mir zur Flucht verhalf , seines Postens enthoben worden war und daher verabredeter Maßen für seinen Verlust entschädigt werden mußte . Das Gold trug ich in einem festen Gurt unter meinen Kleidern ; es war die größte Summe , welche ich jemals in meinem Leben auf ein Mal besessen , und wer mich in dem dürftigen Aufzuge meiner Wege ziehen sah , der vermuthete gewiß nicht , daß der arme abgerissene Handwerksbursche sehr Wohl im Stande gewesen wäre , seine Reise mit Extrapost und Courierpferden fortzusetzen . Doch welchen Reiz hatten jetzt noch blinkende Schätze für mich ? Ich wanderte dahin , äußerlich das Bild eines leichtsinnigen , unordentlichen Gesellen , während ich innerlich mich zu verbluten meinte und zagend und erfüllt von den schwärzesten Ahnungen Johanna ' s gedachte . Obgleich der Arzt mir bis zum letzten Augenblick dringend abgerathen hatte , meinen Weg durch das Siebengebirge zu nehmen , obgleich seine Gattin , während Thränen in ihren wohlwollenden Augen perlten , ihre Bitten mit denen des Doktors vereinigte und ich sogar versprochen hatte , ihre Rathschläge zu beherzigen , beschloß ich dennoch , Alles , selbst Freiheit und Leben daran zu wagen , noch einmal mit Johanna zusammenzutreffen . Ich mußte sie wiedersehen , und wenn mir auch weiter nichts vergönnnt sein sollte , als heimlich einen Blick auf ihr liebes , treues Antlitz zu erhaschen , und dann auf ewig von ihr zu scheiden . Einestheils hoffte ich Alles von einer Zusammenkunft mit ihr , die mir so oft und so feierlich ewige Treue gelobte , anderntheils hätte ich es nicht vermocht , mein Vaterland zu verlassen , ohne aus ihren Augen ihre Gemüthsstimmung herausgelesen zu haben . Mir auch in der Ferne ein wahres , ungeschminktes Bild von ihr entwerfen zu können , von ihr , die dereinst zu besitzen ich die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben hatte , war der tröstende Gedanke , der meine Schritte lenkte . Und so wanderte ich denn dahin durch die herbstliche Landschaft dem Rhein zu und endlich an dem stolzen Strom hinunter . Die Sehnsucht trieb mich zur Eile , die Meilen schienen unter mir fort zu fliegen und wie ein wunderbar schönes Panorama glitten zu beiden Seiten die rebengeschmückten Ufer mit ihrem mittelalterlichen Schmuck an mir vorüber . Mit jeder Strecke von wenig hundert Schrillen veränderte sich die Scenerie , hier den Charakter einer lieblichen Idylle annehmend , dort gleichsam in das graue sagenhafte Alterthum versetzend ; doch was mich früher mit namenlosem Entzücken erfüllt hätte , das ließ mich jetzt kalt und theilnahmlos . Das Laub der Reben und in den Waldungen war schon zum größten Theil gestorben und zum Abfallen bereit , die langen Ketten der Zugvögel wanderten dem wärmeren Süden zu . Allein der Anblick des allmäligen Entschlummerns der Natur war es nicht , was meinen Geist niederdrückte , nicht das Mißtrauen , mit welchem ich jeden mir Begegnenden betrachtete und nur in abgelegenen Schänken und Herbergen ein Obdach suchte , was mich blind für alles Schöne und Anmuthige machte . Meine unbesiegbare Schwermuth entsprang in meinem Herzen , in den trüben , schwarzen Ahnungen , die in demselben Maße , in welchem ich stromabwärts zog , den letzten schwachen Hoffnungsschimmer grausam erbleichten und endlich ganz verdrängten . Wie war es anders früher , wenn ich der Oberförsterei zuwanderte und frischer Jugendmuth mir die Brust schwellte ! Jetzt war ich geächtet , verbannt und verfolgt ; für mich gab es keinen Freund mehr , vor den ich unbesorgt hätte hintreten dürfen ; und Johanna ? O , ich durfte nicht daran denken – – – 13. Capitel . Ein freund in der Noth Dreizehntes Capitel . Ein freund in der Noth . Das war eine lustige Nacht in dem Dorfe , welches gleich oberhalb des Drachenfels am Ufer des Rheins liegt . Zwei Violinen , eine schrille Klarinette , ein Waldhorn und eine mächtige Baßgeige sendeten ihre heiteren Klänge durch die geöffneten Fenster in ' s Freie hinaus , so laut und durchdringend , daß die Kinder auf der Straße nach dem Takt der Musik bequem tanzen konnten , und sogar auf der andern Seite des Stromes ein tanzlustiges Paar vermocht hätte , nach den über die glatten Fluthen hinrollenden Klängen sich recht müde zu