! « Ich saß ganz starr dabei ; also ist es doch wahr , was die Leute munkeln und was ich in den ersten Minuten gefühlt hatte , die ich mit dem jungen Paare zusammen verlebte . Meine Gedanken eilten zu Eberhardt , ich sah ihn einsam an dem Bettchen seines Kindes , mit seinem trüben Gesicht – was mochte er für Qualen ausstehen , wenn er an sein Weib dachte ! » Ich will Ruth nicht allein die ganze Schuld zuwälzen « , fuhr Frau v. Bendeleben fort und trocknete sich eine Träne aus dem Auge . » Eberhardt mag kein feuriger Liebhaber sein , der ihr beständig zu Füßen liegt und sie anbetet , wie sie es zu verlangen scheint von ihrem Manne . Er ist schweigsam und finster geworden als Ehemann und tritt ihr öfter sehr schroff entgegen , allerdings wohl meistens mit Recht . Sie ist verwöhnt durch ihren ersten Mann , der sich vor seiner schönen Frau wie ein Sklave bückte , um den Pantoffel zu küssen . Diese scheinbare Unterwürfigkeit , dieses stete Entzücktsein über jede ihrer Launen und Kapricen vermißt sie bei Eberhardt , der ein ernster Mann ist und das Leben anders auffaßt wie ein leichtblütiger , halbpolnischer Edelmann . Ich glaube , dieses Zuckerbrot ist dem verwöhnten Kinde vollständig unentbehrlich , sie kann es nicht ertragen , nicht jeden Morgen und Abend eine neue Liebeserklärung von ihrem Manne zu hören , wozu er wiederum gar nicht angetan ist . Wenn sie doch nur erst wieder hier wäre ! « Es dauerte indessen noch lange , ehe der Himmel diese Bitte erfüllte . Der November ging vorüber mit seinen Stürmen , der Dezember brach kalt und klar an , und noch immer war die schöne Frau in Wien . » Meine Bekannten wollen mich gar nicht fortlassen « , schrieb sie ihrer Mutter . » Ich will auch diese Zeit benutzen , wer weiß , ob ich jemals wieder hierherkomme . Fürst Bodresky ist übrigens ein liebenswürdiger Mann , er hat mir während der Zeit meines Aufenthaltes das Palais Satewski vollständig zur Verfügung gestellt . Ich wohne wieder in meinen Zimmern , und wenn ich morgens erwache , so kommt es mir manchmal vor , als hätte ich alles das , was ich später erlebte , nur geträumt . Ein Hauch aus jener berauschenden Zeit , da ich noch die gefeierte Gräfin Satewski war , weht mir hier aus jedem Raume entgegen und läßt mich auf Stunden vergessen , daß in der engen , schmutzigen preußischen Festung Pflichten meiner harren , an deren Erfüllung ich nur mit Widerwillen und Beängstigung denke . – Die Freiheit ist doch zu wundervoll , und ich bin noch so jung ! « Frau v. Bendeleben las mir diese Stelle vor und brach dann in Tränen aus . Es rührte mich , diese stolze Frau so elend zu sehen . » Es geht nicht länger « , erklärte sie , » Eberhardt muß ein Machtwort sprechen . Auf mich hört sie nicht mehr . Ich habe ihn schon öfter gebeten , sie ernstlich aufzufordern , endlich wiederzukommen ; er hat es nicht gewollt . › Was soll es , wenn sie gezwungen zurückkommt , Mamachen ? ‹ sagte er dann . › Freiwillig muß sie kommen . ‹ – Ach , ich glaube , wenn er darauf wartet , so kehrt sie gar nicht zurück . Er muß jetzt energisch darauf dringen , schon der Leute wegen . « Sie setzte sich eben an den Schreibtisch und ergriff die Feder . Ich nahm meine Arbeit , als der Baron eintrat , ein geöffnetes Schreiben in der Hand . » Ein Brief von Eberhardt , Klothilde « , sagte er und reichte seiner Frau das Blatt hin . » Er scheint jetzt die Geduld zu verlieren und hat Ruth aufgefordert , zurückzukommen . Er scheint dies sehr kühl und bestimmt getan zu haben . Aber nach meiner Ansicht verfehlt er damit den Zweck . Sie will doch nun einmal keinen Gebieter , sondern einen Untertan in ihrem Manne sehen . Er schreibt : Ich habe Ruth ersucht , zurückzukehren um ihres Kindes willen . Vielleicht besitzt die Mahnung an das Mutterherz noch die Gewalt über sie , welche die schwache Leidenschaft für ihren Gatten nicht mehr übt . « Frau v. Bendeleben seufzte : » Es ist gut , daß er überhaupt den Wunsch ausspricht , sie wieder zu haben . Ich wollte , ich wüßte erst , was daraus wird ! « Ruth kam wirklich zurück , aber diese Wiederkehr war beinahe beleidigender für ihren Gatten , als wäre sie gar nicht gekommen . Gleich nach den Weihnachtsfeiertagen traf sie ein , sie hatte das schöne Fest in ihrem Reisewagen zugebracht und es verschmäht , ihrem Kinde die Lichter am Tannenbaum anzuzünden und sich an seinem Lächeln zu erfreuen und das Jauchzen des Kleinen zu hören , wenn er verlangend die Ärmchen nach den bunten Herrlichkeiten ausstreckte . Sie hatte ihren Gatten allein gelassen an dem Abend , wo doch selbst das ärmste Tagelöhnerweib von ihrer harten Arbeit feiert und sich mit dem Manne des Jubels der Kinder freut unter dem dürftigen Weihnachtsbaum . Allein gelassen an dem Abend , wo er ihr vielleicht um des Kindes willen noch einmal herzlich und freundlich entgegengetreten wäre ! Ich war außer mir , als ich es von Frau v. Bendeleben vernahm . Sie hatte ja ebenfalls bestimmt darauf gerechnet , daß Ruth noch vor dem Feste zurückkehren würde . Ich weinte beinahe Tränen der tiefsten Empörung . Aber wer konnte hier helfen ? Es blieb ja doch alles , wie es war . Wieder war es Frühling geworden , und als ich eines Nachmittags in das Schloß trat , waren eben Herr und Frau v. Eberhardt angekommen . Es berührte mich nicht angenehm . Ich hatte zwar Eberhardt öfter wiedergesehen , doch schien er immer sichtlich bemüht , mir auszuweichen . Auch ich war verschiedene Male wieder nach Hause