, Muhme – ich konnte ja nicht anders . “ 16. Der folgende Tag brachte schlechtes Wetter ; es thaute , und die leuchtende Schneedecke war plötzlich verschwunden ; die nassen braunen Aeste streckten sich kahl gegen den grauen Himmel , und dazu stürmte und toste es an der Luft ; die Ellern am Mühlbach schwankten und bogen sich im Winde . Auf der Mühle herrschte eine gedrückte Stimmung ; die Mädchen in der Küche sprachen leise mit einander , und der Kutscher , der sich hinzu geschlichen , kratzte sich ein paar Mal mit vielsagender Miene hinter den Ohren . Aus der Wohnstube drang des Hausherrn Stimme bis hier herüber . Der junge Baron war da . Gestern war er schon einmal da gewesen , und Lieschen sah seit gestern so blaß aus wie der Kalk an der Wand . Da mußte Etwas nicht richtig sein ; das war ja sonnenklar , und die Muhme machte auch ein Gesicht wie der pure Essig – und nun gar der Herr ! Jetzt klappte die Thür der Wohnstube , und die Muhme schritt über den Flur die Treppe hinauf , wie Dörte bemerkte , die an dem Thürspalt lugte . „ Paß auf , Mine , unser Fräulein hat ’ s durchgesetzt , “ flüsterte sie , „ die Muhme holt sie herunter ; na – im Grunde , warum denn nicht ? Er ist ein hübscher Mann und ein Vornehmer , und gut waren sie sich ja schon , als er noch als Cadettentsoldat auf Urlaub kam . “ Peter fuhr wieder mit der Hand hinter die Ohren . „ Na , denn man zu ! “ meinte er , „ wenn ich der Herr wäre , ich sagte Nee ! von wegen der Alten auf dem Schlosse . “ „ Pst ! “ wisperte Dörte , „ wahrhaftig , sie kommt die Treppe herunter ; jetzt gehen sie in ’ s Wohnzimmer , Juchhe ! ein Verlobungsschmaus – das wird eine Lust . “ Im nächsten Moment stand sie aber schon wieder am Küchentisch bei ihren Tellern und Tassen , denn die Muhme näherte sich der Küche , und gleich darauf trat sie ein . Das alte Gesicht hatte einen sorgenvollen Zug , und die Augen sahen aus , als hätten sie recht inbrünstig geweint ; so dachten wenigstens die Mädchen . Sie stand wie in Gedanken verloren , dann hakte sie das Schlüsselbund von der Schürze und schritt zur Speisekammer . „ Gläser , Dörte ! “ befahl sie , als sie mit einigen Flaschen Wein wieder heraustrat , „ und binde Dir eine weiße Schürze vor , wenn Du sie hineinbringst ! “ Sie stellte die Flaschen auf den Küchentisch und ging , sich über die Augen wischend , wieder hinaus . „ Mein Gott ! “ rief das Mädchen , als sie aus der Wohnstube zurückkehrte und das leere Präsentirbrett heftig auf den Tisch setzte , „ das soll eine Verlobung sein ? Die ganze Gesellschaft macht ein Gesicht wie bei einem Leichenschmaus ; der Herr beißt sich auf die Lippen , als wollt ’ er sich das Weinen verjagen , die Frau weint , wie wenn das Liesel gestorben wär ’ , und die Muhme dazu ; der Herr Baron steht neben unserm Fräulein wie ein Stock , richtig wie ein Stock ; ich sah gerade , wie er ihr die Hand küßte , als ob nicht zu einer Verlobung ein richtiger ordentlicher [ 840 ] Kuß gehörte , und unser Liesel sieht aus – daß Gott erbarm , wenn das eine glückliche Braut sein soll ! “ Nach ungefähr einer halben Stunde schritt ein junges Brautpaar über die Schwelle des alten Hauses ; am Fenster stand die Muhme und schaute ihnen nach , und unter der Linde wandte sich ein blasses Gesichtchen noch einmal zurück zu den Fenstern ; es lag nichts von einem strahlenden süßen Glück darin , nichts von der verschämten knospenhaften Wonne einer jungen kindlichen Braut ; um den Mund spielte ein schmerzlicher herber Zug , und die Augen blickten unter den langen Wimpern hervor wie im tiefsten Weh . Der Bräutigam hatte ihren Arm genommen und in den seinen gelegt ; so schritten sie vorwärts , und der Schleier des Pelzmützchens , das die Braut trug , wirbelte im Winde hoch auf . Keines von Beiden sprach ein Wort . Da waren sie wieder an der alten Linde ; die Hand des jungen Mädchens zuckte leise , und eine dunkle Röthe flog einen Moment über ihr Gesicht . „ Du bist müde , Lieschen ? Ich ging zu rasch . “ „ O nein , aber ich – ich fürchte mich so vor Deiner Großmutter . “ Er biß sich auf die Lippen , aber blieb stumm ; war er doch selbst in keineswegs angenehmer Spannung , und er kannte seine Großmutter genug , um zu wissen , daß sie zu einer rücksichtslosen Handlung fähig sei . Wieder schritten sie vorwärts , und nun bogen sie in die Lindenallee ein ; der Wind heulte durch die lange Baumreihe und schlug die Aeste prasselnd zusammen ; das hohe Portal mit seinen alten Sandsteinbären schaute feucht und dunkel drein . Unwillkürlich schweiften Lieschen ’ s Augen über das Thor . „ Was heißt das ? “ fragte sie plötzlich und deutete auf den Wappenspruch . „ Nunquam retrorsum ! Niemals zurück ! “ erwiderte er . „ Das ist gut , “ sagte sie , tief Athem schöpfend ; dann beschleunigte sie ihren Schritt . Und nun standen sie vor dem Thurmpförtchen ; einen Augenblick kam es wie Schwäche über sie . „ Werde ich es ertragen wenn sie mich beleidigt ? “ fragte sie sich , und eine namenlose Angst vor der stolzen Großmutter quoll erstickend in ihrer Brust auf ; es war als müsse sich der Fuß wenden , als müsse sie noch fliehen , noch – ehe es zu spät war ; sie kam sich so hülflos vor ,