sie die Schwere der Erde nieder . Sie fuhr in die Stadt , um da Besorgungen zu erledigen . Als eine Wüste an Verlassenheit erschien ihr auf einmal das große Berlin , dessen Gleichgültigkeit sie zuerst so deckend und schirmend empfunden . Und was ihr an den Menschen , mit denen sie hier zu tun hatte , früher als beruhigende Sachlichkeit wohlgetan , empfand sie jetzt als Mangel an Wärme und an lebhaftem Gefühl . Und diese Restaurants , - wie hatten sie ihr nur anfangs gefallen können ? Sie wich den weiten Speisesälen mit den Plüschmöbeln aus und trat gegen Nachmittag , als es schon zu dämmern begann , in das kleine , schlecht ventilierte Lokal eines vegetarischen Speisehauses , das in einer breiten , vom Verkehr überfüllten Geschäftsstraße des alten Westens lag . Die Luft war hier muffig und dumpf , und es roch nach fetten Gemüsen . Außer ihr waren nur noch wenige Leute hier , einsam an ihren Tischen , wie sie . Ein altes , verwelktes Mädchen saß da , das schäbige Hütchen nach Männerart tief in die Stirn gedrückt , auf der kein Löckchen sich kräuselte , - wohl eine Lehrerin , da sie einen Stoß Hefte neben sich hatte ; dann eine alte Dame in Schwarz , die ganz vertieft war in die Lektüre eines theosophischen Blättchens , das hier aushing , und ein dürftig gekleideter junger Mensch , anscheinend ein Student , der eine Portion Gemüse mit Heißhunger verschlang und einen ganzen Korb voll Brot dazu aß . Die Lampe wurde schon angesteckt , als sie ihr Gericht erhielt . Sie aß und griff dann müde nach einer Zeitung , die neben ihr auf dem Stuhle lag . Das Feuilleton feierte einen Gedenktag , der dem amerikanischen Apostel , dem Dichter Walt Whitman galt . Sie las , worüber er geschrieben , und sie fand auch den Satz : » So du hundert Meter gehest ohne Liebe , gehst du in deinem eigenen Sterbehemd , zu deinem eigenen Begräbnis . « Da erschrak sie , - und das Blatt entglitt ihren erkalteten Fingern . - - - Eine Schreckensbotschaft rüttelte sie auf . Sie kam aus Wien , von Eva . Im Hause von Gustav Diamant , dem Professor und Krebsforscher , bereitete sich eine Katastrophe vor . Professor Diamant war nicht nur in bezug auf die Frühdiagnose und die Behandlung des Krebses zu neuen Methoden gelangt , sondern er trat auch als Verfechter der sogenannten parasitären Theorie auf . Er behauptete , im Widerspruch zu der großen Mehrheit seiner Kollegen , daß das Karzinom durch einen Parasiten hervorgebracht werde . Seit Jahren machte er Tierexperimente . Es war ihm gelungen , Krebsgeschwülste von einem Tier auf das andere , besonders bei Mäusen , zu übertragen . Die meisten Forscher betrachteten aber auch diesen Vorgang nicht als Infektion , sondern als Fortzüchtung , Transplantation . Das schlimmste aber war nicht die wissenschaftliche Ablehnung seiner Hypothese , - sondern die furchtbare Tatsache , daß er , Gustav , sich selbst krank fühlte , - - und den Verdacht eines Krebsleidens an sich selbst ausgesprochen hatte . » Er behauptet , « schrieb Eva , » mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen zu müssen , daß schmerzhafte Druckzustände im Kopf Symptome des schrecklichen Leidens wären und sieht in sich selbst ein Opfer seiner Untersuchungen und einen Beweis für seine Theorie . Er nimmt mit Bestimmtheit an , sich die Krankheit durch Infektion zugezogen zu haben . « Und sie schilderte die ergreifende Tragik seiner Haltung , berichtete , wie der Mann , der sich für todgeweiht hielt , sein Schicksal heroisch trug , in der Hoffnung , daß sein eigener » Fall « , wie er es kaltblütig nannte , das entscheidende Licht in die noch ungelöste Frage bringen und die Wissenschaft überzeugen werde . » Ich habe den Eindruck , « schrieb Eva , - » daß Gustav unter dem Bann eines Gedankens , der sich seiner mehr und mehr bemächtigt , sich zu einer furchtbaren Opferung vorbereitet . Er meint , - es überlief mich kalt , als er davon sprach , - daß gerade in dem Stadium , in dem die Krankheit , seiner Diagnose nach , sich bei ihm befindet , - die mikroskopische Untersuchung von Geschwulstteilen die volle Klarheit geben müsse . Er bedauerte « , schrieb sie , - » in seiner gewohnten kühlen , trockenen Art , daß der Sitz des Leidens nicht in der Bauchhöhle oder in der Niere sei , - denn diese könne man freilegen , und den Patienten dennoch retten , - sondern im Gehirn ... « Ein Schauer kroch unter Olgas Haar und hob es hoch . Sie stürzte ans Telephon , sie wollte Stanislaus rufen . Aber wie sollte sie das , da er telephonisch nicht erreichbar war ? Sofort mußte es geschehen , denn einer von ihnen mußte nach Wien . Sie entschloß sich , Werner anzurufen . Sie vergaß es in diesem Augenblick , vergaß es vollständig , wie sie zu ihm stand . Jetzt war er ihr nur der nächste , der Stanislaus , in dessen Nähe er wohnte , schnell holen konnte . Sie rief ihn an , in seinem Verlagsbureau . Als er ihre Stimme erkannte und sie sich nannte , antwortete er mit fremdem , eisigem Ton , durch den Furcht und Abwehr durchklangen . Aber als er ihre Gleichgültigkeit für ihn selbst aus dem Gespräch erfuhr , - in dem sie ihm kurz mitteilte , was man ihr aus Wien geschrieben und ihn bat , Stanislaus sofort aufzusuchen und zu ihr zu senden , - da wurde seine Stimme voll und warm , und er sprach zu ihr mit innerster Teilnahme , wie einer , der ihr ein Freund war . In einer Viertelstunde rief er sie an . Er berichtete , er sei soeben in Stanislaus ' Wohnung gewesen , aber er habe ihn nicht gefunden . Die Wirtin hatte ihm gesagt , Stanislaus hätte