niemals angeraten , vorsichtig zu sein , und er brachte es fertig , diesen jungen Mann ganz ehrlich zu fragen , warum er so plötzlich seine Besuche unterlassen habe . Vielleicht zog er sich durch dieses Benehmen gerechten Tadel zu ; vorerst aber verscheuchte er damit alle Verlegenheiten . Madame Sophie war gütig , Traudchen war fröhlich , und in Sylvester erwachte eine seltsame Kühnheit . Als man das Zeichen zur Polonäse gab , bot er dem jungen Mädchen furchtlos seinen Arm an und führte es sicher und männlich durch die Reihen der Gäste , daß sich der Kandidat Hufnagel höchlich darüber wunderte . Denn er selbst war erst nach manchen Fährlichkeiten von Merkle an die führende Stelle gebracht worden . An seinem Arme hing der eine von den rosafarbenen Engeln und reichte ihm kaum zum zweiten Knopfe seiner Weste . Anfänglich hatte das Mädchen versucht , ein Gespräch zu führen , aber seine Stimme drang nur schwach zu dieser Höhe hinauf . Und seine Mitteilungen klangen wehmütig und trostlos . Hufnagel hörte zuerst darauf und beugte seinen Oberkörper vor , als blicke er in einen Brunnen , aus dessen Tiefe jemand um Hilfe schrie . Er schickte seine Stimme hinunter zu dem armen Wesen und sagte ihm , daß der Boden glatt sei , und daß man sich vor dem Fallen hüten müsse . Nach diesen Warnungen schwieg er . Das Mädchen konnte nicht leugnen , daß sie berechtigt waren , denn als die Polonäse begann und Hufnagel mit seinen langen Beinen weite Spuren setzte und das Mädchen atemlos neben ihm herlief und den Arm immer höher strecken mußte , um den letzten Halt nicht zu verlieren , da hatte es oftmals die Füße in der Luft und dankte jedesmal dem lieben Gott , wenn es wieder festen Boden gewann . Aber was bedeutete das gegen die Schrecknisse des Walzers ? Gegen die Gefahren , als jetzt Hufnagel um die Jungfrau herumsprang ? Als seine Beine sich gebärdeten , als wären sie ganz für sich allein wahnsinnig geworden , während der Oberkörper immer steifer wurde ? Als seine Stiefel die wütendsten Angriffe gegen ihre kleinen Ballschuhe machten , auf sie lostraten , wo sie sich nur blicken ließen ? Was blieb ihr übrig , als angstvoll auf den Boden zu stieren und ihre Füßchen vor diesen rasenden Ungeheuern zu retten ? Sie konnte nicht fliehen , denn zwei derbe Hände hielten sie fest , sie konnte nicht schreien , denn die Musik verschlang ihre Stimme . Sie konnte nichts tun , als dulden und durch verzweifelte Sprünge ihre Zehen in Sicherheit bringen . Endlich war der Tanz zu Ende . Die feindlichen Beine machten noch einige Zuckungen und kamen langsam zur Ruhe . Und dann führte Hufnagel das zitternde Mädchen zu seiner Mutter und verbeugte sich vor ihm und lächelte ihm zu und sagte , er würde hoffentlich noch einmal die Ehre haben . Sylvester war glücklich . Aber das Glück machte ihn nicht gesprächig ; er ging schweigend neben seiner Tänzerin und freute sich , ihre kleine Hand auf seinem Arme zu fühlen . Einmal fanden sich ihre Augen , da wurden die zwei jungen Menschen rot . Und nach einer Weile sagte Sylvester : » Ich habe Sie seit dem Abend nur zweimal gesehen . « Traudchen lächelte . » Das letztemal auf dem Maximiliansplatz . « » Ja , ich wollte mir erlauben , Sie anzusprechen und mich nach Ihrem Befinden erkundigen . « » Warum haben Sie es nicht getan ? « » Ich war nicht allein , und Sie waren in Gesellschaft . « » Meine Freundin , die Käthl Hauck . Sie ist heute auch da ; Sie müssen mit ihr tanzen . « » Gerne . « » Können Sie jetzt tanzen ? Sie haben mir früher erzählt , daß Sie nie dazu kamen . « » Ich habe es jetzt gelernt . « » Mama war , glaube ich , überrascht , daß Sie auf dem Ball sind . « - » Sie auch ? « Traudchen errötete leicht , und dann lachte sie fröhlich . » Ich habe gewußt , daß Sie kommen . « » Wer hat es Ihnen gesagt ? « » Die Käthl Hauck , und die hat es von Herrn Hufnagel gehört oder von seiner Schwester . Das ist das ganze Geheimnis . Aber jetzt kommt der Walzer . « Sylvester machte sein Kompliment nach der Vorschrift des Herrn Merkle und nahm das frische Mädel um die Mitte . Und schwenkte es tapfer im Reigen . Nach dem Tanze führte er Traudel zu den Eltern , plauderte mit ihnen , ließ sich dem Fräulein Hauck vorstellen und benahm sich mit einer so fröhlichen Sicherheit , daß der alte Schratt ihn vergnügt betrachtete . Auch Madame Sporner sah ihn prüfend an . Dieser junge Mann hatte sich verändert ; nicht zu seinem Nachteile , das mußte sie gestehen , aber sein Wesen bestärkte sie in einer Vermutung . Manche flüchtige Bemerkung des alten Schratt war ihr aufgefallen ; sie hatte nicht bloß das warme Interesse für Sylvester herausgehört , auch eine bestimmte Absicht . Es war so , als wollte er andeuten , daß ein Kandidat der Theologie nicht immer Pfarrer werde . Die Bemerkungen waren in scherzhaftem Tone gemacht , so nebenbei und unauffällig . Aber Madame Sporner hatte gute Ohren . Michael Sporner nicht . Michael Sporner war ahnungslos und schwor , daß keine Klatscherei von bissigen alten Jungfern ihn abhalten könne , brave musikalische Jünglinge zu bewirten . Und draußen im Saale ging der Ball weiter . Merkle sah mit Zufriedenheit , daß der Ton lebhafter wurde . Die jungen Herren suchten nicht mehr mit schmerzverzerrten Gesichtern nach Unterhaltungsstoffen ; die Mädchen zeigten nicht mehr die Mienen , welche sie für Kondolenzbesuche gelernt hatten ; sie waren dankbar für jedes scherzhafte Wort und belohnten es mit hellem Gelächter . Sylvester war mitten im Strudel und holte sich von allen Seiten Anerkennung und Lob .