Erfahrung ; und indem sie bei der Schwärmerei verharren , werden sie am Ende aus ursprünglich guten und edeln Menschen zu Narren und Verbrechern , denn weil sie darin beharren , das Gesetz für unrechtmäßig zu halten und allein ihrer Sittlichkeit folgen wollen , verwechseln sie mit der Zeit die Sittlichkeit mit ihren Trieben , weil ja die Menschen bei zunehmenden Jahren immer selbstsüchtiger werden ; außerdem aber gibt es schon von Anfang an unter euch Verbesserern der Welt schlechte Menschen , nämlich solche , bei denen nicht das sittliche Ideal und der Mangel an Erfahrung der Grund ihres Abscheus gegen das Bestehende ist , sondern ein Mangel an Zucht und leerer Hochmut . In deinem Falle , mein lieber Hans , kommt noch dazu , daß wir heute in einer Zeit leben , wo ein jugendlicher Stand , nämlich die Klasse der industriellen Arbeiter , die erst vor kurzem durch die gesellschaftliche Entwicklung geschaffen ist , die ihm historisch gebührende Stelle erstrebt , welche um einiges wenige höher ist wie die , welche er gegenwärtig inne hat . So vereinigt er mit diesem Streben alle die jugendlichen Anschauungen von Gleichheit der Menschen , von erhöhter Sittlichkeit in allen Beziehungen und noch viele andere , die du ja kennst . Und wende mir nicht eure merkwürdige geschichtliche Auffassung und eure Entwicklungsvorstellungen ein : denn auch die sind nur eine jugendliche Illusion neben andern , besonders bezeichnend für unser braves , nachdenkendes und vielstudierendes deutsches Volk . Wenn erst die Verfolgung aufhört , so wird mit der Zeit auch die Illusion schwinden , wenn auch die Terminologie noch beibehalten werden mag . « Inzwischen bereiteten sich für Karl neue Liebesbande vor . Unvergessen war noch in seiner Seele die Leidenschaft für Johanna , die ihm die Jahre seiner angehenden Jünglingszeit verzehrt hatte , und es war nicht selten , daß ihm ihr eindringliches Gesicht des Nachts in verwirrten Träumen erschien , die wohl keine Erinnerung zurückließen , aber eine dunkle Sehnsucht und ein unbestimmtes Fühlen in der Helle des Tages erzeugten . Nun kam Johanna in diesen Zeiten nach Berlin und hatte bald , wie denn die Welt ja so klein ist , Beziehungen zu dem Kreise Karls gefunden , so daß sie ihm unerwartet entgegentrat . Das geschah aber so . In ihre kleine Stadt war ein Fremder eingezogen , ein etwa fünfzigjähriger Herr , der ein berühmter Geigenkünstler gewesen ; der hatte sich ein altertümliches Haus am Bergabhang gekauft , dessen großer Garten mit weitschattenden hohen Bäumen sich den Berg hinaufzog . Die alte Mauer um den Garten wurde durch ein eisernes Staket erhöht , an dem sich im zweiten Jahre Ranken des wilden Weins zeigten , die in Bälde so dicht und hoch wuchsen , daß niemand von irgend einem Punkte draußen in den weiten und schattigen Garten blicken konnte , und das Haus wurde fest verschlossen und nur auf langes Pochen mit dem alten Türklopfer den Boten und Geschäftsleuten geöffnet ; denn ein Besuch kam niemals an diese hohe und finstere Tür ; und als einzige Bedienung hatte der Herr ein altes Weib nebst deren gleichfalls nicht mehr jungen Tochter , die beide abenteuerliche Gerüchte über ihn in dem neugierigen Städtchen verbreiteten . Der Künstler hatte ein langjähriges Virtuosenleben geführt , war an Höfen und in Großstädten herumgereist , zuerst mit Übermut und Stolz , nachher in Langeweile und Ekel , und wie er alle Künstlereitelkeit bis auf das letzte befriedigt hatte und der Geschmack auf der Zunge ihm immer bitterer wurde , war ihm der Gedanke gekommen , sich an diesen stillen Ort zurückzuziehen und ganz nur sich selbst zu leben , denn in seinen zerstreuten und verwirrten Umständen zwischen vielen Menschen , die alle leer waren und ihm schmeichelten , war er auf den Gedanken gekommen , er sei ein Selbst , und es sei wichtig und sogar nötig , daß er dieses Selbst in Sammlung und Ruhe rein und groß aus sich herausstelle . Indessen vergingen ihm in dem alten Hause und stillen Garten die Tage und Wochen ; und zuerst hatte er gedacht , dieses müßige Dahingleiten der Zeit sei für das Nächste nötig , damit sich sein Geist erhole von dem zerreißenden Leben , das er geführt . Aber auch späterhin wartete er vergeblich auf eine Sammlung und Zunehmen der Kraft , vielmehr glitten die Tage und Wochen wie vorher dahin , wie in einem tiefen Flusse , schnell und ohne Halt , und auch seine Unruhe vermochte dieses Unheimliche nicht zu hemmen . Und während er vorher gedacht hatte , er könne keine Liebe zur Kunst in sich bilden , weil er nach der Willkür des Zufalls fremden Leuten an verschiedenen und gleichgültigen Orten äußerliche Musik vorspielen müsse , so zeigte es sich nun , daß er in der Einsamkeit gar nicht den Bogen anrühren mochte und es ihm ein heftiges Unbehagen bereitete , wenn er seinen kostbar eingelegten Geigenkasten ansah . Unterdessen hatten sich aus den Erzählungen der beiden Weiber in dem Städtchen viele Legenden um ihn gebildet , von denen er nichts ahnte ; denn er war als ein hochgewachsener und schlanker Mann von künstlermäßigem Aussehen ganz zu einem Helden phantastischer Bilder geschaffen . Auf Johanna , die damals gegen ihr neunzehntes Jahr ging , hatten diese Geschichten und der Anblick seiner Gestalt einen sehr tiefen Eindruck gemacht , so daß sie eine heftige Liebe zu ihm faßte und auf Mittel sann , wie sie sich mit ihm bekannt machen könne . Und am Ende fand sie eines , das freilich sehr gefährlicher Art war , aber dadurch gerade ihrem erregten Gemüt besonders zusagte . Der Fremde hielt sich nämlich zwar von aller Gesellschaft des Städtchens zurück , aber im Winter , wo auf dem großen See eine prächtige Schlittschuhbahn war , verschmähte er es nicht , sich auf dem Eise zu zeigen , denn er war von Jugend an ein eifriger Läufer gewesen ; und zwar ging er immer des Morgens auf die Eisbahn , wenn die andern