Sie , was diese Deutschen machen ! ( Den Unterschied zwischen Deutschen und Schweizern beachtete er niemals ! ) Wir in Rußland sehen so etwas nicht , nie in der Welt . « So gerecht und menschlich gut er sonst dachte - über seine Vorurteile konnte auch er nicht hinaus . Und wenn ihre flehenden Gedanken sich zu Hovannessian wendeten , dann , ja auch dann überkam sie Beschämung . Wäre er noch hier gewesen - auch ihm hätte sie ihre Wunden nicht entblößen können , das fühlte sie . Ihre Wunden , ihre eigenen Wunden , denn was der unglückliche Georges auch verbrach - sie trennte sein Tun nicht von dem ihren . Es schien ihr , als hätte der Mann , den sie anbetete , den sie so hoch über sich fühlte , sie mit verachten müssen für diese schmählichen Sudeleien gegen die Frauen . Dieser Georges , den sie einmal gewählt , den sie einmal geliebt - er zeugte gegen sie , so schien es ihr . So schwach war ihre Seele , so wenig Einfluß verstand sie zu üben , so wenig Achtung zu erzwingen , so wenig Liebe zu säen und zu ernten ! Und sehnsüchtig und gierig trank sie den seltenen Dank ihrer Kranken , denen sie geholfen , freute sich jedes freundlichen Lächelns einer Patientin , drückte wieder und wieder die Hand , die ihre gedrückt . Georges hat mich nie gekannt und wird mich niemals kennen , dachte sie , Hermann fürchtet mich und hintergeht mich , für mein Rösli selbst bin ich unverständlich - aber die Kranken , die ich behandele - die kennen mich ! Und es scheint ihr , daß diese fremden Mädchen und Frauen , die in ihre Sprechstunde kommen , sofort Vertrauen zu ihr gewinnen , daß sie ihr weder ihre Ängste noch ihre Verirrungen verbergen , daß sie ihre Tränen und ihre Hoffnungen vor ihr zeigen , und daß sie hier , hier unter den Leidenden Verständnis findet für ihre Hingebung , für ihre Bereitschaft , für die Liebe , die ihr Lebenselement ist . Und es mehren sich die Augenblicke , wo sie sogar die Überzeugung fühlt , etwas Gutes , Nützliches , bisher von keiner anderen Hand Geleistetes oder zu Leistendes zu vollbringen . Diese Mädchen und Frauen , die zu ihr , der Geschlechtsgenossin , kommen mit ihrem Vertrauen , früher und unbefangener als zu dem Geschlechtsfremden , vor dem die natürliche Schamhaftigkeit jede Unverdorbene zurückbeben läßt - die sie von Anfangsleiden heilt durch sorgsame und leichte Eingriffe und so vor drohendem Siechtum bewahrt , das der Vernachlässigung folgt , - die sie durch schwesterliche Ratschläge - Weib zum Weibe - stützt , leitet , anfeuert , erhebt , mit dem Gefühl ihrer Menschenwürde und ihrer hohen Verantwortung erfüllt - darf sie sich nicht sagen : diesen habe ich Gutes erwiesen ? Und vielleicht nicht ihnen allein , vielleicht auch ihren Kindern ! Vielleicht wird hier etwas von mir bleiben , eine leichte und doch unverwischbare Spur meines Lebens , meines Einflusses , und nicht ganz , nicht ganz werde ich verschwinden , wenn ich verschwinde ... Und mit Inbrunst und bis zu völliger Erschöpfung gab sie sich ihrem ärztlichen Berufe hin , in dem sie ein neues Leben gefunden für das alte , aufkeimend zwischen den Trümmern ihres persönlichen Glückes und stark und grün überwölbend , was Schutt und Staub geworden war ... Aber nicht immer rauscht der grüne , dornige , herb duftige Baum über ihr - das Nagen und Bohren in ihrer Seele schweigt nicht immer . Allen Ernstes : es ist eine Schande , daß unter ihrem , ihrem Dache Schmähschriften gegen die Frauen geschrieben und in die Welt geschickt werden . Darf sie das dulden ? Darf sie , deren leidenschaftlicher Wunsch , deren zielvolle Tätigkeit dahin geht , ihre Schwestern zu heben , darf sie - kann sie mit ansehen , daß aus unlauterer Quelle ein Schlammstrom quillt , bereit , alles zu besudeln , was bunt und blühend feste Quadern , zeitgefügte Mauern zersprengt hat und dem Licht entgegentastet mit verlangenden Organen ? Was tun ? Josefine schreibt an Georges : Ich bitte dich dringend , diese für dich selbst erniedrigenden und mich beschimpfenden Artikel abzubrechen . Sie schreibt das und zerreißt das Blatt . Warum ? Nun , vor ihr steht sein hohnlachendes Gesicht und sie weiß : er wird versprechen und nicht halten . Das Gegenteil wird er tun von dem , was er versprochen . Sie schreibt an die Redaktion der Zeitung , die Georges ' Aufsätze veröffentlichte : Mein Herr ! Diese Aufsätze werden nicht fortgesetzt . Der Verfasser ist ein geistig anormaler Mensch ; er bedauert selbst , daß seine Schrift an die Öffentlichkeit gelangt ist . Sie liest , was sie geschrieben , und wieder zerreißt sie das Blatt . Warum ? Ach , vor ihr windet sich der Unglückliche , von allen Bitterkeiten Trunkene , und ihr Fuß bebt , der ihn nun ganz vernichten will . Geistig anormal - die Menschen halten es für schimpflich , geistig anormal zu sein . Man darf sie schlecht , cynisch , frivol , hyperegoistisch heißen - nur nicht geisteskrank ! Wer geisteskrank ist , der ist tot . Muß sie ihn töten ? Sie schreibt an Georges : Ich verbiete dir die Fortsetzung der » Gelehrten Weiber « . Sie zerreißt den Zettel . Nein , Kerkermeister kann sie nicht sein ! Zensor sein ist ihr verhaßt . Und dieser Armselige ! Aber ein gemeingefährliches Unkraut wuchern lassen ? Dumme Vorurteile in Handweite haben und sie nicht ausraufen ? Ist das konsequent ? Ist das durch irgend welche Rücksicht zu verteidigen ? Mit Liebe hegt man jedes gute Samenkorn , und hier , wo Gift gestreut wird aus vollen Händen , soll man nichts tun , die Unheilshände aufzuhalten ? Der Gedanke an Hermann , an seine ungezügelte Schadenfreude über die Schmähungen gegen die strebenden Frauen machte sie endlich fest .