zu denken « , sagte ich , den Bahnhof erreichend . Es ging grade ein früher Vergnügungszug südwärts durch , und es wimmelte von lustigen Fahrgästen mit grünen Zweigen an den Hüten , Liederbüchern in den Taschen , Futterkobern und -körben und allem , was sonst zu solchem beschwerdenschwangern Ausflug aus dem Alltage heraus gehört : ich hätte in kein richtigeres Getümmel für meine Stimmung hineingeraten können . So war die Welt ! Mit einiger Mühe gelangte ich in den nach dem Norden abgehenden Zug ; aber es war keine unliebe Mühe , und ein Kind habe ich dabei nicht über den Haufen gerannt , auch keinem Weibe durch einen übereiligen Ellbogenstoß den Ausruf » O mein Gott ! « entlockt . Aber mich fest hinsetzend in , gottlob , der Wagenecke , seufzte ich : » So , Stopfkuchen ! « ... und fügte erst nach einer Weile hinzu : » Ja , im Grunde läuft es doch auf ein und dasselbe hinaus , ob man unter der Hecke liegenbleibt und das Abenteuer der Welt an sich herankommen läßt oder ob man sich von seinem guten Freunde Fritz Störzer und dessen altem Levaillant und Johann Reinhold Forster hinausschicken läßt , um es draußen auf den Wassern und in den Wüsten aufzusuchen ! « Ein schriller Pfiff , ein Zischen , ein Schnaufen und Schnauben , ein immer beschleunigteres Atemholen und Ächzen , und die Heimatstadt mit allem geistigen und körperlichen eisernen Bestand des Menschen , mit Lebendem und Totem , mit Vater und Mutter , Onkel und Tante , mit Freunden , Schulmeistern , guten und bösen Kneipgesellen , mit Kirche und Markt lag wieder hinter mir . Und der Brummersumm , der Goldene Arm und die Heiligen Drei Könige und - Stopfkuchen auch . Nein , der letztere doch nicht . Dafür zog sich doch mein ganzer Aufenthalt in der Heimat jetzt zu sehr um seine dicke Person zusammen seit dem gestrigen Tage . Sie konnten auch daheim , ohne sich unter ihren Hecken wegzurühren , was erleben und es in wundervoll erleuchteter , in lichter Seele zum Austrag bringen . Die Menschheit hatte immer noch die Macht , sich aus dem Fett , der Ruhe , der Stille heraus dem sehnigsten , hageren , fahrigen Kouquistadorentum gegenüber zur Geltung zu bringen . Heinrich Schaumann , genannt Stopfkuchen , hatte dieses mir gegenüber gründlich besorgt . Ich fuhr wahrlich nicht ab und vorbei , ohne nach seiner Schanze auszusehen von meinem Eilzuge . Anderthalb Eisenbahnminuten von der Stadt führte ja die Bahn unter der Roten Schanze hin , und man hatte einen Augenblick lang einen recht guten Überblick über den Kriegsmaulwurfshaufen Seiner Hoheit des Herrn Grafen von der Lausitz , Prinz Xaver von Sachsen . Wallböschung , Baumwuchs und Hausdach hoben sich scharf und klar ab vom blauen Sommermorgenhimmel , und mit schärfster , wunderlich wehmütiger und vergnüglicher Aufmerksamkeit wartete ich auf das Vorbeifliegen und das Abschiednehmen im Vorbeifliegen . Und ich erfaßte alles nach Wunsch genau . Es waren nur zwei helle Pünktchen , aber sie waren da in der sonnenhellen , grüngoldnen Heimatslandschaft . Er stand auf seinem Wall in seinem Sommerschlafrock und hatte sein Tinchen bei sich - ebenso sicher wie seine lange Philisterpfeife . Sicherlich auch hatte seine Frau ihren Arm in den seinigen geschoben , und wenn sie nun endlich auch wußte , wer Kienbaum totgeschlagen habe , so wartete sie doch im vollen Verlaß auf ihren Heinrich das Anspülen jener Welt draußen ab , die gestern abend ebenfalls erfahren hatte , wer Kienbaum totgeschlagen habe . Sie genossen trotz allem , was ihnen aus der letztern Tatsache aufwuchs , den schönen Morgen . Es lagen da jetzt zwei , die man vordem hatte abseits liegenlassen , unter der Hecke und blieben nun ruhig liegen , was auch die Welt , die Welt da draußen , zu ihrer unbegreiflichen Indolenz sagen mochte . O dieser Stopfkuchen ! Hätte er eine Ahnung davon gehabt , daß sein » guter Freund Eduard « da unten an ihm vorbeifahre , so würde er sicherlich seine Pfeife in die Luft erhoben und seine Hauskappe geschwenkt haben . Und dann würde auch Frau Valentine Stopfkuchen , geborene Quakatz , ihr Taschentuch haben wehen lassen . Die aber würde vielleicht dazu gesagt haben : » Das ist doch aber eigentlich unbegreiflich von ihm ! « Was mein dicker Freund Heinrich Schaumann anderes als » Hm ! « hätte erwidern können , kann ich nicht sagen . Vorbei die Rote Schanze ! Aber doch ein Glück diese Sicherheit , daß sie ruhig liegenblieb , wo sie lag und wie sie lag , daß ich sie , wie sie war , im Gedächtnis behalten konnte : als einen sonnenbeleuchteten Punkt im schönsten Heimatsgrün . Schon ersuchte mein Wagengegenüber mich höflichst , des Zuges wegen doch lieber das Fenster auf dieser Seite zu schließen , da der Wind von der Seite komme und das entgegengesetzte offenstehe . Da auch die Sonne als Hitzespenderin in das betreffende Fenster schien , kam ich gern dem Wunsch der Dame nach . Ich zog die Scheibe herauf und die blauen Vorhänge zusammen , und ich kann es nicht leugnen , daß mir die blaue Dämmerung ganz wohl tat nach dem kurz-scharf-angestrengten Ausschauen in den scharf hellen Morgen hinein mit seinem blendenden Gelb und Grün und den beiden winzigen Figürchen auf dem Walle der Roten Schanze - nach dem letzten Ausgucken nach dem guten dicken Freunde und der lieben , guten Freundin Valentine Schaumann in der Jugendheimat ! So etwas von Kohlenstaub aus der Lokomotive war mir so schon ins rechte Auge geweht . Aber noch etwas will ich nicht leugnen : nämlich , daß mich das blaue Licht oder die lichtblaue Dämmerung , in der ich bei der Abfahrt von der Heimat die Augen schloß , um mich erst wieder an die rechte Beleuchtung zu gewöhnen , trotz dieser Gewöhnung dennoch bis Hamburg , bis auf das Schiff - bis in diese Stunde begleitet hat .