Brief kommen . Die junge Frau las die teure Botschaft in Fannys Gegenwart , und diese beobachtete schweigend die dunkle Glut höchster Erregung , die in Adriennens Gesicht beim Lesen stieg . » Mein geliebtes Weib , « schrieb der Kapitän , » Du wirst bis jetzt drei Briefe von mir empfangen haben . Ich schrieb sie alle voll von Liebe und Sehnsucht nach Dir und unserem süßen Knaben . Aber sieh , seit kurzem faßt mich oft ein seltsames Bangen . Habe ich für diese Liebe denn auch so deutliche Worte gefunden , daß sie Dir offenbar ward ? Habe ich nicht damals , als wir noch zusammen sein konnten , auch gefehlt , indem ich zu sehr in mich verschloß , was doch mein ganzes Wesen füllte ? Ich forderte von Dir , Du solltest meine Art vertrauend verstehen , aber um das zu fordern , hätte ich erst in Deiner Sprache mit Dir reden sollen , begreifen müssen , daß das Herz eines jungen Weibes reichlicher und ausführlicher der Neigung des Gatten versichert sein will . Wie mir diese Erkenntnis so kam ? Du erwartest vielleicht , daß ich Dir irgend ein romantisches oder gefahrvolles Erlebnis berichte , das an meiner Seele also rüttelte . Nichts dergleichen ! Du weißt , es liegt nicht in meiner Natur , äußere Vorgänge auf mich einwirken zu lassen , es muß sich alles von innen heraus mir entwickeln und sich mir aus meiner Erkenntnis als Wahrheit aufdrängen . So wuchs mir auch aus dem Kern des unbefriedigten Wunsches , nur einmal Dein rötliches Haar und Dein liebes blasses Gesicht zu sehen , mit tausend Zweigen die fortrankende Sehnsucht hervor . Und dann kam der Gedanke , ob Dir eine schmerzlich-liebe Ahnung wohl von meinem Sehnen etwas sage . Unser Abschied fiel mir ein . Jede herbe , sonnenlose Stunde ward wach , die wir schon erlebt . Nein - ich fühlte , meine Sehnsucht konntest Du nicht erraten , denn Du glaubtest nicht an meine Liebe . So wuchs es weiter . Einmal sagte ich mir : Der Prediger auf der Kanzel wird nicht müde , den Glauben zu verkünden ; der Lehrer in der Schule hat die nimmerlästige Geduld , Unwissende zu belehren ; tausendfältig müssen wir in unserem Beruf oder in unseren Verpflichtungen als Mitglieder der menschlichen Gesellschaft gleichgiltige Dinge wieder und wieder sagen , und ich war zu stolz , Dir das Wichtigste , das Heiligste so lange zu wiederholen , bis Du es glaubtest ? ! Mein Weib - ich liebe Dich ; und wenn ich erst bei Dir bin , werden auch meine Lippen die rechten Worte finden , es Dir zu verkünden . Früher , als wir scheidend dachten , kehre ich heim . Im Frühling wird die Besatzung abgelöst . In den beifolgenden Tagebuchblättern findest Du alles Wissenswerte über unsern hiesigen Aufenthalt ; sie sind zum Mitteilen für Fanny Förster und meinen Joachim bestimmt , den ich mit Freuden bei euch weiß . Mein kleiner Joachim kann noch nichts von mir empfangen , weder Mitteilung noch Gruß ; aber Du , mein Weib , Du drücke ihn an Dein Herz und liebe ihn doppelt . Meine Adrienne - wirst Du mir glauben , mich verstehen ? Noch einmal sage ich Dir : Ich liebe Dich . « Dieses Blatt kam aus Sansibar und trug das Datum des 27. September . Es war an demselben Tag geschrieben , an welchem damals Adrienne ihren leidenschaftlichen Brief mit dem Ruf der Liebe und Reue an ihn gerichtet hatte , und dieser Brief mochte auch gerade in diesen Tagen in seine Hände gekommen sein . Weinend wiederholte Adrienne die Weisung ihres Gatten , das Kind an ihr Herz zu drücken , und Fanny hatte alle Mühe , sie zu beruhigen . Der Kummer und die Thränen der jungen Frau ängstigten Fanny aber nicht , es war eine gesunde und natürliche Art , den Gram zu äußern . Und unter den Thränen sah Fanny schon die Morgenröte eines künftigen , wirklichen und dauernden Glücks für Adrienne und Arnold von Herebrecht . Fünfzehntes Kapitel » Wenn Sie mich noch haben wollen , « sagte Graf Taiß am Tage nach dem Begräbnis des Kindes , » so bleibe ich noch . Um die Wahrheit zu sagen : Lanzenau macht mir den Eindruck eines Menschen , der nicht alle seine fünf Sinne richtig beisammen hat . Ich kann kein Gespräch vernünftig mehr mit ihm zu Ende führen , er ist wie ein Berauschter , der keinen logischen Gedankengang hat , sondern irgend einer thörichten Idee nachbrütet . « » Wir wollen nach dem Arzt schicken , « sprach Fanny erschreckt , » wenn Lanzenau nur keinen Schlaganfall oder dergleichen bekommt . « » Bewegung im Freien möchte ihm besser sein als alle Medizin . Wie wäre es , wenn wir einen kleinen Streifzug unternähmen , um für unsern Tisch einen Rehrücken zu erjagen ? « schlug der Graf vor , der aus der eigenen Lust an der Jagd die Meinung faßte , es müsse für jedermann die beste Erholung sein . » Wir können Lanzenau ja fragen , doch bezweifle ich bei seiner Anlage zur Ischias , daß er zustimmt , « meinte sie bedenklich . » Ich bitte Sie - bei dem herrlichen Jagdwetter ! « Das herrliche Jagdwetter war ein nebelgrauer Tag , an dem weder Wind noch Sonne die dichten Dunstschleier zwischen den Bäumen zerstreute , die am frühen Morgen im Rauhreif standen und ihren Schmuck zusehends verstärkten . Zu Fannys Erstaunen ergriff Lanzenau den Vorschlag mit Hast . Es war selbstverständlich , daß Joachim bei der Partie sein mußte , und zu Taiß ' unendlicher Befriedigung zogen die drei im winterlichen Jägerschmuck eine Stunde später waldwärts . Fanny sah ihnen lächelnd nach und dachte , daß weniger die Sorge um Lanzenau den Grafen zum Bleiben bewogen als die Unmöglichkeit , eine so gute Jagd ungejagt zu lassen . Auch beruhigte sie der Umstand sehr , daß Lanzenau