die studirt sanfte verschleierte Mollstimme , das unnennbare Weltleid dazu gerechnet , ergaben ihm das Resultat : Zu allem fähig . » Also ich komme nicht weiter mit . Adieu ! « rief der ideale Schmerzenreich . » Wenn wir uns nicht wiedersehn sollten , wünsch ' ich Ihnen ein besseres Loos , als das meine auf diesem Hundeerdeball . Ich habe keine Empfindung mehr . Verzeihen Sie also , wenn ich Ihr freundschaftliches Liebeswerben « Rother runzelte die Stirn , » nicht immer gleich warm erwidern konnte . Ich schleppe mein Martyrium weiter auf meiner Dornenbahn . Ja , hätte man in andere Lebenskreise meine strebende Jugend gestellt ! In alle Höhen und Tiefen wäre mein bescheidener Geist gedrungen . Doch - Arma parata fero ! Durch Nacht zum Licht ! Wir stehen im sausenden Kampfe der Zeit , eine Welt in Waffen wider uns ! O selig , Blutzeuge des Lichtes zu sein ! So mein Urtheil über die Welt . Ich habe mich Ihnen heut ganz erschlossen . Uebrigens dürfte demnächst mein Tagebuch erscheinen : Aufzeichnungen eines verrückten Musikers , natürlich pseudonym . Darin werden Sie schreckliche Dinge aus meiner Vergangenheit finden . Ich sage Ihnen ... « er machte dabei eine Handbewegung , indem er die Stimme dämpfte , als vertraue er einem Geheimbündler schaurige Staatsgeheimnisse an . » Hier finden Sie den Schlüssel zum Verständniß meiner Irrsal . Ja , wäre ich als Lord geboren wie der selige Byron ! Aber so ! Leben Sie wohl ! Falls ich nicht in einer Kaltwasserheilanstalt meine Gemüthskrankheit heilen muß , bitte ich alle Briefe nach Venedig zu adressiren , wohin ich im Frühjahr reise . Nachher mache ich wohl mit meiner Tante eine Tournée durch alle Badeorte Deutschlands , um meine Prachtausgabe zu verbreiten und mich als Sänger probeweise hören zu lassen . Man sagt mir , Niemann werde alt ; ich dürfte wohl an seine Stelle treten . « So phantasirte der eisige Egoist in seiner brennenden Eigenliebe drauf los ; seinen Freund hatte er längst vergessen . » Doch was für eine Zugluft hier ! « Er hielt sich das Taschentuch vor den Mund . » Meine Stimme , meine Stimme ! Ich muß sie schonen . Also glückliche Reise , lieber Freund ! « Der unheimliche Jüngling stolzirte mit langen Beinen in die Nacht hinein . Rother lachte bitter - jenes messerscharfe Lachen , das wie ein Dolch in die Seele sticht und schärfer brennt als Thränen . Die Menschenwüste dehnte sich vor ihm hin - öde , öde , öde . Am andern Vormittag , als er eben seinen Koffer in die Droschke steckte , die ihn zum Lehrter Bahnhof trug , erhielt er noch ein parfümirtes Billetdoux von Henry Francis Annesley , in eigenthümlich gemessenem Stil : » Hochgeehrter Herr , Bei unserm gestrigen Beisammensein entschlüpften mir allerlei Andeutungen betreffs eines Büchleins , das pseudonym in Leipzig soeben erschien . Ich erlaubte mir , verzeihen Sie , eine kleine Mystifikation . Das Büchlein ist nicht von mir , sondern von einem Studienfreunde aus der hiesigen Musikalischen Hochschule ( Conservatorium ) . - Ergebenst grüßt Ihro Genie Gnaden der Adonis und Schmerzens-Lazarus Henry Francis Annesley . P.S. Vielleicht interessirt es Sie zu vernehmen , daß ich im Laufe nächsten Frühjahrs ein Concert im Leipziger Gewandhaus veranstalten werde . Sie erwähnen das wohl gelegentlich in Ihren etwaigen Privat-Correspondenzen nach Deutschland . Auch darf ich wohl darauf rechnen , daß Sie , falls Sie von London über dortige Gallerieen an eine Kunstzeitung correspondiren , auch meiner Wenigkeit irgend wie dabei gedenken werden . Sie wissen , wie dankbar ich Ihnen bin . P.P.S. Anbei eine soeben erschienene Recension über das oben erwähnte Büchlein . « Dieser Zeitungsausschnitt lautete : Tagebuch eines verrückten Musikers von F.H. Hummerscheere . Obschon ein literarisches Erstlingswerk , athmet es die Reife des Genies . Hier wird die erbliche Nervenkrankheit oder » Paranoia « mit wunderbar pathologischem Realismus zergliedert . Herrlich sind die Streiflichter , welche auf den großen unglücklichen Monarchen Ludwig II. fallen , den Hummerscheere so schön anredet : » Du warst ein Kind und ein Genie . « Hummerscheere ist auch ein Meister der Satire ; das beweist die drollige Figur des liebeskranken Malers Emil Knothe . Harold Theopol Mokamaute . Rother zerriß das Gewäsch mit einer Miene des Ekels . Das war selbst seiner Sentimentalität zu viel . - Den Sinn des Unbegreiflichen verstand er freilich erst später , als ihm das » Tagebuch « vor Augen kam und er in dem Maler Emil Knothe lauter Aeußerungen und Züge von sich selbst wieder erkannte , die ihm der liebe Wunderknabe während ihrer Intimität abgelauscht . Was interessirte ihn überhaupt jetzt das Alles ! Auf nach London ! Leonhart bummelte langsam fürbaß . Der Gedankengang , den er damals in der Kneipe abgebrochen , setzte sich unabgerissen wieder fort : Er dachte an das Leben Napoleons . Wie oft verschmilzt sich erotische Leidenschaft mit dem politischen Schicksal , wie oft bestimmt ein Weib durch den verliebten großen Mann die Geschicke der Welt ! Es wäre ein tragikomischer Spaß , die Briefe des eifersüchtigen Siegers von Italien an die Citoyenne Bonaparte neben die Eifersuchtsbriefe der Kaiserin Josefine an den Sieger von Austerlitz und Jena , der ihr verbot mit ihm ins Feld zu reisen , um erotisch frei zu sein - kurz , die Zeugnisse eines durch physiologisch-psychologische Processe genau umgestülpten Liebesverhältnisses nebeneinander zu drucken . O Mann , o Weib ! Dies Weib , das er für sein Schicksal , für sein Spieler-Glück hielt - verstieß er , um die Tochter der Habsburger an seine Seite zu fesseln , mit welcher ihn Schritt für Schritt Fortuna verließ , so wie die Elende ihn selbst verlassen hat . Was er als Opfer seines persönlichen Glückes seinem Ehrgeiz zur Sättigung hinwarf , grade das schuf den Sturz seiner Herrschaft . Er scheuchte sein altes Glück , sein geliebtes Schicksal , von seiner Seite - das Schicksal rächte sich . Ueber