« » Aber hart ist ' s doch ! « sagte Sender . » Sieben Jahre ! Wen ' s gerade trifft - ihm wär ' besser , er wär ' nie geboren ! « Darauf erwiderte der Meister nichts mehr und es wurde so still in der Werkstätte , daß man die Fliegen summen hörte . Nach einer Weile pfiff Sender wieder leise vor sich hin . Aber er mußte dazwischen doch zuweilen die Hand auf die Brust legen . Er fühlte sich völlig wohl , aber jener ungewohnte Druck wollte nicht weichen . Indes hatte auch Frau Rosel ihren Gang zur Stadt angetreten . Der Rabbi hatte ihr am Tage zuvor durch Meyerl Schulklopfer sagen lassen , er erwarte sie morgen zehn Uhr , er habe Wichtiges mit ihr zu besprechen . Ihr Herz pochte , je näher sie seinem Hause kam . Es handelte sich um Senders Schicksal ! Wenige Schritte vor dem Hause hörte sie sich angerufen ; da kam Itzig Türkischgelb hastig herbeigekeucht , daß die dünnen , grauen Wangenlöckchen nur so um das rötliche Antlitz flogen . » Er hat mich auch bestellt « , sagte er , » er will mit uns die Sach ' in Ordnung bringen ! « » Wenn ' s nur von uns beiden abhinge « , erwiderte Frau Rosel kummervoll . Im Vorzimmer des Rabbi trafen sie den armen , kleinen Kaiseradler , der gleichsam Adjutantendienste bei dem Gelehrten versah . » Ich hab ' da einen Zettel für Euern Sohn « , sagte er demütig , » ich hab ' ihn nicht getroffen - es ist die Vorladung zur Losung , darf ich sie Euch geben ? « Die Frau nahm die Vorladung und ließ den Blick traurig auf dem grauen Papier haften . Oben war der kaiserliche Doppeladler zu sehen , unten der Stempel der Gemeinde Barnow ; die gedruckten und geschriebenen Zeilen , die dazwischen standen , verstand sie nicht - es waren ja » christliche « Buchstaben . In deutscher Sprache , die damals im ganzen Kaiserstaat die Amtssprache war , wurde der Uhrmacherlehrling Sender Glatteis , bei der Rosel Kurländer im Mauthaus wohnhaft , aufgefordert , bei Vermeidung der gesetzlichen Strafen u.s.w. Zur Orientierung für den Boten hatte Luiser Wonnenblum in hebräischer Kurrentschrift an den Rand geschrieben : » Roseles Pojaz . « Frau Rosel trat , vom Marschallik geleitet , in die Studierstube des Rabbi . Er saß im Lehnstuhl hinter einem mächtigen Folianten und horchte einem seltsamen Konzert . An einem Tische am Fenster saßen drei Jünglinge , wiegten sich gleichmäßig hin und her und lasen unisono in hohen Tönen näselnd einen Talmudtext , daß es wie der Singsang dreier verschnupfter Tenore klang . Bei dem Eintritt der beiden hieß sie der Rabbi hinausgehen , lud die Gäste zum Sitzen ein und begann dann : » Es steht geschrieben : Laß die Kinder der Welt das Weltliche besorgen . Aber geschrieben steht auch : Der Waisen Sache sei deine Sache . Ich hab ' mich nicht darum zu kümmern , welcher Jung ' welches Mädele nimmt und ob er Sellner wird oder nicht . Aber Sender ist ein Fremdling in unserer Gemeinde , und hat sonst keinen Annehmer als mich , und sein Vater - er ruhe in Frieden - hat mich vielleicht ohnehin schon vor Gott verklagt - wegen seines Kadisch . Er soll mir nicht auch nachsagen dürfen : Er hat meinen Sender dem Verderben überlassen ! Und darum muß ich jetzt über seine Heiratssach ' mit Euch reden und über seine Militärsach ' , so ungern ich es tu ' ! « Er begann sich hin und her zu wiegen und fuhr fort : » Sind es aber zwei Sachen ? Nein - es ist beides eine Sach ' ! Wenn Sender nicht heiratet , so muß er Sellner werden ! Folglich muß er heiraten ! Wo aber ist da die Schwierigkeit ? Ist Sender vielleicht , Gott bewahre , außer stande , zu heiraten ? Nein ! Oder haftet , Gott bewahre , ein Makel an ihm ? Nein ! Oder findet sich niemand , der ihm seine Tochter geben wollt ' ? Nein , Reb Itzig hier hat mir gesagt , er kennt solche Eltern ! Oder ist an diesen Eltern oder an ihren Töchtern ein Makel , daß Ihr , Frau Rosel , oder Sender sie verschmähen müßtet ? ! Nein , nicht an allen . Also wo ist die Schwierigkeit , frag ' ich nochmals ? Darin liegt sie , daß Euch , Frau Rosel , leider kaum eine zur Schwiegertochter recht ist . Und ferner darin , daß Sender nicht heiraten will ! Das erste ist nicht in der Ordnung , und das andere ist gar eine Sünde , und beides wegzutun und auszurotten , als ob es nie dagewesen wär ' , ist meine Pflicht und mein Recht . Darum hab ' ich euch beide hierher berufen ! « Frau Rosel machte eine Bewegung , sie wollte sprechen . » Später ! « sagte der Rabbi streng . » In der Klaus ( Gelehrtenstube ) sprechen Weiber nur , wenn sie gefragt werden , und dann kurz ! Ich , der ich doch wahrlich genug zu sagen hätte , rede auch kurz . Und ich bin doch der Rabbi ! Denn warum ? Weil geschrieben steht : Das wohlriechendste Gewürz ist Schweigen . Und ferner steht geschrieben : Der Weisheit Zaun ist die Schweigsamkeit ! Und dann steht noch geschrieben : Bevor du gesprochen , bist du deiner Worte Herr ! Nachdem du gesprochen , sind sie deine Herren ! Darum besinne dich , ehe du sie deinem Munde entweichen läßt ! Und ebenso steht geschrieben : Bewahre deine Zunge vor unnützen Reden , damit deine Kehle keinen Durst bekomme ! « » Ich verstehe « , sagte der Marschallik mitleidig . » Soll ich Meyerl Schulklopfer sagen , daß er Euch etwas Wein bringt ? « Und ehe sich der Rabbi