Heldenrolle in einer Geschichte , die in erster Ordnung doch unterhalten soll . Als jüngster Sohn des seligen Amtsbruders von Bielitz , daher Luischens Schwager , und als eine kreuzfidele Haut war er Dezems Intimus auf der Schule geworden , und die Pfarrtür von Werben stand allezeit gastlich vor ihm offen . Wenn sie ihm aber auch ungastlich vor der Nase zugeschlagen worden wäre , würde er durch die Hintertür wieder eingeschlüpft sein und gerufen haben : » Da bin ich , Peter Kurze , ich , ich , ich ! « Denn blöde war Peter Kurze eben nicht . Wo er einen Schornstein rauchen sah , dachte er : Hier ist gut sein ! Hatte Dame Fortuna just nicht splendid für ihn gesorgt , so sorgte er um so beflissener für sich selbst und schob sich als armer Teufel äußerst vergnüglich durch die Welt . Da er ein paar Jahr mehr als Dezimus zählte , war er heuer bereits als medizinischer Fuchs zu den Ferien eingesprungen und prangte nun erst recht in der Glorie der lustigmachenden Person . Daß er in seiner Manier nicht weniger als der Leutnant in der seinen dem Pfarrröschen » die Cour schnitt « , verstand sich , wie er selbst es ausdrückte , » am Rande « . Aber - glückselige Organisation für einen Primaner ! - auch der Doktor in spe machte Dezem keine Herzbeklemmung . Vater Blümel wollte freilich das Tanzen , in Erwartung einer Verwandtenleiche , nicht geziemend finden , seine Hanna aber sagte : » Gönne doch den armen Dingerchen den ersten Luftzug der Freiheit , wer weiß , lieber Konstantin , wer weiß , wie bald ihn ein Trauerhauch verweht . « Damit schlug sie einen Schottischen an , und die drei Paare hopsten seelenvergnügt rundum ; am vergnügtesten die beiden Fräulein . Bei dem flinken Pfarrröschen aber hatte auf diesen ländlichen Bällen der Leutnant entschieden das Prä . Lydia begleitete die Geschwister niemals . Sie ließ den Vater nicht allein . Ihr jüngster Bruder , Philipp , hatte das Scharlach gehabt , und die Mutter würde nicht um die Welt die Krankenstube vor den gesetzmäßigen sechs Wochen verlassen haben . Den siechen Gatten wußte sie ja unter der Tochter Augen wohlversorgt . Eines Nachmittags , als das junge Volk im Pfarrgarten wieder einmal recht übermütig den Plumpsack walten ließ , kam Lydia aber dennoch ohne den Vater den Geschwistern nach , gegen ihre Art in ängstlicher Aufregung . Die Kammerfrau der Tante hatte von dem Hafenplatze , wo die Ausschiffung der Leiche stattgefunden , geschrieben ; da ihr Eintreffen in Werben binnen zwei Tagen erwartet werden durfte , wünschte der Propst , daß Martin bis zu der Station , wo die Eisenbahn verlassen wurde , ihr entgegenreise , um den Kondukt in die Heimat zu geleiten . Max und seine Schwester hatten bereits in Rom den Landweg eingeschlagen ; die Kammerfrau vermutete sie längst in Werben . Und sie waren nicht angelangt , hatten keinerlei Nachricht von sich gegeben . » Wenn ihnen ein Unfall zugestoßen wäre ? « schloß Lydia . » Ach , gar ein Unfall ! « widersprach Röschen lachend . » Sie werden sich unterwegs , wo es hübsch war , aufgehalten und gedacht haben : Was schadet es der seligen Tante , wenn sie ohne unser Beisein bei ihren Vätern den Einzug hält ? « Die Schloßgeschwister brachen auf ; die Pfarrgeschwister , inklusive Peter Kurzens , begleiteten sie . Den Weinberg hinab , den Uferpfad entlang , die Terrassen hinan ging es in neckischem Fliehen und Sichhaschen . Keiner fragte danach , daß die tolle Jagd aus den Schloßfenstern beobachtet werden könne . Seit dem Eintreffen der Trauerpost aus Rom schien in dem klösterlichen Hause alles außer Rand und Band geraten . Nur Lydia und Dezimus gingen sacht hinterdrein ; sie folgten Max auf seiner Alpenreise und langten am Fuße der Terrasse erst an , als die anderen längst im Schlosse verschwunden waren . Jählings starrte beider Schritt , stockte beider Atem . Von oben herab kam einer ihnen entgegen , mit verwegenem Satz die letzte Mauerstufe hinunterspringend . » Lydia ! « rief Max , umfaßte sie mit beiden Armen und preßte seine Lippen auf die ihren . Sie war einen Moment von Purpur übergossen ; im nächsten hatte sie sich ihm entwunden . Ein Schauer flog über ihren Leib ; sie stand entfärbt , mit geschlossenen Augen wie in den Boden gewurzelt . » Grüß Sie Gott , Dezimus ! Himmel , was sind Sie groß geworden . Aber sehen Sie doch dieses Bild , dieses Göttermenschenbild ! « Sidonie war es , welche , langsam die unterste Terrasse niedersteigend , also sprach , indem sie die eine Hand Dezimus entgegenstreckte und mit der anderen auf die versteinerte Gruppe der beiden schönen jungen Verwandten deutete . Dann gegenseitiger Willkommenwechsel , Aufklärung und Mitteilung . Sidonie führte das Wort . Maxens Augen hingen mit gleichem Entzücken an Lydia wie die von Dezimus an seinem Jovisstern . Aber auch die Verwandlung der kleinen Sidi machte ihn staunen . Eine langwierige orthopädische Kur hatte Wunder an ihr gewirkt ; sie war bedeutend gewachsen , und wenn die Unebenheit des Baues auch nicht ausgeglichen werden konnte , der Kopf war nahezu schön ; man sah es ihr an , daß nur ein äußerer Unfall die Mißgestalt verschuldet hatte . Das gemischte Blut der Hartenstein und Mehlborn strömte in ihren Adern so gesund wie in denen ihres herrlichen Bruders . Im übrigen war sie , wie schon als Kind , sich ihres Makels bewußt und brach ihm durch rüstigen Humor die Spitze ab . Lydia sprach an diesem Abend kaum ein Wort . Ihre Lider waren wie im wachen Traume gesenkt , sie schwebte einher , als ob ihr Flügel gewachsen wären . Am anderen Morgen widerfuhr dem vom Glück erkorenen Johannissohne wieder einmal so unverdient wie unversehens eine außerordentliche Ehre . Während er sich mit seinem Vater in der großen Geschäftsangelegenheit des Tages auf