sie weinend und frohlockend , im Taumel eines an Schmerz grenzenden Entzückens . Regula meinte einen Augenblick , daß ihre immer so ruhige und zurückhaltende Dienerin wahnsinnig geworden sei . Bozena richtete sich auf die Knie empor , sie erhob den Kopf und die Arme , als bringe sie dem Himmel ein Opfer dar , und rief : » Das Glück des Kindes für das Glück der Mutter ... Herr ! Herr ! Sie hätte getauscht ! Nimm du es an und nimm damit die Sünde von mir ! « 20 Als Professor Bauer den Brief Regulas erhielt , machte er alle Stadien eines mit dem Jawort der Geliebten überraschten Liebhabers durch . Vor allem traute er seinen Augen nicht , dann traute er ihnen und geriet in ein dithyrambisches Entzücken , aus dem er in elegische Rührung überging und sich fragte : Verdiene ich auch ein solches Glück ? Im heißen Drang seines mitteilungsbedürftigen Herzens eilte er hinüber zu Mansuet , ihm das große Ereignis zu verkünden . Auf halbem Wege jedoch besann er sich eines andern , machte plötzlich kehrt , rannte ebenso schnell nach Hause zurück , als er davongerannt war , stopfte in größter Hast seinen schwarzen Anzug und einige Wäsche in einen Reisesack und stürmte nach dem Bahnhofe , wo er eben noch Zeit hatte , ein Billett zu dem in der Richtung nach Rondsperg abgehenden Zug zu lösen . In der ersten halben Stunde der Fahrt hielt sich seine Stimmung auf ihrer schwindelnden Höhe , in der zweiten begann sie zu sinken , und in der dritten schoß - wie eine schwarze Schlange , die die Fähigkeit abzufärben besäße - der Zweifel trübend über das spiegelglatte Meer seiner Wonne . Enthalten die Worte : » Ich bin die Ihre « , auch wirklich ein Eheversprechen ? ... Lassen sie sich auch wirklich dem Sinn und Geiste nach mit : Ich will Sie heiraten , übersetzen ? Sind sie nicht etwa nur als bloße Höflichkeitsform zu betrachten wie sie oft angewendet wurde von unsern größten Dichtern - wie etwa Schiller an Cotta schreibt : » Der Ihrige - Schiller ? « ... Regulas klassische Bildung , die ihn so oft zur Bewunderung hinriß , erweckt ihm in diesem Augenblicke Grauen . Der Zug hält in der Station für Rondsperg , der Kondukteur reißt den Schlag des Waggons auf : » Eine Minute Aufenthalt ! « ... Nein , Bauer steigt nicht aus ! - Er fährt weiter - wohin ist ihm gleichgültig , nur weiter , nur hinweg ! ... Die Lokomotive läßt einen scharfen Pfiff vernehmen , er gellt : Feigling ! O Schmach , das gilt ihm ... Der Kondukteur steckt sein zorniges Gesicht in den Wagen : » Ist kein Passagier für Hullein da ? « ... Der Professor schnellt bestürzt empor . » Aber zum Teufel , so steigen Sie doch aus ! Sind Sie denn taub ? « fährt ihn der Eisenbahnbedienstete mit der Höflichkeit seines Standes für Insassen der zweiten Wagenklasse an . In größter Verlegenheit , wie ein ertappter Schulknabe , beeilt sich Bauer , schleunigst zu gehorchen . Er steht auf dem Boden ; eine mitleidige alte Frau wirft ihm seine im Wagen vergessene Reisetasche zu - der Zug braust davon . Er blickt ihm nach und denkt , er hätte nie geglaubt , daß ein gesetzter Mann und Professor in eine zugleich so traurige und lächerliche Lage kommen könne . Was nun beginnen ? Bauer ist ratlos . Da hilft ihm einer der menschenfreundlichen Volontärs , die vor wenigen Tagen durch ihre Habgier Regulas Entrüstung erweckten , indem er die Frage an den Professor stellt , ob er nach dem Städtchen fahren wolle , das eine halbe Stunde weit von der Station und auf dem Wege nach Rondsperg liegt . Bauer bejaht es - jetzt ist sein Plan gemacht ; er wird im Städtchen übernachten und sich ' s dort überlegen , ob er umkehren oder weiterreisen solle . Unter dem Beistande des Volontärs , gegen den er sich in Danksagungen erschöpft , besteigt der Professor einen scheppernden Einspänner , der ihn und seine Effekten um zehn Uhr abends vor dem Tore des » Goldenen Schwan « , des ersten Hotels in K. , absetzt . Nach einem sehr frugalen Abendessen begibt sich Bauer in das ihm angewiesene Zimmer , wo er die Nacht , zusammengekauert in einem sehr kurzen und sehr hohen Bett , zubringt ; seine langen Glieder darin auszustrecken wäre unmöglich gewesen . An Schlaf denkt Bauer nicht . Er gerät allmählich in eine begeistert resignierte , über Erdenweh und Erdenlust erhabene Stimmung . Wunderbar hat das Schicksal ihn geführt , man möchte sagen , fast gegen seinen eigenen Willen , aus seiner kleinen Studierstube bis hierher in das katafalkähnliche Bett im Gastzimmer Nr. 3 des » Goldenen Schwan « zu K. Nimm mich auf deine Flügel , Fatum ! denkt der Professor , und das Fatum scheint bestimmt zu haben , ihn schlafend seinem Ziele entgegenzutragen , denn trotz aller Aufgeregtheit nickt Bauer fest und fester ein , und als er erwacht , schlägt es eben neun Uhr vom Rathausturme . Bauer kleidet sich an und begibt sich in den Speisesaal zum Frühstück . Auf der Schwelle bleibt er stehen wie angewurzelt , vor Überraschung zur Salzsäule verwandelt . Er hat im Zimmer , in einem lebhaften Gespräche mit dem Wirte begriffen , die Herren Wenzel , Weberlein und Schimmelreiter erblickt . » Ah ! auch berufen ! auch berufen ! « spricht der Advokat in seiner freundlichen Weise , » das ist allerliebst . Sie haben doch noch keinen Wagen bestellt ? - Und wenn , sagen Sie ihn wieder ab . Sie fahren mit uns nach Rondsperg ... « Fatum ! Fatum ! Der Professor tauscht Händedrücke mit den Freunden , protestiert gegen ihre Einladung und nimmt sie , natürlich , an . Er kann ja unterwegs noch aussteigen , er kann selbst noch , am ersehnten Ziele angelangt ,